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Der Fund im Neandertal – Eine Entdeckung verändert die Geschichte

Im August 1856 ahnten zwei italienische Steinbrucharbeiter im Neandertal nicht, dass sie mit ihren Schaufeln das menschliche Selbstverständnis erschüttern würden. Während sie den harten Lehm aus der „Kleinen Feldhofer Grotte“ räumten, stießen sie in etwa 60 Zentimetern Tiefe auf Knochen. Sie hielten die Überreste für Abfall und warfen sie achtlos zusammen mit dem Lehm den Hang hinunter. Nur das Eingreifen des Steinbruchbesitzers Wilhelm Beckershoff verhinderte den Verlust: Er vermutete die Knochen eines Höhlenbären und ließ sechzehn größere Fragmente aus dem Schutt bergen.

Als der Elberfelder Lehrer und Fossiliensammler Johann Carl Fuhlrott die Stücke untersuchte, erkannte er sofort, dass es sich um einen Menschen handelte – allerdings um einen mit ungewöhnlich massiven Knochen und ausgeprägten Überaugenwülsten. Zusammen mit dem Bonner Anatom Hermann Schaaffhausen präsentierte er den Fund 1857 der Fachwelt. Ihre These war für die damalige Zeit revolutionär: Es handele sich um eine vorzeitliche Form des Menschen aus einer Epoche weit vor der geschriebenen Geschichte.

Der Streit der Gelehrten

Neanderthaler im Neanderthal-Museum

Die Entdeckung fiel in eine Zeit heftiger wissenschaftlicher Umbrüche, nur drei Jahre vor der Veröffentlichung von Darwins „Über die Entstehung der Arten“. Fuhlrotts Interpretation stieß auf massiven Widerstand. Der einflussreiche Pathologe Rudolf Virchow weigerte sich, in dem Fund einen „Urmenschen“ zu sehen. Er erklärte die markanten Skelettmerkmale als Folge von Krankheiten wie Rachitis und Arthritis. Ein anderer Gelehrter, August Franz Josef Karl Mayer, spekulierte sogar, die Knochen stammten von einem berittenen russischen Kosaken aus den napoleonischen Kriegen, dessen deformierte Beine vom Reiten und dessen Brauenwülste vom schmerzverzerrten Stirnrunzeln rührten.

Erst Jahrzehnte später, als in Belgien und Gibraltar weitere Skelette mit identischen Merkmalen auftauchten, setzte sich die Erkenntnis durch, dass Fuhlrott recht hatte. Der irische Geologe William King gab der neuen Menschenart 1864 schließlich ihren bis heute gültigen Namen: Homo neanderthalensis.

Spurensuche im Abraum

Die Fundstätte der Kleinen Feldhofer Grotte, wo der Neandertaler 1 entdeckt wurde

Lange Zeit galt der ursprüngliche Fundort als unwiederbringlich verloren, da der Kalkabbau die gesamte Felswand mitsamt der Höhle abgetragen hatte. Doch Ende der 1990er-Jahre gelang Archäologen eine wissenschaftliche Sensation. Durch die Auswertung historischer Karten lokalisierten sie die Stelle, an der die Arbeiter 1856 ihren Abraum hingeworfen hatten. In einer groß angelegten Grabung siebten die Forscher den Boden unter dem heutigen Talniveau und fanden tatsächlich weitere Teile des ursprünglichen Skeletts.

Diese Nachgrabungen brachten über siebzig neue Fragmente zutage, darunter ein Stück des Jochbeins, das exakt an den Schädelfund von 1856 passte. Diese modernen Untersuchungen bestätigten nicht nur die Echtheit des Fundes, sondern lieferten auch erstmals die Möglichkeit für präzise Datierungen und DNA-Analysen. Der Mann aus dem Neandertal war kein Einzelfall, sondern Teil einer Bevölkerung, die über Jahrtausende den europäischen Kontinent geprägt hatte.

Ein bleibendes Erbe

Die Entdeckung im Neandertal markiert den Beginn der Paläoanthropologie. Was als zufälliger Fund in einem Steinbruch begann, entwickelte sich zur Suche nach den Wurzeln der Menschheit. Heute ist das Neandertal weltweit ein Begriff für die Erforschung unserer Herkunft. Der Fund zeigt, dass die Geschichte des Menschen weitaus komplexer und älter ist, als es sich die Forscher des 19. Jahrhunderts vorstellen konnten.


Zum Weiterlesen

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Jürgen Richter (2017): Altsteinzeit: Der Weg der frühen Menschen von Afrika bis in die Mitte Europas.*

Hermann Parzinger (2018): Abenteuer Archäologie: Eine Reise durch die Menschheitsgeschichte.*

Bildnachweis

Titel: Neanderthaler 1. Wikimedia Commons, Eunostos. CC BY-SA 4.0.

Neanderthaler: Neanderthal-Museum, Mettmann. Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.

Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

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