Am Abend des 29. September 1938 treffen im Münchner Führerbau vier Regierungschefs zusammen. Adolf Hitler, Neville Chamberlain, Édouard Daladier und Benito Mussolini nehmen an einem Tisch Platz, während über die Zukunft eines Staates entschieden wird, dessen Vertreter nicht anwesend sind. Die tschechoslowakische Delegation hält sich in einem Münchner Hotel auf und erhält nur knappe Informationen. In diesen Stunden bleibt offen, ob Europa wenige Tage später in einen Krieg eintritt.
Was in dieser Nacht vereinbart wird, entfaltet eine Wirkung, die weit über den unmittelbaren Anlass hinausreicht. Das Münchner Abkommen entwickelt sich zu einem festen Bezugspunkt politischer Argumentation. In späteren Debatten über internationale Krisen taucht das Münchner Abkommen immer wieder als Bezugspunkt auf. Ein genauer Blick auf die Bedingungen des Jahres 1938 und auf die Möglichkeiten der beteiligten Regierungen hilft, diese Entscheidung einzuordnen.
Die Zuspitzung der Sudetenfrage
Die Entwicklung, die im Herbst 1938 in München kulminiert, beginnt Monate zuvor. Nach dem Anschluss Österreichs richtet sich die Aufmerksamkeit der nationalsozialistischen Führung verstärkt auf die Tschechoslowakei. Die Sudetendeutsche Partei unter Konrad Henlein verschärft ihre Forderungen nach Autonomie und stellt die Loyalität gegenüber dem Prager Staat zunehmend infrage.

Diese Eskalation ist das Ergebnis gezielter politischer Steuerung. Am 28. März 1938 erhält Henlein bei einem Treffen in Berlin von Hitler den Auftrag, Forderungen zu formulieren, die für die tschechoslowakische Regierung nicht akzeptabel sein können. Dieses sogenannte Maximalprogramm ist darauf angelegt, den politischen Konflikt systematisch zu verschärfen und eine tragfähige Kompromisslösung zu verhindern. Autonomieansprüche werden so ausgestaltet, dass sie die staatliche Integrität der Tschechoslowakei unter Druck setzen.
Die Sudetenfrage eignet sich für dieses Vorgehen besonders. Die Tschechoslowakei ist ein multinationaler Staat mit einer leistungsfähigen Industrie, gut ausgebauten Grenzbefestigungen und einer strategischen Lage, die für das Deutsche Reich ungünstig erscheint. Für Hitler stellt sie ein Hindernis auf dem Weg zu einer dominierenden Stellung in Mitteleuropa dar. Die Krise des Jahres 1938 dient dazu, diesen Staat politisch zu isolieren, diplomatisch unter Druck zu setzen und seine Bündnisse zu schwächen.
In Prag erkennt man die Gefahren früh und setzt auf bestehende Verträge, vor allem auf die Verbindung zu Frankreich. Gleichzeitig fließt in die Entscheidungsfindung ein, dass eine militärische Auseinandersetzung mit dem Deutschen Reich erhebliche Risiken birgt. Die tschechoslowakische Führung bewegt sich damit in einem engen Handlungskorridor.
Wahrnehmungen in London und Paris
In London und Paris wächst die Besorgnis über die Entwicklung in Mitteleuropa. Die Regierungen beider Länder treffen ihre außenpolitischen Entscheidungen vor dem Hintergrund eigener struktureller Schwächen. Frankreich ist innenpolitisch instabil, gesellschaftlich gespalten und militärisch stark defensiv ausgerichtet. Großbritannien verfügt über eine weltweit operierende Marine, weist jedoch deutliche Defizite in der Luftverteidigung und im Schutz der eigenen Bevölkerung auf.
Die politischen Entscheidungsträger rechnen mit einem Krieg, der sich deutlich von den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs unterscheidet. Luftangriffe auf Städte, hohe zivile Verluste und eine rasche wirtschaftliche Erschöpfung gelten als realistische Szenarien. Diese Erwartungen prägen das Handeln stärker als formale Bündnisverpflichtungen oder völkerrechtliche Erwägungen.
Diplomatie und militärische Vorbereitung
Die Politik der Zugeständnisse, die später unter dem Begriff Appeasement zusammengefasst wird, beruht auf einer Einschätzung der verfügbaren militärischen, wirtschaftlichen und politischen Ressourcen. In Großbritannien und Frankreich steht die Frage im Mittelpunkt, wie sich Zeit gewinnen lässt, um bestehende Defizite auszugleichen und die eigene Verteidigungsfähigkeit zu verbessern.

Diese Zeit wird aktiv genutzt. In Großbritannien schreitet der Ausbau der Royal Air Force rasch voran. Moderne Jagdflugzeuge gehen in Serienproduktion, Radarstationen entstehen entlang der Küstenlinie, Luftschutzmaßnahmen für die Zivilbevölkerung werden vorbereitet. Auch Frankreich beginnt mit der Modernisierung seiner Streitkräfte, wenn auch langsamer und stärker durch innenpolitische Debatten gebremst.
Diplomatische Zugeständnisse und militärische Vorbereitung laufen parallel. Sie bilden Bestandteile einer Strategie, die auf Verzögerung, Absicherung und Risikobegrenzung ausgerichtet ist. Die Wirkung dieser Strategie lässt sich erst aus der späteren Entwicklung beurteilen.
Die Konferenz von München
Im September 1938 erreicht die Krise ihren Höhepunkt. Hitler kündigt ein militärisches Eingreifen an. Die tschechoslowakische Armee mobilisiert, ebenso Teile der französischen Streitkräfte. In Großbritannien rückt die Sorge vor Luftangriffen auf London in den Mittelpunkt der öffentlichen Wahrnehmung.
Neville Chamberlain reist mehrfach nach Deutschland, um persönlich zu verhandeln. Als sich keine nachhaltige Entspannung abzeichnet, kommt es zur Konferenz von München. Eingeladen sind Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Italien. Die Tschechoslowakei bleibt ausgeschlossen, ebenso die Sowjetunion, obwohl sie vertraglich mit Prag verbunden ist.

In der Nacht vom 29. auf den 30. September wird vereinbart, dass das Sudetenland an das Deutsche Reich abgetreten wird. Die Wehrmacht soll binnen weniger Tage einmarschieren. Das Abkommen sieht zudem eine internationale Garantie für den verbleibenden tschechoslowakischen Staat vor. Außerdem sind Volksabstimmungen in weiteren umstrittenen Gebieten vorgesehen.
Diese Bestimmungen bleiben ohne praktische Umsetzung. Eine verbindliche internationale Garantie entsteht nicht, die geplanten Plebiszite finden nicht statt. Die entsprechenden Passagen des Abkommens behalten damit vor allem formalen Charakter.
Entscheidungen unter strukturellem Zwang
Für die tschechoslowakische Regierung stellt das Abkommen eine Entscheidung unter erheblichem Druck dar. Ohne militärische Unterstützung aus dem Westen und angesichts der strategischen Lage erscheint bewaffneter Widerstand kaum durchführbar. Präsident Edvard Beneš akzeptiert die Bedingungen und tritt kurz darauf zurück. In der tschechoslowakischen Öffentlichkeit entsteht das Gefühl, einem fremden Beschluss ausgeliefert worden zu sein.
Auch in Paris und London herrscht keine ungeteilte Erleichterung. Daladier wird bei seiner Rückkehr von Menschenmengen empfangen und bleibt selbst skeptisch. Chamberlain spricht von der Hoffnung auf Frieden, während die militärischen Vorbereitungen fortgesetzt werden.
Folgen für Mitteleuropa
Mit dem Verlust des Sudetenlands verliert die Tschechoslowakei einen Großteil ihrer Grenzbefestigungen und industriellen Schlüsselregionen. Der Staat gerät wirtschaftlich und politisch unter Druck. Polen und Ungarn stellen eigene territoriale Forderungen. Autonomiebestrebungen innerhalb des verbliebenen Staatsgebiets nehmen zu, autoritäre Kräfte gewinnen an Einfluss.
Für Hitler bedeutet München einen außenpolitischen Erfolg. Das Deutsche Reich erhält territoriale Gewinne ohne militärischen Einsatz. Gleichzeitig wächst in der Führungsspitze der Unmut darüber, dass der erwartete Krieg ausbleibt. Im März 1939 besetzt die Wehrmacht die verbliebenen tschechischen Gebiete und errichtet das Protektorat Böhmen und Mähren. Das Münchner Abkommen verliert damit seine praktische Bedeutung.

München als dauerhafter Bezugspunkt
Nach 1945 entwickelt sich das Münchner Abkommen zu einem festen Argument in internationalen Debatten. Bei späteren Konflikten wird es regelmäßig herangezogen, um vor diplomatischen Zugeständnissen zu warnen. Der Begriff Appeasement fungiert dabei häufig als politisches Schlagwort, losgelöst von den konkreten Bedingungen des Jahres 1938.
Dabei gerät aus dem Blick, dass die Entscheidungen von München Teil einer umfassenderen Strategie waren, die auch auf militärische Vorbereitung setzte. Die zwischen 1938 und 1940 gewonnene Zeit erwies sich für die Verteidigungsfähigkeit Großbritanniens als bedeutsam. Gleichzeitig zeigte sich, dass diplomatische Vereinbarungen ohne tragfähige Sicherheitsgarantien ihre Wirkung rasch einbüßen.
Das Münchner Abkommen steht damit für eine Situation begrenzter Handlungsmöglichkeiten. Es macht sichtbar, wie außenpolitische Entscheidungen unter Zeitdruck, Unsicherheit und unvollständigem Wissen entstehen. Seine Bedeutung liegt in der Einsicht, dass internationale Politik von strukturellen Zwängen geprägt ist, deren Folgen sich oft erst später vollständig zeigen.

Zum Weiterlesen
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Kershaw, Ian (2009): Hitler – 1889-1945 – Standardwerk zur politischen Entscheidungsfindung Hitlers.*
Müller, Rolf-Dieter (2015): Der Zweite Weltkrieg – Überblick mit Einordnung der internationalen Konstellation und der Aufrüstungspolitik.*
Caquet, P. E. (2017):The balance of forces on the eve of Munich – Militärhistorische Einordnung der Kräfteverhältnisse vor der Münchner Konferenz, hilfreich zur Kontextualisierung der damaligen Entscheidungslogiken.
Bildnachweis
Titel: Chamberlain, Daladier, Hitler, Mussolini, und Ciano. Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst – Zentralbild (Bild 183).
Karte: Wikimedia Commons, Jaro.p.
Henlein: Wikimedia Commons, Bundesarchiv_Bild_121-0008,_Sudetenland,_Besuch_Wilhelm_Frick.jpg.
Sudetenland: Bundesarchiv, Bild 183-H13192 / CC-BY-SA 3.0.
Hitler, Chamberlain, Mussolini. Wikimedia Commons, Bild 146-1970-052-24.
Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

