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Karl Popper und die Verteidigung der Freiheit

Christchurch, Neuseeland, im Frühjahr 1938. Karl Popper sitzt am anderen Ende der Welt in seinem Arbeitszimmer. Während er aus der Ferne zusehen muss, wie seine Heimat Österreich durch den „Anschluss“ an das nationalsozialistische Deutschland verschwindet, trifft er eine Entscheidung. Er wird seine Zeit nicht länger nur der abstrakten Logik widmen. Er beginnt mit der Arbeit an einem Buch, das er später als seinen „Kriegsbeitrag“ bezeichnen wird: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Für den Philosophen ist klar, dass der Totalitarismus kein Betriebsunfall der Moderne ist, sondern eine tiefe intellektuelle Tradition hat.

Warum Platon und Marx?

Karl Popper in jüngeren Jahren

In seiner Einleitung stellt Popper die provokante These auf, dass die Zivilisation ihren Schock über den Übergang von der geschlossenen Stammesgesellschaft – wo Tradition und Hierarchie unangefochten galten – zur „offenen Gesellschaft“ noch immer nicht überwunden hat. Er wählt Platon und Marx als Hauptgegner aus, weil sie für ihn die einflussreichsten Vertreter des Versuchs sind, diesen Schock durch Rückkehr oder Vorhersage zu heilen.

Platon wählt er aus, weil dieser das Fundament für das autoritäre Denken im Westen legte. Popper wirft ihm vor, die erste große philosophische Reaktion gegen die Freiheit angeführt zu haben. Marx hingegen wählt er, weil dieser den gefährlichsten modernen Versuch unternahm, die Geschichte auf eine vermeintlich wissenschaftliche Basis zu stellen. Popper erkennt Marx’ moralisches Engagement für die Unterdrückten an, sieht in seinem „ökonomischen Historizismus“ – dem Glauben an unabänderliche Geschichtsgesetze – jedoch eine fatale Falle: Die Annahme, man könne den Lauf der Welt vorhersagen, führt direkt in die politische Unfreiheit.

Der Kampf gegen die „falschen Propheten“

Karl Marx (1818-1883)

In Der Zauber Platons greift Popper das Ideal des Philosophenkönigs frontal an. Platon wollte den sozialen Wandel aufhalten, um zu einer vermeintlich vollkommenen, erstarrten Hierarchie zurückzukehren. Popper spitzt Platons Ethik in dem Satz zusammen: „Das Wohl des Staates ist das einzige Maß der Moral.“ Für Popper ist dies der Kern des Totalitarismus – das Individuum wird zum bloßen Werkzeug des Kollektivs degradiert.

In seinem zweiten Band, Falsche Propheten, widmet er sich der „Hochflut der Prophetie“ bei Hegel und Marx. Er kritisiert deren Glauben, die Geschichte folge unumstößlichen Gesetzen. Für Popper zerstört dieser Glaube die Verantwortung des Einzelnen für das Hier und Jetzt. Er schreibt pointiert: „Wir müssen aufhören, die Rolle des Propheten zu spielen, und wir müssen anfangen, die Rolle des Schöpfers unseres Schicksals zu übernehmen.“

Diese Warnung vor deterministischem Denken führt Popper zu einer weiteren Einsicht über die Fragilität der Freiheit.

Das Paradoxon der Toleranz

Inmitten seiner Analyse formuliert Popper eine Warnung, die heute wieder im Zentrum politischer Debatten steht. Er erkennt, dass Freiheit sich nicht selbst überlassen werden kann, ohne sich aufzugeben. In einer berühmten Fußnote des ersten Bandes schreibt er:

„Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz. Wenn wir die unbeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaft gegen die Angriffe der Intoleranten zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und mit ihnen die Toleranz.“

Für Popper ist die offene Gesellschaft eine streitbare Demokratie – eine, die sich wehrt. Er fordert, dass wir Bewegungen, die die Vernunft ablehnen und Gewalt predigen, notfalls als verbrecherisch behandeln müssen.

Die Sozialtechnik der kleinen Schritte

Gegen die großen utopischen Entwürfe, die die Gesellschaft „im Ganzen“ neu erschaffen wollen, setzt Popper das Konzept des piecemeal social engineering – einer Politik der kleinen, überprüfbaren Schritte. Wir können erkennen, wo konkretes Leid existiert – auch wenn wir nicht wissen, wie eine perfekte Gesellschaft aussieht.

Politik sollte wie Wissenschaft funktionieren: durch Versuch und Irrtum. Anstatt ein starres Heilssystem zu erzwingen, müsse man Institutionen schaffen, die es ermöglichen, schlechte Herrscher ohne Blutvergießen loszuwerden. Seine Kernfrage lautet nicht: „Wer soll herrschen?“, sondern: „Wie können wir politische Institutionen so organisieren, dass es schlechten Herrschern unmöglich gemacht wird, allzu großen Schaden anzurichten?“

Ein Vermächtnis gegen die Gewissheit

Karl Popper in den 1980er Jahren

Karl Poppers Offene Gesellschaft ist mehr als eine akademische Abrechnung mit Platon und Marx. Sie ist ein philosophisches Manifest aus der Dunkelheit des Zweiten Weltkriegs – geschrieben von einem Exilanten, der seine Heimat verloren hatte und zusehen musste, wie Europa in Flammen aufging. Aus dieser existenziellen Erfahrung heraus formuliert Popper eine radikale Einsicht: Die größte Bedrohung der Freiheit kommt nicht aus böser Absicht, sondern aus der Überzeugung, die endgültige Wahrheit über das richtige Gemeinwesen zu besitzen.

Poppers Kritik richtet sich gegen jede Form von intellektueller Gewissheit, die vorgibt, die perfekte Gesellschaft konstruieren zu können. Ob diese Gewissheit sich auf Platons Ideenlehre, Hegels Weltgeist oder Marx’ historische Gesetze beruft – das Ergebnis ist dasselbe: Der Einzelne verschwindet hinter dem vermeintlich höheren Ziel, die Gegenwart wird der Zukunft geopfert, und die Freiheit erstickt unter dem Gewicht der großen Erzählung.


Zum Weiterlesen

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Popper, K. R. (1945/1958): Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Band 1: Der Zauber Platons.*

Popper, K. R. (1945/1958): Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Band 2: Falsche Propheten.* Francke/UTB.

Bildnachweis

Titel: Anschluss Österreich: Wien im März 1938. Bundesarchiv, Bild 146-1985-083-10 / CC-BY-SA 3.0

Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

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