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Die Geister von Belgrad – Das serbische Komplott

Serie: Der lange Sturz – Europa 1903–1918

Es ist weit nach Mitternacht am 11. Juni 1903, als fast hundert Offiziere die dunklen Gänge des königlichen Anwesens in Belgrad stürmen. Sie suchen nach dem serbischen Königspaar. Mit Äxten schlagen sie die Türen ein, während die Wachsoldaten im Hof unschlüssig verharren. Als sie das Versteck hinter einer Tapetentür im Schlafzimmer entdecken, feuern die Verschwörer ihre Revolver leer. Die Leichen von König Alexander Obrenović und Königin Draga werden verstümmelt und schließlich aus dem Fenster in den Schlossgarten geworfen.

Ein dynastischer Bruch und der Wechsel der Freunde

König Alexander I. und Königin Draga

Dieser brutale Akt beendet nicht nur die Herrschaft der Obrenović-Dynastie, er löst Serbien aus dem engen Bündnis mit Wien. Unter dem ermordeten Alexander war das Land ein verlässlicher Partner der Habsburgermonarchie gewesen; man tauschte Informationen aus und sicherte die Grenzen. Mit dem neuen König Peter I. aus dem Hause Karadjordjević ändert sich der Alltag im Belgrader Regierungsviertel: Österreichische Berater werden entlassen, russische Gesandte gehen im Palast ein und aus.

Im Hintergrund zieht der junge Hauptmann Dragutin Dimitrijević, genannt „Apis“, die Fäden. Er ist der Kopf der Verschwörer und verkörpert einen neuen Typus des radikalen Offiziers. Für ihn zählt nicht der Eid auf einen Herrscher, sondern die Ausdehnung der serbischen Grenze – koste es, was es wolle.

Die „Schwarze Hand“ im Schatten der Macht

In den Jahren nach dem Umsturz festigen Apis und seine Vertrauten ihren Einfluss. Sie gründen den Geheimbund „Ujedinjenje ili Smrt“ (Vereinigung oder Tod), besser bekannt als die „Schwarze Hand“. Die Organisation infiltriert den Geheimdienst und das Bildungswesen, um die nächste Generation auf einen Kampf gegen die Nachbarmächte einzuschwören.

Agenten der „Schwarzen Hand“ schmuggeln Waffen und Flugblätter über die Grenze nach Bosnien. Die serbische Regierung unter Nikola Pašić blickt mit Sorge auf diese Schattenarmee. Pašić nutzt den glühenden Patriotismus der Offiziere, doch er weiß, dass sie ihn jederzeit absetzen können, wenn er einen Kompromiss mit den Großmächten wagt.

Das Schweigen des Ministerpräsidenten

Nikola Pašić (1845-1926)

Dieses Dilemma wird 1914 zur tödlichen Falle. Historische Quellen deuten darauf hin, dass Pašić frühzeitig von den Attentatsplänen in Sarajevo wusste, die den ersten Weltkrieg auslösen sollten. Doch er befand sich in einer ausweglosen Lage: Hätte er Wien offiziell und unmissverständlich gewarnt, hätten ihn seine eigenen Offiziere als Verräter liquidiert.

Er versuchte, vage Warnungen über Mittelsmänner in Wien zu streuen. Doch diese Andeutungen waren so kryptisch formuliert, dass sie dort nicht als Warnung vor einem Mord, sondern als diplomatische Störmanöver missverstanden wurden. Pašić blieb ein Gefangener jener Nationalisten, die er einst zur Festigung seiner Macht genutzt hatte.

Wien: Die Furcht vor dem Gift der Rebellion

Leopold Bechthold (1863-1942)

In der Donaumonarchie beobachten Generäle und Minister den serbischen Kurswechsel mit wachsendem Entsetzen. Die Wiener Zeitungen fordern ein hartes Durchgreifen, und in den Kaffeehäusern der Hauptstadt kursiert die Sorge vor einem Zerfall des Vielvölkerstaates. Das Gift der Rebellion, das in Belgrad den Thron umstürzte, scheint nun über die Grenze zu sickern.

Die Spannungen gipfeln 1906 im „Schweinekrieg“, als Wien die Einfuhr serbischen Viehs stoppt, um das Land wirtschaftlich in die Knie zu zwingen. Die Gruppe um Generalstabschef Conrad von Hötzendorf gewinnt an Boden. Als Leopold Berchtold 1912 das Außenministerium übernimmt, ist die Überzeugung längst gereift: Mit einem Staat, der seine eigenen Könige abschlachtet und Attentäter deckt, kann es keine dauerhafte Verständigung geben. Der Mord von 1903 bleibt für die Männer in Wien der schärfste Beweis für die Unberechenbarkeit Belgrads.

Das Echo der Schüsse von 1903

Die Konsequenzen jener gewaltsamen Juninacht reichen bis in den Sommer 1914. Es ist eine bittere historische Pointe, dass ausgerechnet jene Waffen, die „Apis“ den Attentätern von Sarajevo zuspielte, die Katastrophe auslösten. Die Geister, die 1903 in Belgrad gerufen wurden, ließen sich nicht mehr besänftigen. Der Königsmord war der erste Riss in jenem Damm, der das europäische Staatensystem zusammenhielt.


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Christopher Clark (2015): Die Schlafwandler: Wie Europa in den ersten Weltkrieg zog.*

Herfried Münkler (2013): Der Große Krieg: Die Welt 1914 bis 1918.*

Jörn Leonhard (2018): Die Büchse der Pandora: Geschichte des Ersten Weltkriegs.*

Bildnachweis

Titel: Stari Dvor, Belgrad, vor 1904.

Alle Bilder gemeinfrei.

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