Serie: Der lange Sturz – Europa 1903–1918
Am Vormittag des 31. März 1905 herrscht im Hafen von Tanger helle Aufregung. Ein schwerer Sturm peitscht das Meer auf und lässt die Barkassen gefährlich schwanken. Kaiser Wilhelm II. zögert; die unsichere Landung behagt ihm nicht. Erst als sein diplomatischer Vertreter vor Ort, Richard von Kühlmann, ihn eindringlich drängt, um die Mission nicht scheitern zu lassen, gibt der Monarch nach. Er reitet schließlich auf einem geliehenen Schimmel durch die engen Gassen der Stadt zum deutschen Konsulat. Dort verkündet er eine Botschaft, die wie ein Paukenschlag in Paris und London wirkt: Er erkenne Marokko als freies Land und den Sultan als souveränen Herrscher an.
Marokko im Machtkalkül
Warum aber galt das ferne Marokko als Dreh- und Angelpunkt europäischer Machtpolitik? Das Land stellte das letzte große, nicht kolonialisierte Territorium Nordafrikas dar, das unmittelbar an das französische Algerien angrenzte. Wer den Einfluss über den Sultan und die Verwaltung des Landes kontrollierte, dominierte strategisch den Zugang zum Mittelmeer sowie den Atlantik. Für Frankreich bedeutete die Sicherung Marokkos den notwendigen Lückenschluss seines nordafrikanischen Imperiums. Berlin hingegen fürchtete, dass eine französische Vorherrschaft in der Region die deutsche Stellung als gleichberechtigte Weltmacht schwäche, sofern man nicht von Beginn an ein Mitspracherecht bei der territorialen Neuordnung erzwang.
Eine Wette auf die Schwäche der anderen
Hinter diesem theatralischen Auftritt steckt ein Plan des Berliner Außenamtes unter Reichskanzler Bülow und dem Strategen Friedrich von Holstein. Deutschland beobachtet mit Misstrauen, wie sich Frankreich und Großbritannien einander annähern. Im Jahr zuvor haben beide Mächte die Entente Cordiale geschlossen. Doch was später wie ein unerschütterliches Bündnis wirken wird, ist zu diesem Zeitpunkt lediglich ein nüchterner Kolonialausgleich ohne militärische Beistandspflichten.
Die Männer in Berlin wollen diesen fragilen Ausgleich aufbrechen. Sie nutzen den Kaiser als Werkzeug, um den Franzosen zu zeigen, dass man ohne deutsche Zustimmung keine Grenzen verschieben kann. Wilhelms Ritt ist ein Test: Er soll die Briten dazu bringen, ihren neuen französischen Partnern die Unterstützung zu verweigern und so die Entente noch im Keim zu ersticken.
Das Gegenteil der Absicht
Doch das Kalkül schlägt fehl. Statt die Partner zu entzweien, schweißt die deutsche Drohung sie erst zusammen. Christopher Clark zeigt, wie dieser Tag in Tanger die Grundhaltung in Europa veränderte: Die deutsche Einmischung erschien in London als Erpressungsversuch.
In den Hinterzimmern des Foreign Office beginnt man erstmals, militärische Details mit den Franzosen zu besprechen. Die deutsche Provokation fungierte als Katalysator, der aus einem kolonialen Papier ein echtes Sicherheitsbündnis schmiedete. Während die Berliner Führung noch auf den Erfolg ihrer Machtdemonstration hoffte, musste sie mit Erschrecken feststellen, dass sie die gefürchtete Einkreisung durch ihr eigenes Handeln erst beschleunigt hatte.

Die Isolation von Algeciras
Um den vermeintlichen Sieg doch noch zu erzwingen, forderte Deutschland eine internationale Konferenz. Man setzte darauf, dass die kleineren Mächte neutral bleiben und Frankreich so vor den Augen der Weltgemeinschaft ins Abseits drängen würden. Doch als man sich 1906 im spanischen Algeciras gegenüberstand, folgte die Ernüchterung: Von den 13 teilnehmenden Nationen hielt nur Österreich-Ungarn zur kaiserlichen Regierung.
Sogar der Dreibund-Partner Italien stimmte in den entscheidenden Fragen mit Frankreich, und auch die USA unter Theodore Roosevelt stellten sich gegen die deutsche Position. Deutschland stand als Verlierer da. In den Berliner Ministerien hinterließ dies ein tiefes Gefühl der Kränkung. Das Misstrauen saß nun so tief, dass Generäle in Paris und London hinter jedem deutschen Vorschlag eine neue Falle vermuteten.
Warum Berlin den Fehler wiederholte
Dass Deutschland sechs Jahre später, 1911, mit dem Entsenden des Kanonenboots „Panther“ vor Agadir dieselbe Strategie wiederholte, offenbart das Kernproblem der kaiserlichen Politik: Es fehlte eine einheitliche Führung. Während Diplomaten vor Eskalation warnten, drängten Militärs darauf, als Weltmacht endlich denselben Rang wie Großbritannien einzunehmen.
In Berlin wurde das Desaster von Tanger nicht als strukturelles Versagen verstanden, sondern als Beweis für die bösartige Feindseligkeit der anderen. Der Weg in die Schützengräben von 1914 wurde durch die Unfähigkeit gepflastert, aus den eigenen diplomatischen Niederlagen die richtigen Schlüsse zu ziehen.
Zum Weiterlesen
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Christopher Clark (2015): Die Schlafwandler: Wie Europa in den ersten Weltkrieg zog.*
Herfried Münkler (2013): Der Große Krieg: Die Welt 1914 bis 1918.*
Jörn Leonhard (2018): Die Büchse der Pandora: Geschichte des Ersten Weltkriegs.*
Bildnachweis
Titel: In Tanger erklärte sich Kaiser Wilhelm II. 1905 zum Beschützer der Unabhängigkeit Marokkos.
Alle Bilder gemeinfrei.




