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„Duck and Cover“ – Zivilschutz zwischen Pragmatik und Propaganda

Das neunminütige Unterrichtsvideo von 1951/52

Als 1951/52 in den USA der Kurzfilm Duck and Cover erschien, war seine Hauptfigur eine Schildkröte. „Bert the Turtle“ erklärte Kindern, dass sie sich im Fall einer atomaren Explosion unter ihren Schultisch ducken und den Kopf mit den Armen schützen sollten. Der Kontrast zwischen dem heiteren Cartoon und dem Szenario des nuklearen Angriffs machte den Film zu einer der bekanntesten Produktionen des Kalten Krieges. Er steht bis heute für die Versuche, die Bevölkerung auf eine Bedrohung vorzubereiten, deren Ausmaß kaum zu fassen war.

Die Logik des Manövers

Der einminütige TV-Spot zu Duck and Cover (1952)

Das Prinzip des „Duck and Cover“ hatte eine sinnvolle Grundlage. Wer sich bei einem plötzlichen grellen Blitz sofort zu Boden warf und Haut sowie Kopf bedeckte, konnte Verletzungen durch die Druckwelle oder umherfliegendes Glas vermeiden. Zeitzeugenberichte aus Hiroshima und Nagasaki, aber auch der Meteor von Tscheljabinsk 2013, zeigen: Viele Verletzte erlitten Schäden durch splitternde Fenster, weil sie dem Impuls folgten, nach draußen zu schauen. Wer dagegen am Boden blieb oder hinter einem Schutzobjekt, hatte höhere Überlebenschancen.
Grenzen hatte das Verfahren allerdings von Beginn an. In der Nähe des Explosionszentrums, wo Hitzestrahlung und Druck unvorstellbare Werte erreichten, konnte auch das sofortige Hinwerfen niemanden retten.

Zivilschutz im Kalten Krieg

Die Einführung von „Duck and Cover“ fiel in eine Phase, in der die USA ihr nukleares Monopol verloren. Mit dem sowjetischen Test von 1949 wuchs die Sorge vor einem Angriff auf amerikanische Städte. Da eine großflächige Evakuierung im Ernstfall nicht möglich war, sollte die Bevölkerung einfache, sofort ausführbare Schutzmaßnahmen kennen.
Die Regierung setzte dafür auf eine doppelte Botschaft: Einerseits sollte vermittelt werden, dass Bürgerinnen und Bürger nicht wehrlos waren. Andererseits hielt man die Gefahr so präsent, dass sie Teil des Alltags wurde. Schulen organisierten regelmäßige Übungen, Handbücher und Broschüren erklärten, wie man sich im Ernstfall verhalten solle.

Psychologische Wirkung und Kritik

Atomic Cafe (1982)

Historiker wie Guy Oakes betonen, dass „Duck and Cover“ in erster Linie eine psychologische Funktion hatte. Der Zivilschutz wurde zu einem Instrument, um die Angst vor einem Atomkrieg zu kanalisieren. Indem man Kindern eine Handlungsoption gab, vermittelte man das Gefühl, Kontrolle zu behalten.
Kritiker sahen darin vor allem Propaganda. Die realen Zerstörungskräfte einer Wasserstoffbombe ließen sich nicht durch das Ducken unter einem Schultisch eindämmen. Spätere Dokumentarfilme wie The Atomic Café machten das Verfahren zum Symbol für die Naivität der frühen 1950er Jahre.

Internationale Parallelen

Ähnliche Programme entstanden auch in anderen Ländern. Großbritannien veröffentlichte in den 1960er und 1980er Jahren Anleitungen wie Protect and Survive, die einfache Verhaltensregeln für den Ernstfall gaben. In der Sowjetunion erhielten Schulkinder vergleichbare Anweisungen. Die Vorstellung, mit simplen Maßnahmen auf eine atomare Katastrophe reagieren zu können, war also kein rein amerikanisches Phänomen.

Nachwirkungen

Obwohl „Duck and Cover“ später oft ironisiert wurde, ist die Grundidee bis heute wirksam. Bei Erdbeben oder Tornados werden Kinder in den USA noch immer angewiesen, sich zu ducken, den Kopf zu schützen und unter stabilen Möbeln Zuflucht zu suchen. Die Methode lebt also in einem anderen Kontext fort, als eine elementare Reaktion auf plötzlich eintretende Gefahren.


Tupolev Tu-4, strategischer Bomber

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Bildnachweis

Titel: Bert the Turtle

Tupolev Tu-4: Wikimedia Commons, Andrey Korchagin.

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