Bereits im Winter 1905 gärt der Widerstand in Teheran, als der Gouverneur angesehene Zuckerhändler wegen steigender Preise öffentlich auspeitschen lässt. Im Sommer 1906 wandelt sich der lokale Zorn in eine Massenbewegung: Kaufleute und Geistliche flüchten vor der Gewalt der herrschaftlichen Schläger in die Moscheen und schließlich in den Garten der britischen Gesandtschaft. Ihr Ziel ist ein radikaler Bruch mit der Willkür: Am 5. August 1906 erlässt der Monarch ein erstes Dekret zur Schaffung einer Volksvertretung.
Der Sieg des Parlaments

Die tieferen Ursachen des Protests liegen in der finanziellen Notlage des Hofes. Weil Mozaffar ad-Din Schah durch eine einseitige Konzessionspolitik sowie hohe Kredite bei Russland den wirtschaftlichen Spielraum des Landes einengt, fordern die Händler Mitsprache. Der Schah, bereits todkrank und politisch isoliert, gibt dem Druck schließlich nach.
Am 30. Dezember 1906 unterzeichnet er ein entscheidendes Zusatzgesetz zur Verfassung, das die Rechte des gewählten Parlaments, Madschles genannt, festschreibt. Erstmals entscheidet die Versammlung der Abgeordneten über den Staatshaushalt. Doch der Triumph währt nur kurz: Während in Teheran Reformen debattiert werden, vollzieht sich in Europa eine folgenschwere Wendung. In der Anglo-Russian Convention (1907) verständigen sich Großbritannien und Russland über ihre kolonialen Interessen. Sie teilen den Iran formal in Zonen auf, in denen sie jeweils das Vorrecht auf wirtschaftliche Kontrolle beanspruchen. Damit verliert die junge Bewegung ihren wichtigsten äußeren Rückhalt.
Der Beschuss der Demokratie

Mit dem Regierungsantritt von Mohammad Ali Schah im Jahr 1907 schlägt das Pendel zur Gegenrevolution aus. Der neue Monarch verachtet die konstitutionelle Ordnung und stützt sich auf die Persische Kosakenbrigade unter dem Kommando des russischen Oberst Ljachow. Er sieht in den Verfassungsanhängern eine Bedrohung für seinen absoluten Herrschaftsanspruch.
Am 23. Juni 1908 lässt der Schah die Maske fallen: Seine Kosaken nehmen das Parlamentsgebäude unter Kanonenbeschuss. Führende Köpfe der Bewegung werden verhaftet oder hingerichtet. Die Revolution scheint am Ende, doch in Tabriz formiert sich unter der Führung des Handwerkers Sattar Khan bewaffneter Widerstand. Nach monatelangen Kämpfen marschieren konstitutionelle Truppen in Teheran ein und zwingen Mohammad Ali Schah im Juli 1909 zur Flucht ins Exil im Russischen Reich.
Das Ende durch fremde Hand

Die zweite Phase der Revolution wird zur Zerreißprobe zwischen Reformwillen und Machtpolitik. Um die zerrütteten Finanzen zu ordnen, engagiert die Regierung den US-Berater Morgan Shuster. Dieser beginnt mit dem Aufbau eines Steuerwesens, das auch den Adel und ausländische Privilegien erfasst.
Dies provoziert Russland, das den Norden Irans als seine eigene Einflusssphäre betrachtet. Im November 1911 stellt St. Petersburg ein Ultimatum: Shuster muss gehen, oder die russische Armee besetzt die Hauptstadt. Da Großbritannien das Vorgehen im Rahmen der 1907 getroffenen Absprache deckt, bleibt der internationale Protest aus. Die iranische Regierung gibt im Dezember 1911 nach und löst den Madschles unter militärischem Druck auf. Die Verfassung bleibt formal bestehen, doch die Macht des Parlaments ist zerstört.
Ein Erbe des Protests
Die Konstitutionelle Revolution hinterlässt eine gespaltene politische Landschaft. Sie schafft Begriffe wie „Nation“ und „Abgeordneter“, die das Denken in Iran bis heute prägen. Neben der osmanischen Verfassungsbewegung markiert sie einen der frühesten Versuche im Nahen Osten, eine parlamentarische Ordnung zu etablieren.
Wie hätte sich dieser parlamentarische Weg entwickelt, wenn die europäischen Mächte die Finanzreformen unterstützt statt im Namen ihrer Machtpolitik torpediert hätten? Diese Frage bleibt der Ausgangspunkt für die nationalistischen Bewegungen der folgenden Jahrzehnte.
Zum Weiterlesen
Links mit Sternchen führen auf die Seite von Amazon.de. Wenn Sie über diese Links bestellen, unterstützen Sie unsere Arbeit, ohne dass Ihnen Mehrkosten entstehen.
Ervand Abrahamian: A History of Modern Iran – Sozialgeschichtlich fundierte Gesamtdarstellung, besonders stark in der Analyse von Staatsstruktur und Klassen.
Homa Katouzian: State and Society in Iran – Begründet die These von der strukturellen Schwäche des iranischen Staates im historischen Längsschnitt.
Bildnachweis
Titel: Mozaffar ad-Din Schah.
Alle Bilder gemeinfrei.




