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Der verwaltete Abgrund – Das prekäre Gleichgewicht der Supermächte (1969–1973)

Im Mai 1972 herrscht gedämpfte Festlichkeit im Großen Palast des Moskauer Kremls, während US-Präsident Richard Nixon und der sowjetische Generalsekretär Leonid Breschnew die Dokumente des SALT-I-Vertrags unterschreiben. Nach Jahren des ungebremsten Wettrüstens blicken sich die beiden ideologischen Erzfeinde für einen Moment schweigend in die Augen. Dieser Akt entspringt dem nüchternen Pragmatismus der nackten Überlebensangst angesichts der drohenden gegenseitigen atomaren Vernichtung und klammert Fragen des zwischenstaatlichen Vertrauens bewusst aus. Die feierliche Unterzeichnung markiert das vorläufige Fundament einer Epoche, in der die Stabilisierung des nuklearen Schreckens die unversöhnliche Systemkonfrontation diplomatisch einhegt. Die Beinahe-Katastrophen der frühen sechziger Jahre haben die Führungen in Washington und Moskau zu der Einsicht gezwungen, dass ein unkontrollierter Rüstungswettlauf das eigene Überleben unmöglich macht. Das strategische Patt, das aus der nuklearen Parität der Supermächte resultiert, begründet ein prekäres Gleichgewicht, welches von nun an den Charakter des Konflikts bestimmt.

Die Zementierung der europäischen Bruchlinien

Der Übergang zur Entspannungspolitik (Détente) gelingt erst, als die Akteure jene territorialen Streitfragen entschärfen, die das vorherige Jahrzehnt an den Rand des Krieges geführt haben. Im Zentrum dieser Stabilisierung steht die Neuausrichtung der bundesdeutschen Außenpolitik unter Bundeskanzler Willy Brandt ab dem Jahr 1969. Die neue Ostpolitik bricht mit der bisherigen Doktrin der vollständigen Isolation des östlichen Lagers und setzt stattdessen auf das Konzept des Wandels durch Annäherung. Mit der Unterzeichnung des Moskauer Vertrags im August 1970 erkennt die Bundesrepublik die Unverletzlichkeit der bestehenden Grenzen in Europa an, was insbesondere die Oder-Neiße-Linie betrifft.

Wenig später folgt im Dezember 1970 der Warschauer Vertrag, der das Verhältnis zu Polen auf eine neue völkerrechtliche Basis stellt. Diese Verträge besiegeln den Verzicht auf revanchistische Gebietsansprüche und nehmen den sowjetischen Sicherheitsarchitekten das entscheidende Argument für die dauerhafte Alarmbereitschaft ihrer Truppen. Das im Jahr 1971 geschlossene Viermächteabkommen über Berlin sichert zudem den Transitverkehr zwischen der Bundesrepublik und der geteilten Metropole. Damit verliert der einstige europäische Pulverfass-Schauplatz seine akute Brisanz. Die Verträge frieren den europäischen Status quo juristisch ein, wodurch sie die Fronten festigen, aber gleichzeitig den Alltag der Bevölkerung durch konkrete Erleichterungen im Reiseverkehr stabilisieren.

Das Geflecht der Dreiecksdiplomatie

Nixon trifft Mao Zedong, 1972

Die Bereitschaft Moskaus zu weitgehenden Rüstungsbegrenzungen spiegelt das strategische Kalkül wider, das Henry Kissinger als Nationaler Sicherheitsberater der USA entwickelt, und drängt europäische Friedensinitiativen in den Hintergrund. Kissinger nutzt die wachsende ideologische Entfremdung und die militärischen Grenzkonflikte zwischen der Sowjetunion und der Volksrepublik China im Jahr 1969 für ein diplomatisches Meisterstück. Mit Nixons historischem Besuch in Peking im Februar 1972 binden die USA das kommunistische China in ein flexibles Gleichgewichtssystem ein.

Diese diplomatische Flankenbewegung versetzt die sowjetische Führung in tiefe Unruhe, da Leonid Breschnew eine strategische Isolation fürchtet. Um eine drohende amerikanisch-chinesische Allianz gegen Moskau zu verhindern, zeigt sich das Kreml-Präsidium bei den Verhandlungen über die strategische Rüstungsbegrenzung (Strategic Arms Limitation Talks) unerwartet kompromissbereit. Das SALT-I-Abkommen deckelt von nun an die Anzahl der interkontinentalen Trägersysteme, während die zeitgleich geschlossene ABM-Vereinbarung die Errichtung von Raketenabwehrsystemen streng limitiert. Diese völkerrechtliche Fixierung sichert paradoxerweise die Verwundbarkeit beider Seiten und garantiert damit die Abschreckungswirkung, da kein Lager mehr darauf hoffen kann, einen nuklearen Erstschlag unbeschadet zu überstehen.

Das Ausweichen in die Peripherie

Während die Vereinbarungen in Europa und die Rüstungskontrolle im Orbit eine relative Stabilität erzeugen, entfaltet sich die Dynamik der Systemkonfrontation abseits des Kontinents. Das prägnanteste Beispiel dieses geostrategischen Ausweichens bildet der Vietnamkrieg, in dem das Pentagon im Rahmen der Containment-Politik die Republik Vietnam gegen den kommunistischen Norden verteidigt. Hier entblößt sich die tiefe Asymmetrie der Détente-Ära: Die sowjetische Führung liefert erhebliche Mengen an Flugabwehrraketen und Radarausrüstung nach Hanoi, welche amerikanische Kampfflugzeuge vom Himmel zwingen, indes Richard Nixon zur selben Zeit im Kreml Champagner trinkt und Rüstungsverträge unterzeichnet.

Der ehemalige Präsidentenpalast in Saigon wird heute Wiedervereinigungspalast genannt

Diese Bereitschaft, die tödlichen Einsätze in der Peripherie vom kooperativen Krisenmanagement im Zentrum zu entkoppeln, prägt das Wesen der regulierten Konfrontation. Das strategische Patt in Europa kanalisiert den Konflikt gezielt in Stellvertreterkriege, in denen lokale Befreiungsbewegungen und autoritäre Regimes als Instrumente der globalen Einflusssicherung fungieren. Die amerikanische Kriegführung im Dschungel Südostasiens gerät zu einer militärischen und gesellschaftlichen Zerreißprobe, die erst mit dem Abzug der US-Truppen und dem Fall von Saigon im Jahr 1975 ihr Ende findet.

Das Paradoxon des verwalteten Konflikts

Das im Jahr 1973 unterzeichnete Abkommen zur Verhütung von Atomkriegen fixiert den gemeinsamen Willen, die Gefahr eines nuklearen Zusammenstoßes durch ständigen diplomatischen Austausch zu minimieren. Dadurch wurden die dringendsten Gefahren vorerst gebannt. Doch die Folgen sind vielfältig.

Hier entblößt sich das fundamentale Paradoxon dieses verwalteten Konflikts: Führte die vertragliche Festschreibung des Status quo in Europa zu einer dauerhaften Befriedung, oder schuf sie lediglich den stabilen Rahmen für eine ununterbrochene, verdeckte Expansion in Afrika und Lateinamerika? Konnten Rüstungskontrollverträge den systemischen Antagonismus dauerhaft bändigen, wenn beide Seiten das Konzept der Entspannung fundamental unterschiedlich interpretierten?


Zum Weiterlesen

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Stöver, B. (2024): Der Kalte Krieg. Geschichte eines radikalen Zeitalters 1947–1991.*

Leffler, M. P. / Westad, O. A. (Hrsg.) (2012): The Cambridge History of the Cold War. Volume 1: Origins.*

Gaddis, J. L. (2008): Der Kalte Krieg. Eine neue Geschichte.*

Bildnachweis

Titel: US-Präsident Nixon und Sowjetunion-Parteichef Breschnew unterzeichnen in Moskau im Mai 1972 den ABM-Vertrag.

Alles eigene Bilder oder gemeinfrei.

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