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Europäische Kaufleute im 13. Jahrhundert

Im späten 13. Jahrhundert öffneten sich für die Kaufleute der großen italienischen Städte neue Routen. Genuesische Schiffe liefen 1277 Brügge an. Ein Jahr später erreichten sie London. Zeitgenossen bemerkten, dies habe den Handel neu eröffnet. Zum ersten Mal verband eine direkte Seeverbindung das Mittelmeer mit der Nordsee. Für die Flamen war es ein ungewohnter Anblick, als die schlanken genuesischen Schiffe neben ihren breiten Handelsschiffen im Hafen lagen. Für einen Kaufmann aus Florenz oder Genua bedeutete der Weg in den Norden eine Abfolge von Häfen, Flüssen und Pässen. Dazu kam eine Vielzahl politischer Grenzen. Jede Station verlangte Verhandlungen über Zölle, Maße und Münzen.

Handel über Grenzen

Zwischen den Alpen und Flandern lagen Fürstentümer, Städtebünde und Bistümer mit eigenen Regeln. Wer vom Arnotal aufbrach, musste wählen. Der Weg konnte über den St. Gotthard führen oder über die Seewege durch die Straße von Gibraltar. Flüsse wie Rhône, Seine oder Rhein bildeten Handelsachsen. Auf See erlaubte der Kompass seit dem 13. Jahrhundert die Navigation außerhalb der Küstenlinie.

Die Reise führte durch viele Rechtsräume. Der Erfolg hing davon ab, ob der Kaufmann ein sicheres Geleit erhielt, welche Märkte er betreten durfte und welche Gebühren er zu zahlen hatte.

Europa um 1200

Privilegien als Rahmen

Viele Städte gewährten fremden Händlern besondere Rechte. Dazu gehörten Schutzbriefe, eigene Gerichte und Steuererleichterungen. In Paris garantierte das königliche Geleit den Besuchern der Champagne-Messen eine sichere An- und Abreise. Im Gegenzug mussten Händler örtliche Regeln befolgen. Oft waren sie verpflichtet, über städtische Makler zu handeln oder Waren an festgelegten Plätzen anzubieten.

Florenz suchte gezielt nach Wegen, um von fremden Bedingungen unabhängig zu werden. Ab dem späten 14. Jahrhundert kämpfte die Stadt um freien Zugang zum Meer. 1406 fiel Pisa, 1421 erhielt Florenz den Hafen Livorno. Erst dadurch war der direkte Seehandel nach Spanien, Flandern und England möglich.

Netzwerke und Wissen

Hinter den einzelnen Kaufleuten standen Familiengesellschaften oder städtische Korporationen. Sie hatten Partner an den wichtigen Umschlagplätzen wie Avignon, Brügge oder London. Dort wickelten Vertrauensleute die Geschäfte ab. Andrea Rapondi vertrat in Avignon die Interessen seiner Familie. Tommaso Portinari war der Vertreter der Medici in Brügge. Zwischen den Standorten zirkulierten Briefe mit Preislisten, Wechselkursen und politischen Nachrichten. Ein schneller Bote konnte den entscheidenden Vorsprung bringen. Der Florentiner Francesco Datini verschickte fast täglich Schreiben an seine Partner. Darin stand, welche Ballen Wolle gekauft werden sollten, welche Farben gerade gefragt waren und welche Gerüchte über neue Zölle kursierten.

Wissen war ein Gut, das bewahrt werden musste. Kaufleute schulten ihre Söhne und Neffen im Rechnen, Schreiben und in der Handhabung von Maßen und Wechselkursen. Sie schickten sie zunächst zu Partnern im Inland, später an große Messen oder in ausländische Filialen. So lernten die jungen Kaufleute Sprachen, Währungen, Märkte und Gepflogenheiten. Vertrauen blieb jedoch schwierig. Ein venezianischer Händler bemerkte einmal, er habe mehr Zeit damit verloren, den eigenen Partnern zu misstrauen, als gegen Feinde auf See zu kämpfen.

Vom Stadttor zur Weltkarte

Ein italienischer Kaufmann um 1300 konnte ein Handelsportfolio haben, das Wolle aus England, Farbstoffe aus Lauragais, Gewürze aus Alexandria und Metallwaren aus Nordeuropa umfasste. Jede Route war Teil einer geistigen Weltkarte. Sie setzte sich aus Kontakten, Wegen und Korrespondenz zusammen. Wer sich auf diese Reisen einließ, kannte auch die Gefahren. Ein Sturm konnte eine Flotte vernichten. Ein Überfall konnte eine Handelsgesellschaft in den Ruin treiben.

In einer Zeit, in der politische Grenzen eng gezogen waren, verband der Kaufmann die Regionen Europas. Seine Horizonte reichten so weit, wie er sichere Wege, verlässliche Partner und aktuelle Nachrichten hatte. Mit jeder Reise wuchs diese Reichweite.


Karawane des Marco Polo, Darstellung von ~1375

Zum Weiterlesen

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  • Gold & Spices. The Rise of Commerce in the Middle Ages – Jean Favier* – Überblickswerk zu Handel, Netzwerken und Handelsrecht im Mittelalter.
  • The Merchant in Medieval Europe – James M. Murray* – Untersuchung der sozialen und wirtschaftlichen Rolle des Kaufmanns.
  • Medieval Trade in the Mediterranean World – Robert S. Lopez & Irving W. Raymond* – Quellensammlung zu Routen, Verträgen und Marktbedingungen.

Bildnachweis

Titel: Haus der Kaufmannsfamilie van der Beurze. Die erste „Börse“ weltweit, 1246 in Brügge erbaut. Wikimedia Commons, Flamenc.

Karte: Wikimedia Commons, World History Project/OER.

Marco Polo: gemeinfrei.

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