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Wie eine NATO-Übung 1983 zur atomaren Bedrohung wurde

Im November 1983 startete die NATO eine Kommandostabsübung mit dem Titel „Able Archer“. Das Szenario: Ein konventioneller Krieg eskaliert zum Atomwaffeneinsatz. Solche Übungen sollten westliche Kampfbereitschaft signalisieren und waren Teil der Abschreckungsstrategien. Doch in Moskau sah man das Manöver mit wachsendem Misstrauen. Während in Westeuropa Routine geprobt wurde, rechnete ein Teil der sowjetischen Führung mit einem echten Erstschlag. Wie konnte es so weit kommen?

Eskalation durch Abschreckung

Die Beziehung zwischen den Supermächten war Anfang der Achtziger stark belastet. US-Präsident Ronald Reagan setzte auf atomare Nachrüstung und sprach offen von der Sowjetunion als „Reich des Bösen“. Gleichzeitig bereitete die NATO die Stationierung neuer Mittelstreckenraketen in Westeuropa vor.

Dazu gehörten auch US-amerikanische Pershing-II-Systeme mit einer Reichweite von rund 1.770 bis 1.800 Kilometern und einem hochpräzisen Endphasenlenksystem. Die Pershing II war ausschließlich bei US-Verbänden in der Bundesrepublik Deutschland stationiert; die Bundeswehr behielt die ältere Pershing IA. Von Standorten in Süddeutschland aus konnten Ziele in der westlichen UdSSR in wenigen Minuten erreicht werden, die konkrete Bedrohung Moskaus blieb bewusst offen.

Pershing-II, wahrscheinlich in Deutschland

Die sowjetische Seite reagierte mit dem Aufbau eines globalen Frühwarnsystems namens „Operation RJaN“. Agenten des KGB und des Militärgeheimdienstes GRU sollten Hinweise auf eine mögliche US-Angriffsabsicht melden. Dabei ging es nicht um konkrete Kriegspläne, sondern um Indikatoren: etwa Blutspendeaktionen, Licht in Regierungsgebäuden nach Dienstschluss oder kirchliche Aktivität.

Was Able Archer so besonders machte

US-Truppen in Deutschland, zwei Monate vor Able Archer 83

Militärische Großmanöver der NATO waren nicht ungewöhnlich. Doch 1983 unterschieden sich Ablauf und Umfang von früheren Übungen. Bei „Able Archer 83“ kamen neue, realitätsnähere Verschlüsselungs- und Meldeverfahren zum Einsatz. Die Beteiligung politischer Entscheidungsträger wurde simuliert, ebenso ein Übergang von konventionellen zu nuklearen Operationen.

Aus westlicher Sicht handelte es sich um eine realistischere Variante einer bekannten Routine. Doch für sowjetische Beobachter wirkte genau das verdächtig. Die Führung in Moskau fragte sich offenbar, ob es sich wirklich um eine Übung handelte oder um eine Tarnung für einen Erstschlag. Hinweise dafür liefern unter anderem Berichte des britischen Geheimdienstes, der auf Meldungen des Überläufers Oleg Gordijewski zurückgriff.

Reaktionen auf sowjetischer Seite

Die Reaktion in Moskau war widersprüchlich. Einzelne Einheiten in Polen und der DDR wurden in Alarmbereitschaft versetzt. Mobile Raketensysteme wurden verlegt. Auch strategische U-Boote erhielten neue Positionen. Gleichzeitig blieb eine großflächige Mobilmachung aus. Laut späteren Einschätzungen von Historikern erreichten Warnungen aus dem Nachrichtendienst offenbar nicht das Politbüro.

Diese Lücke in der Entscheidungsstruktur dürfte paradoxerweise zur Deeskalation beigetragen haben. Während auf unterer Ebene gewisse Alarmzeichen erkannt wurden, fehlte es auf oberer Ebene an einer einheitlichen Bewertung. Die Eskalationsspirale wurde nicht ausgelöst.

Kommunikation als Risiko

Das Beispiel „Able Archer“ zeigt, wie leicht sich Routinen in Missverständnisse verwandeln können. Abschreckung setzt voraus, dass beide Seiten dieselben Signale gleich deuten. Doch genau das war nicht mehr gegeben. Begriffe wie „Deterrence“ wurden unterschiedlich verstanden. Im Russischen existiert kein etablierter neutraler Begriff mit derselben Bedeutungsnuance. Was im Westen als Sicherheitsstrategie galt, wurde in Moskau eher als Einschüchterung interpretiert.

Der Politikwissenschaftler Lukas Milevski weist darauf hin, dass Abschreckung kein aktives Mittel sei, sondern eine Wirkung. Und diese Wirkung entstehe im Kopf des Gegners. Wenn eine Übung wie „Able Archer“ missverstanden wird, dann liegt das nicht unbedingt an ihren Inhalten, sondern an der Situation, in der sie stattfindet.

Die Reaktion Reagans

Reagan und Doppelagent Gordijewski, 1987

Ronald Reagan selbst nahm an „Able Archer“ nicht teil. Doch in den Wochen danach erreichten ihn Berichte britischer Dienste, die erstmals die Möglichkeit einer sowjetischen Fehlinterpretation aufzeigten. Auch persönliche Eindrücke scheinen das Bewusstsein des US-Präsidenten in Bezug auf die nukleare Bedrohung in dieser Zeit beeinflusst zu haben: Nach dem Fernsehfilm „The Day After“ zeigte sich Reagan erschüttert über die Folgen eines nuklearen Angriffs.

In seinem Tagebuch notierte er Zweifel an der bisherigen Rüstungslogik. Kurz darauf begann sich der Ton gegenüber Moskau zu ändern. Reagan sprach von Dialog und Verständigung. Auch das Ziel nuklearer Abrüstung trat in den Vordergrund. Ob „Able Archer“ diesen Wandel direkt auslöste, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Doch die zeitliche Nähe ist auffällig.

Able Archer als Lehre

Wie nah die Welt durch „Able Archer 83“ tatsächlich am Abgrund stand, ist umstritten. Manche Historiker sprechen von Dramatisierung, andere vom gefährlichsten Moment seit der Kubakrise.

NATO und Sowjetunion handelten jeweils aus ihrer Sicht rational und steuerten trotzdem auf eine Eskalation zu. Für die Gegenwart bleibt die Frage: Wie verlässlich sind militärische Signale in einer Welt kürzerer Reaktionszeiten und konkurrierender Narrative? Manchmal reicht nicht nur die Absicht zum Krieg, sondern alleine die Unfähigkeit, ihre Abwesenheit zu erkennen.


Zum Weiterlesen

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Nate Jones: Able Archer 83 (2016)* – Standardwerk zur politischen und geheimdienstlichen Dimension der Krise.

Vojtech Mastny: How Able Was Able Archer?, in: Journal of Cold War Studies 11/1 (2009) – kritische Einschätzung der Übung im Längsschnitt der Eskalationsgeschichte.

Len Scott: Intelligence and the Risk of Nuclear War, in: Intelligence and National Security 26/6 (2011) – differenzierte Darstellung der Geheimdienstperspektive.

Bildnachweis

Alle Bilder gemeinfrei.

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