Der Kanzler im neuen Reich
Wie führt man einen Staat, der eben erst gegründet wurde und mehr als dreißig Einzelstaaten umfasst? Diese Frage stellte sich Otto von Bismarck nach 1871. Der neue Reichskanzler musste die Machtverhältnisse im Inneren stabilisieren und zugleich die Stellung des Reiches in Europa absichern.
Innenpolitische Konflikte: Kulturkampf

Ein erstes großes Feld war das Verhältnis von Staat und Kirche. Die katholische Kirche beanspruchte weiterhin großen Einfluss auf Bildung und Ehewesen. Bismarck sah darin eine Gefahr für die staatliche Einheit. Der sogenannte Kulturkampf begann: Gesetze schränkten die kirchliche Aufsicht über Schulen ein, ordneten die Zivilehe an und erlaubten staatliche Kontrolle über Priesterseminare.
Die Auseinandersetzung traf vor allem die katholische Bevölkerung im Süden und Westen des Reiches. Politisch stärkte sie das Zentrum, die Partei der Katholiken, die in den folgenden Jahrzehnten zur festen Größe im Reichstag wurde. Bismarck selbst beendete den Kulturkampf in den 1880er Jahren, weil er auf die Unterstützung des Zentrums in anderen Fragen angewiesen war.
Der Umgang mit der Arbeiterbewegung
Parallel stieg die Bedeutung der Arbeiterbewegung. Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei gewann Anhänger in den wachsenden Industriezentren. Bismarck betrachtete sie als Bedrohung für den Staat. Nach zwei Attentaten auf Kaiser Wilhelm I. wurden 1878 die Sozialistengesetze verabschiedet. Sie verboten sozialdemokratische Organisationen und Schriften, ermöglichten Polizeikontrolle und Vereinsauflösungen.
Gleichzeitig führte Bismarck sozialpolitische Reformen ein. Ab den 1880er Jahren entstanden Kranken-, Unfall- und Altersversicherungen. Diese Maßnahmen sollten die Arbeiter an den Staat binden und den Einfluss der Sozialdemokraten schwächen. In der Praxis wirkten sie doppelt: Die Sozialdemokratie blieb trotz Verbot stark, doch die Sozialgesetzgebung legte Grundlagen, die lange über das Kaiserreich hinausreichten.

Bündnispolitik in Europa
Außenpolitisch suchte Bismarck nach 1871 vor allem Sicherheit. Nach dem Sieg über Frankreich wollte er eine französische Revanche verhindern. Deshalb versuchte er, das Reich durch Bündnisse abzusichern.
Ein Schlüssel war die Verständigung mit Österreich und Russland, die sogenannten Drei-Kaiser-Abkommen. Sie sollten eine Isolation Deutschlands verhindern und den Frieden in Mitteleuropa sichern. Zusätzlich entstand 1879 der Zweibund mit Österreich-Ungarn, später erweitert zum Dreibund mit Italien.
Frankreich blieb außen vor. Bismarck setzte darauf, das Land diplomatisch zu isolieren und ihm feste Bündnispartner zu entziehen. Solange dieses System hielt, war die Position des Reiches stabil.
Bilanz der Bismarck-Ära

Bismarcks Reichspolitik verband Härte gegen politische Gegner mit pragmatischer Anpassung. Im Inneren bekämpfte er Katholiken und Sozialdemokraten, zugleich baute er staatliche Sicherungssysteme auf. In der Außenpolitik schuf er ein dichtes Netz von Bündnissen, das Deutschland für zwei Jahrzehnte relative Sicherheit verschaffte.
Nach Bismarcks Entlassung 1890 blieb vieles von dieser Ordnung bestehen, doch die Voraussetzungen änderten sich. Die Sozialdemokratie wuchs weiter, und das Bündnissystem begann zu bröckeln. Seine Politik zeigte, wie sehr die Stabilität des Kaiserreichs von einer Person abhing – und wie schwierig es war, ein föderales Reich mit autoritären Strukturen zugleich zusammenzuhalten.
Zum Weiterlesen
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Lothar Gall (1997): Bismarck. Der weiße Revolutionär – Standardbiografie des Reichskanzlers.*
Bildnachweis
Titel: Der Kongreß zu Berlin – Schlußsitzung am 13. Juli 1878, Gemälde von 1881.
Alle Bilder gemeinfrei.

