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Die dorische Landnahme und die vier Dörfer Spartas

Als die mykenische Welt im frühen zwölften Jahrhundert vor Christus in Flammen aufging, hinterließ sie in ganz Griechenland ein Vakuum voller Möglichkeiten und Gefahren. In Lakonien schrumpfte die Siedlungsdichte dramatisch, doch die fruchtbaren Auen des Eurotastals bewahrten ihre natürlichen Vorzüge: reiche Böden, verlässliche Wasserversorgung und schützende Berghänge. Hier, inmitten dieser begünstigten Landschaft, begann zwischen dem zehnten und neunten Jahrhundert vor Christus eine bemerkenswerte Entwicklung – die Geburt jener Gemeinschaft, die als Sparta in die Weltgeschichte eingehen sollte.

Neue Völker, neue Sprachen: Die dorische Zuwanderung

Die antiken Geschichtsschreiber webten um die Entstehung Spartas das Epos von der „Rückkehr der Herakliden“. Nach dieser Erzählung eroberten die Nachkommen des Herakles von den nordwestlichen Gebirgen her die Peloponnes und etablierten dort ihre Herrschaft. Hinter diesem mythischen Schleier verbirgt sich eine komplexere historische Realität.

Die archäologischen Befunde deuten auf einen allmählichen, über Generationen sich hinziehenden Wandlungsprozess hin. In der frühen Eisenzeit gelangten neue Bevölkerungsgruppen nach Lakonien. Sie kamen als kleinere Gemeinschaften auf der Suche nach fruchtbarem Land. Die Sprache der späteren Spartaner verrät ihre Herkunft: Sie gehört eindeutig zum dorischen Dialektkreis, bewahrt jedoch deutliche Spuren älterer, vordorischer Sprachschichten. Diese Mischung zeigt die Verschmelzung von Zuwanderern und alteingesessener Bevölkerung zu einer neuen Identität.

Die Geburt der vier Dörfer: Aus Vielfalt wird Einheit

Zwischen dem neunten und achten Jahrhundert vor Christus verdichteten sich die archäologischen Spuren im Eurotastal. An vier strategisch günstigen Punkten – Limnai am sumpfigen Ufer, Kynosoura auf dem „Hundsschwanz“-Hügel, Mesoa in der fruchtbaren Mitte und Pitane im westlichen Bereich – entstanden Dorfgemeinschaften. Jede entwickelte ihre eigenen Traditionen: charakteristische Kulte, sorgfältig angelegte Grabfelder und durchdachte Siedlungsstrukturen. Obwohl sie nah beieinander lagen, blieben sie zunächst politisch eigenständig.

Diese vier Siedlungen bildeten die Keimzellen des späteren Sparta. Noch weit ins achte Jahrhundert hinein sprach man nicht von einer einheitlichen Stadt, sondern von den einzelnen Dörfern mit ihren Eigenarten. Erst allmählich setzte sich der Sammelbegriff „Sparta“ durch, während die Bewohner ihre umfassendere Identität als „Lakedaimonier“ betonten.

Gesellschaft im Wandel: Entstehung sozialer Hierarchien

Die Grabfunde dieser Zeit erzählen von sozialen Veränderungen. Neben schlichten Bestattungen erscheinen zunehmend prächtige Gräber, reich ausgestattet mit bronzenen Waffen, kunstvoll gearbeitetem Schmuck und bemalter Keramik. Diese Zeugnisse belegen die Entstehung lokaler Eliten, die über Gefolgschaften und Besitztümer verfügten.

Zugleich bezeugt die charakteristische Keramik im protogeometrischen und später geometrischen Stil Lakoniens die Einbindung in die Netzwerke des frühen Griechenlands. Handelskontakte nach Argos, Korinth und zu den Kykladen brachten Güter und Ideen in die jungen Gemeinschaften. Diese Verbindungen verliehen den vier Dörfern wachsende Stabilität und kulturelle Ausstrahlung.

Götter als Brückenbauer: Kulte schaffen Gemeinschaft

In der religiösen Sphäre vollzog sich eine Entwicklung, die die vier Dörfer über ihre Grenzen hinaus verband. Besonders deutlich wird dies am Heiligtum der Artemis Orthia, das im neunten Jahrhundert entstand und sich zum Zentrum der spartanischen Gemeinschaft entwickelte. Die Göttin verkörperte Ideale wie Disziplin, Mut und Gemeinschaftssinn.

Auch die Dioskuren – die Zwillinge Kastor und Polydeukes – gewannen besondere Bedeutung. Als Beschützer der Krieger und Symbole brüderlicher Einigkeit sprachen sie die Gesellschaft an, die sich zunehmend als Kampfgemeinschaft verstand. Solche Heiligtümer schufen Bindungen: Festliche Prozessionen, rituelle Wettkämpfe und Opferfeste ließen aus vier Dörfern eine religiös geeinte Gemeinschaft entstehen.

Kastor und Polydeukes (auch Pollux), Marmorfiguren aus dem 3. Jhdt.

Königtum und Macht: Die Entstehung politischer Ordnung

Die Überlieferung berichtet von Königen, den Basileis, die bereits in dieser Epoche geherrscht haben sollen. Ob solche Herrscher wirklich existierten oder spätere Generationen ihre eigenen Verhältnisse in die Vergangenheit projizierten, bleibt offen. Ungewöhnlich war das spartanische Doppelkönigtum: Zwei Könige aus den Häusern der Agiaden und Eurypontiden regierten nebeneinander.

Archäologische Belege für diese frühen Herrscher fehlen, doch die Erinnerung an lokale Anführer passt zu den Grabfunden und zur Entwicklung erster Ratsversammlungen. Schon im neunten und achten Jahrhundert entstanden wohl Vorformen jener Institutionen, die Sparta später berühmt machen sollten.

Die Umwohnenden: Entstehung der Periöken-Ordnung

Während sich im Eurotastal die vier Kerngemeinden entwickelten, blieben auch die umliegenden Regionen besiedelt. In den Küstengebieten und in den Tälern des Taygetos hielten sich weitere Gemeinschaften, die allmählich in den Einflussbereich der entstehenden Stadt gerieten. Diese Gruppen behielten zunächst ihre Autonomie, fanden sich aber zunehmend in einer untergeordneten Position wieder.

Die späteren Griechen nannten sie Periöken, die „Umwohnenden“. Schon im neunten Jahrhundert zeichnete sich damit eine Struktur ab, die für Sparta charakteristisch blieb: ein dominantes Bürgerzentrum, umgeben von rechtlich nachgeordneten Außengemeinden.

Krieger werden geboren: Die militärische Prägung

Die archäologischen Funde offenbaren eine zunehmende Bedeutung von Waffen und Befestigungen. Das frühe Sparta entwickelte sich zu einer Wehrgemeinschaft, in der Zusammenhalt und Kampfbereitschaft zentrale Werte waren. Kriegerische Tugenden wie Mut, Ausdauer und Loyalität prägten die Identität.

Der Dichter Tyrtaios, der im siebten Jahrhundert wirkte, stellte Sparta in seinen Versen als Stadt der Kämpfer dar. Obwohl seine Texte später entstanden, spiegeln sie die Erinnerung an eine Gesellschaft wider, die sich von Anfang an militärisch verstand.

Der Weg zur Polis: Integration und Expansion

Im Verlauf des achten Jahrhunderts nahm die Integration der vier Dörfer zu. Gemeinsame religiöse Praktiken, Feste und politische Interessen führten zu einer engeren Verflechtung. Parallel dazu wuchs Spartas Ausstrahlung: Tempelbauten, die Teilnahme an den Olympischen Spielen und diplomatische Kontakte stärkten die Stellung der Stadt.

Noch fehlten zentrale Institutionen wie eine fest organisierte Volksversammlung oder ein kodifiziertes Rechtssystem. Doch die Grundlagen waren geschaffen für ein Verfassungsmodell, das bald ganz Griechenland beschäftigen sollte.

Archäologisch wichtige Orte aus der Zeit von 1200 bis 700 v. Chr.

Zum Weiterlesen

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Karl-Wilhelm Welwei (2013): Sparta: Aufstieg und Niedergang einer antiken Großmacht.*

Bildnachweis

Titel: Eurotas-Tal. Wikimedia Commons, Aeleftherios.

Karte: Wikimedia Commons, Zunkir.

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