Im Frühjahr 1939 berichtete der britische Diplomat Sir Eric Phipps aus Paris, Hitler könne nur noch bluffen. Schon bald, so die Hoffnung in London, werde sein Regime unter den eigenen Widersprüchen zerbrechen. Berichte aus Berlin schienen das zu bestätigen: Überlastete Fabriken, Mangel an Devisen, Arbeiterunmut. Carl Goerdeler, der ehemalige Leipziger Oberbürgermeister und Gegner Hitlers, malte im Gespräch mit britischen Kontaktleuten das Bild einer verzweifelten Nation. „Die innere Lage ist kritisch, wirtschaftlich und finanziell bedrohlich“, notierte der britische Geschäftsmann A. P. Young nach einem Treffen mit ihm in Zürich. In London kursierten diese „X-Dokumente“ als Beweis für die Schwäche des Regimes.
Das Bild der nahenden Katastrophe

Auch im Reich selbst gab es Stimmen, die von Krise sprachen. Rudolf Brinkmann, Direktor der Reichsbank, trat im Dezember 1938 vor die Reichskammer der Industrie in Dresden. Dort warnte er in einer Rede, die bald ins Ausland durchsickerte, vor „unverkennbaren inflationären Erscheinungen“. Es sei höchste Zeit, gegenzusteuern und Exporte zu fördern. Die Worte machten Schlagzeilen, gerade weil sie in einem autoritären Regime ungewöhnlich offen fielen. Wenige Wochen später wurde Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht abgesetzt. Im Ausland deutete man das als Zeichen, dass Hitler die Kontrolle verloren habe.
Schacht selbst war widersprüchlich. In Gesprächen mit dem britischen Finanzexperten Sir Frederick Leith-Ross im Dezember 1938 erklärte er, die deutschen Kontrollen über Löhne und Preise funktionierten gut und könnten „auf unbestimmte Zeit“ aufrechterhalten werden. In vertraulichen Runden wiegelte er Sorgen über eine mögliche Unruhe der Bevölkerung ab. Ausgerechnet er, der so gern vor einem drohenden Zusammenbruch warnte, gab gleichzeitig zu, dass sich die Lebensstandards noch deutlich senken ließen.
Stabilität hinter den Kulissen
Die wirtschaftliche Lage war angespannt, doch keineswegs katastrophal. Ein Bericht des britischen Diplomaten Frederick Ashton-Gwatkin vom Februar 1939 fasst den Eindruck seiner Berlin-Reise zusammen: „Nicht glänzend, aber gewiss nicht desaströs.“ Auch das britische Schatzamt kam in einer Studie zu dem Schluss, Deutschland sei flexibler und finanziell besser vorbereitet als Großbritannien selbst.
Zwar gab es spürbare Probleme: Fachkräftemangel in der Metallindustrie, Engpässe in der Landwirtschaft, knappe Devisen. Deutsche Akten belegen, dass die Wehrmacht und das Arbeitsministerium detaillierte Programme entwickelten, um Millionen Arbeiter umzuschulen oder Rationalisierungen durchzusetzen. Ende März 1939 berichtete General Georg Thomas in einem Memorandum, die Rüstungswirtschaft sei nur mit gezielter Umschichtung von Arbeit und Kapital zu sichern – doch von einer Panik war keine Rede.
Auch die Bevölkerung lebte nicht im Aufruhr. Die Sopade-Berichte der im Exil arbeitenden SPD schilderten zwar Kritik, Resignation und Misstrauen gegenüber dem Regime. Doch sie betonten zugleich, dass die Arbeiterschaft entmutigt und politisch gelähmt sei. Die Sozialistin Hilda Monte, die Anfang 1939 nach Deutschland reiste, schrieb später, Terror und Entbehrung hätten die Menschen mürbe gemacht. „Die Folge ist Resignation und Gleichgültigkeit, nicht Aufstand.“
Expansion statt Defensive
Während die innere Lage also stabil blieb, verfolgte Hitler längst andere Ziele. Seine Politik richtete sich nicht auf eine innere Notlage, sondern auf Expansion. Am 8. März 1939 sprach er vor Wirtschaftsberatern über die nächsten Schritte. Wilhelm Keppler, einer seiner Sonderbeauftragten, vermerkte in seinem Bericht: Deutschland müsse Polen beherrschen, um Getreide und Kohle zu sichern. Auch Ungarn und Rumänien gehörten „ohne Frage“ zum deutschen Lebensraum. Dort lockten Öl und landwirtschaftliche Überschüsse, die den Weg zu einem kontinentalen Großreich ebnen sollten.

Diese Ausführungen stammten nicht aus einer Verteidigungshaltung. Sie waren Teil einer langfristigen Planung, die schon 1937 im berüchtigten „Hossbach-Protokoll“ skizziert worden war. In diesem vertraulichen Memorandum hatte Hitler festgelegt, dass Deutschland spätestens Mitte der vierziger Jahre kriegsbereit sein müsse, um seinen Anspruch auf Weltmachtstellung einzulösen.
Ökonomische Zwänge im Blick: Adam Tooze
Diese Expansionspläne bestätigt auch der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze in seinem Werk The Wages of Destruction. Er betont, dass Deutschland zwar nicht unmittelbar vor dem wirtschaftlichen Kollaps stand, die Spielräume aber enger waren, als es nach außen schien. In seinen Analysen verweist er auf die Abhängigkeit des Reiches von Importen – Öl, Getreide und Metalle – und auf Engpässe, die schon in Friedenszeiten spürbar waren. Für Hitler war der Krieg deshalb nicht nur ideologisches Ziel, sondern auch ein Mittel, diese strukturellen Grenzen zu überwinden. Tooze hält fest, dass Hitler im Herbst 1939 auf eine Lokalisierung des Konflikts hoffte, gleichzeitig aber wusste, dass Deutschland auf Dauer gegen die Ressourcen der westlichen Demokratien und der Vereinigten Staaten nicht bestehen konnte.
Die fatale Fehlkalkulation
Hitler rechnete 1939 nicht mit einem Weltkrieg. Das geht aus zahlreichen Quellen hervor. Ernst von Weizsäcker, Staatssekretär im Auswärtigen Amt, notierte in seinem Tagebuch wiederholt, der Diktator sei sicher, London und Paris würden nicht kämpfen. Am 16. April 1939 hielt er fest, Hitler erwarte einen „lokalisierten“ Konflikt.

Seine Haltung gegenüber den Westmächten war geprägt von der Erfahrung des Münchner Abkommens im September 1938. Nach der Teilung der Tschechoslowakei spottete er laut Zeugen über die britische Delegation: „Unsere Gegner sind kleine Würmchen. Ich habe sie in München gesehen.“ Für ihn war klar, dass die „Männer mit den Regenschirmen“ nicht zum Krieg bereit waren.
Noch am 21. August 1939 wies Hitler das Oberkommando der Wehrmacht laut Protokoll einer Besprechung an, nur eine begrenzte Mobilmachung für den Feldzug gegen Polen vorzubereiten. Außenminister Ribbentrop sagte dem italienischen Außenminister Ciano am 11. August, England und Frankreich seien „militärisch unvorbereitet“ und würden keinen Krieg riskieren.
Als die Kriegserklärungen am 3. September 1939 eintrafen, zeigte sich, wie sehr Hitler danebenlag. Ernst von Weizsäcker notierte in seinen Tagebuchaufzeichnungen und erinnerte sich später in seinen Memoiren, dass Hitler von der Reaktion der Westmächte überrascht war und zunächst nicht damit gerechnet hatte.
Gegenseitige Täuschungen
Ironischerweise waren auch die Westmächte schwächer, als sie vorgaben. Großbritannien kämpfte mit schwachen Goldreserven; von 800 Millionen Pfund im Frühjahr 1938 waren nur noch 460 Millionen übrig. Die französische Politik war von Misstrauen und Spaltungen zerrissen. Der britische Botschafter Sir Nevile Henderson berichtete im Februar 1939 nach London, führende Nazis seien überzeugt, die britische Gesellschaft sei von inneren Konflikten bedroht. Als beide Mächte am 3. September 1939 den Krieg erklärten, taten sie es nicht aus innerer Stärke, sondern auch aus Angst vor der eigenen Verwundbarkeit.
Schlussgedanke
So entstand der Krieg nicht aus einer deutschen „inneren Krise“, sondern aus gegenseitigen Fehleinschätzungen. Hitler glaubte, die Westmächte seien zu schwach, um einzugreifen. London und Paris wiederum hielten Deutschland für fragiler, als es tatsächlich war. In dieser doppelten Täuschung lag die Dynamik, die Europa in den Zweiten Weltkrieg führte.
Zum Weiterlesen
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- Richard J. Overy (1996): The Nazi Economic Recovery 1932–1938.*
- Adam Tooze (2007): The Wages of Destruction: The Making and Breaking of the Nazi Economy.*
Bildnachweis
Titel: Deutsche Militärfabrik, Mai 1940. Bundesarchiv, Bild 183-L04352.
Brauchitsch: Bundesarchiv, Bild 183-H27722.
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