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Mossadegh und der Kampf um das iranische Öl

Am 7. März 1951 erschießt ein Mitglied der radikal-islamischen Fedayan-e Islam den iranischen Ministerpräsidenten Ali Razmara in Teheran. Razmara hatte mit den Briten über ein neues Abkommen für die Ölindustrie verhandelt. Ajatollah Abul-Qassem Kashani, einer der einflussreichsten Geistlichen der Hauptstadt, hatte ihn deshalb scharf angegriffen. Wenige Tage nach dem Attentat stimmt das iranische Parlament, das Majles, für die Verstaatlichung der Ölindustrie. Kurz darauf legen Arbeiter im Süden die Arbeit nieder. Eine Forderung, die inzwischen weit über die politischen Parteien hinaus Unterstützung findet, ist damit zum Gesetz geworden: Iran soll selbst über sein Erdöl verfügen.

An der Spitze dieser Bewegung steht Mohammad Mossadegh. Er gehört selbst zu jener alten politischen Elite, die nach dem Sturz Reza Schahs 1941 wieder auf die politische Bühne zurückgekehrt war. Seine Familie war mit zahlreichen bedeutenden Häusern des Landes verbunden. Mossadegh hatte in Europa studiert, Provinzen verwaltet und Ministerämter übernommen. Unter Reza Schah war er aus der Politik gedrängt und zeitweise inhaftiert worden.

Jetzt wird aus dem Aristokraten der Anführer einer Massenbewegung.

Ein Aristokrat gegen die alten Machtverhältnisse

Mossadegh, 1951

Mossadegh pflegte bewusst ein anderes Auftreten als viele Politiker seiner Herkunft. Er verzichtete auf seinen aristokratischen Titel Mossadegh al-Saltaneh und ließ sich lieber als Doktor anreden, nach seinem europäischen Hochschulabschluss. Später, als Ministerpräsident, lehnte er auch die traditionelle Anrede Exzellenz ab. Für die britische Botschaft gehörte dieses Verhalten zu seinem politischen Theater. Viele Iraner sahen darin einen Beleg dafür, dass er sich von den alten Notabeln unterschied.

Seit seiner Rückkehr in die Politik verfolgte Mossadegh zwei eng verbundene Ziele. Im Inneren verlangte er, dass der Schah sich an die Verfassung hielt. Mohammad Reza sollte herrschen wie ein konstitutioneller Monarch in Großbritannien oder Belgien und die tägliche Regierung dem Kabinett überlassen. Vor allem sollte er seinen Einfluss auf die Armee und auf Wahlen verlieren.

In der Außenpolitik wandte sich Mossadegh gegen die Vergabe iranischer Ressourcen an Großmächte. Er nannte seine Linie negative Balance. Iran sollte weder Großbritannien noch der Sowjetunion oder den Vereinigten Staaten Sonderrechte gewähren. Bereits 1919 hatte er das Anglo-Persische Abkommen bekämpft. In den 1940er Jahren stellte er sich gegen sowjetische und amerikanische Wünsche nach Ölkonzessionen.

Während der Ölkrise blieb die Sowjetunion zunächst diplomatisch im Hintergrund. Die prosowjetische Tudeh-Partei unterstützte die Nationalisierung, gehörte jedoch nicht zu Mossadeghs Nationaler Front.

Beim Erdöl im Süden führte diese Haltung direkt zur Anglo-Iranian Oil Company, kurz AIOC. Mossadegh verlangte die vollständige iranische Kontrolle über Förderung und Export.

Die Nationale Front entsteht

1949 sammelte Mossadegh verschiedene Gruppen in der Nationalen Front. Ihre Anhänger kamen vor allem aus den städtischen Mittelschichten. Ingenieure und andere Akademiker schlossen sich ebenso an wie Teile des Basars. Zu den wichtigsten Kräften gehörte die Iran-Partei, die Mossadegh später Minister und Fachleute für seine Regierung stellte.

Auch Ajatollah Kashani unterstützte die Bewegung. Er verfügte über enge Verbindungen in den Basar und brachte Mossadegh religiöse Anhänger zu. Kashanis Verhältnis zu Großbritannien war seit seiner Zeit im Irak von scharfer Feindschaft geprägt. Während des Zweiten Weltkriegs hatten ihn die Briten zeitweise inhaftiert.

Damit konnte Mossadegh Menschen erreichen, die politisch sehr unterschiedliche Vorstellungen hatten. Viele Angehörige der gebildeten Mittelschicht verlangten parlamentarische Rechte. Kaufleute sahen britischen Einfluss mit Misstrauen. Religiöse Anhänger Kashanis mobilisierten gegen eine ausländische Macht, die seit Jahrzehnten tief in die iranische Wirtschaft eingriff.

Das gemeinsame Thema war das Öl.

Wem gehört das Öl von Abadan?

Abadan, 1938

Die Anglo-Iranian Oil Company besaß im Süden Irans eine außergewöhnliche Stellung. Ihre Anlagen umfassten Förderfelder und Pipelines. In Abadan betrieb sie die damals größte Erdölraffinerie der Welt.

Für Großbritannien ging es dabei um weit mehr als die Gewinne eines Unternehmens. Nach den von Abrahamian ausgewerteten britischen Unterlagen lieferte die AIOC dem britischen Staat jährlich rund 24 Millionen Pfund an Steuern und 92 Millionen Pfund an Devisen. Sie deckte außerdem einen Großteil des Treibstoffbedarfs der Royal Navy.

Das erklärt, weshalb London die iranische Forderung nach alleiniger Verfügungsgewalt als Bedrohung behandelte. Interne britische Dokumente zeigen, worum sich der Konflikt tatsächlich drehte: Wer entschied über Fördermenge und Verkauf? Wer bestimmte, wohin das Öl ging und zu welchen Bedingungen?

Die britische Regierung war bereit, Iran höhere Einnahmen anzubieten. Der britische Botschafter hielt sogar eine Aufteilung von bis zu sechzig Prozent der Gewinne zugunsten Irans für denkbar. Die Leitung des Geschäfts sollte weiterhin in westlicher Hand bleiben. Genau diese Entscheidungsmacht wollte Mossadegh nach Teheran holen.

Der Druck auf das Majles wächst

Die Forderung nach Verstaatlichung war schon einige Jahre zuvor aufgekommen. Abrahamian verweist auf eine Kundgebung zum Ersten Mai 1946 in Khorramshahr. Dort verlangte eine Rednerin die vollständige Nationalisierung der Ölindustrie und griff die Arbeitsbedingungen unter der britischen Gesellschaft an. Die Tudeh griff das Thema ebenfalls auf.

Mossadegh machte daraus Anfang der 1950er Jahre eine nationale Kampagne. Petitionen und Kundgebungen erhöhten den Druck auf die Abgeordneten. Die Nationale Front mobilisierte in Teheran, während Arbeiter im Süden ihre eigenen Forderungen stellten.

Am 15. März 1951 billigte das Majles den Grundsatz der Verstaatlichung. Fünf Tage später folgte der Senat. Im April organisierte die Tudeh einen Generalstreik in der Ölindustrie. Ende April erhielt Mossadegh genügend Stimmen, um selbst die Regierung zu übernehmen. Beide Kammern verabschiedeten nun auch das Ausführungsgesetz, das die Übernahme der Ölindustrie regelte; am 1. Mai erhielt es die Zustimmung des Schahs.

Der neue Ministerpräsident schuf die National Iranian Oil Company. Zunächst versuchte seine Regierung, mit der AIOC die Übergabe der Anlagen auszuhandeln. Als die Gesellschaft sich weigerte, ordnete Mossadegh die Übernahme ihrer Einrichtungen an. Iran beanspruchte nun die Ölquellen und Pipelines. Auch die Raffinerie von Abadan und die Büros der Gesellschaft sollten unter iranische Leitung kommen.

Damit wurde aus einer innenpolitischen Kampagne eine internationale Krise.

Großbritannien legt den Ölexport lahm

London stellte sich hinter die AIOC. Das britische Personal verließ Iran, und Großbritannien blockierte den Export iranischen Öls. Die britische Regierung ließ iranische Guthaben einfrieren und verstärkte ihre Marine im Persischen Golf.

Iranische Raffinerie in den 1950er Jahren

Mossadegh gab nicht nach. Er reiste persönlich nach New York und verteidigte Irans Position vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen.

Ende 1951 standen sich beide Regierungen offen gegenüber. Iran hatte die Anlagen übernommen, konnte sein Öl jedoch kaum auf dem Weltmarkt verkaufen. Großbritannien verfügte über die internationalen Verbindungen zu Raffinerien und Abnehmern und nutzte diese Stellung, um die iranische Nationalisierung wirtschaftlich unter Druck zu setzen.

Im Januar 1952 ließ Mossadeghs Regierung die britischen Konsulate schließen. Im Oktober brach Iran die diplomatischen Beziehungen zu Großbritannien ab.

Für Mossadegh ging es deshalb längst über die Höhe der Einnahmen hinaus. Eine Vereinbarung, bei der Iran formal Eigentümer gewesen wäre, ausländische Firmen aber weiterhin über die Produktion entschieden hätten, erfüllte sein Ziel nicht.

Auch die britische Seite sah den Konflikt in diesen Kategorien. Interne Papiere warnten davor, dass andere Erdölstaaten dem iranischen Beispiel folgen könnten. Wenn Iran die Produktion tatsächlich selbst steuerte, könnten Länder wie Irak oder Venezuela ähnliche Forderungen stellen. London fürchtete deshalb Folgen für den gesamten internationalen Ölmarkt.

Washington sucht zunächst einen Ausweg

Damit rückten nun auch die Vereinigten Staaten stärker in den Konflikt.

Die Regierung von Präsident Harry Truman teilte die britische Sorge um die westliche Kontrolle des internationalen Ölgeschäfts. Washington ging zunächst anders vor als London. Rund vierzehn Monate lang versuchten amerikanische Diplomaten, Kompromisse zu vermitteln. Doch da auch diese Kompromissmodelle vorsahen, dass westliche Gesellschaften die tatsächliche Produktion weiter betrieben, lehnte Mossadegh ab. Für ihn hätte das den Kern der Verstaatlichung ausgehöhlt.

Abrahamian betont an dieser Stelle ausdrücklich, dass sich Briten und Amerikaner vor allem über Vorgehen und Zeitpunkt unterschieden. Die zentrale Frage blieb für beide Regierungen die Kontrolle über das Erdöl.

Der Konflikt erreicht den Palast

Während Mossadegh mit London stritt, verschärfte sich zugleich sein Konflikt mit Mohammad Reza Schah.

Der Ministerpräsident wollte das Wahlrecht ändern und den Einfluss der großen Grundbesitzer zurückdrängen. Besonders wichtig wurde jedoch die Armee. Der Schah betrachtete die Streitkräfte seit seiner Thronbesteigung als seine wichtigste Machtbasis. Mossadegh beanspruchte als Regierungschef das Recht, den Kriegsminister selbst zu bestimmen.

Damit griff er unmittelbar in den Bereich ein, den Mohammad Reza seit 1941 besonders sorgfältig verteidigt hatte.

Im Sommer 1952 eskalierte der Streit. Der Schah verweigerte Mossadegh die Kontrolle über das Kriegsministerium. Mossadegh trat zurück. Ahmad Qavam, einer der erfahrensten Politiker der alten Elite, übernahm das Amt des Ministerpräsidenten.

Die Reaktion kam von der Straße.

Mossadegh wandte sich über das Radio an die Bevölkerung. Unterstützer der Nationalen Front gingen ebenso auf die Straße wie Anhänger anderer Gruppen. Es folgten drei Tage mit Streiks und schweren Zusammenstößen. Am 21. Juli, dem 30. Tir des iranischen Kalenders, musste der Schah nachgeben. Qavam verlor das Amt, Mossadegh kehrte als Ministerpräsident zurück. Nun erhielt er auch die Kontrolle über das Kriegsministerium.

Für Mohammad Reza Schah war das eine schwere Niederlage. Für Mossadegh war der 30. Tir der sichtbarste Beweis seiner Fähigkeit, politische Entscheidungen über öffentliche Mobilisierung durchzusetzen.

Truman und Mossadegh, 1951

In Washington wurde genau diese Entwicklung aufmerksam verfolgt. Bereits einen Tag nach der Krise berichtete der amerikanische Botschafter, Mossadegh könne möglicherweise nur noch durch einen Staatsstreich beseitigt werden. Bis dahin hatten die Vereinigten Staaten nach einem Kompromiss gesucht. Im Sommer 1952 begann sich ihre Haltung zu verändern.

Der Streit um die Raffinerie von Abadan führte damit an einen Punkt, an dem Öl, die Macht des Schahs und amerikanische Interessen unmittelbar zusammentrafen. Im folgenden Jahr würden britische Geheimdienstkontakte und amerikanische Ressourcen zusammengeführt. Ihr Ziel hieß nun Mohammad Mossadegh.


Zum Weiterlesen

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Ervand Abrahamian: A History of Modern Iran – Sozialgeschichtlich fundierte Gesamtdarstellung, besonders stark in der Analyse von Staatsstruktur und Klassen.
Homa Katouzian: State and Society in Iran – Begründet die These von der strukturellen Schwäche des iranischen Staates im historischen Längsschnitt.

Bildnachweis

Titel: Truman und Mossadegh, 1951.

Alle Bilder gemeinfrei.

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