Startseite » Sizilien zwischen Reformen und Rückschritt – Vom späten 19. Jahrhundert bis zur Autonomie

Sizilien zwischen Reformen und Rückschritt – Vom späten 19. Jahrhundert bis zur Autonomie

Nach der Vereinigung Italiens zeigte sich schnell, dass die politischen und wirtschaftlichen Probleme Siziliens nicht allein durch den Wechsel der Staatsform gelöst werden konnten. Die strukturellen Unterschiede zwischen Nord und Süd, fehlende Reformen und regionale Eliten, die ihre Macht sichern wollten, bremsten die Entwicklung.

In den Jahrzehnten nach 1861 versuchten Regierungskommissionen, die Lage zu untersuchen. Doch häufig standen politische Rücksichten einer ehrlichen Analyse im Weg.

Frühe Studien zur Lage Siziliens

Das Bonfadini-Komitee

Das nach Romualdo Bonfadini benannte Komitee untersuchte in den 1860er Jahren die Verhältnisse auf Sizilien. Die Arbeit war oberflächlich, stützte sich auf offizielle Angaben und auf Aussagen lokaler Notabili – Personen, die kein Interesse an einer Offenlegung der Missstände hatten.

Interguglielmi, Eugenio (1850-1911) – In Sicilia. Una lavandaia„, da: „L’illustrazione Italiana“ – N° 46 – Novembre 1893.

Das Ergebnis war entsprechend: Sizilien brauche keine besonderen politischen Maßnahmen, da Lebensstandard und Kriminalität nicht schlechter seien als im übrigen Italien. Historiker vermuten, dass diese positive Darstellung vor allem der Schmeichelei gegenüber der sizilianischen Elite diente.

Die Sonnino/Franchetti-Studie

Eine genauere Analyse lieferten die toskanischen Landeigentümer Sidney Sonnino und Leopoldo Franchetti in ihrer Studie La Sicilia nel 1876. Sie beschrieben die tief verwurzelte Kriminalität, die Hilflosigkeit der Behörden und die fortbestehenden feudalen Strukturen. Korruption, Dekadenz und Steuerunterschlagung waren weit verbreitet.

Während in anderen europäischen Ländern Landreformen den Übergang vom Feudalismus zur Republik begleiteten, blieb dieser Schritt in Sizilien aus. Bauern wurden zwar formal frei, verloren jedoch die Bindung an die alten Grundherren, ohne neue wirtschaftliche Sicherheit zu gewinnen.

Die Autoren forderten eine gerechtere Verteilung des Reichtums als ersten Schritt für einen sozialen Wandel. Ihre Vorschläge fanden jedoch weder im Parlament noch bei der lokalen Führung Gehör.

Wandel um 1900

Giovanni Giolitti (1842-1928)

1903 übernahm Giovanni Giolitti erneut das Amt des Ministerpräsidenten. Italien profitierte von der Industrialisierung, doch Sizilien blieb weitgehend außen vor.

Bis 1910 änderte sich allmählich die Haltung des Nordens. Die Einsicht wuchs, dass eine Hebung des Lebensstandards im Süden auch der Gesamtwirtschaft nützen würde.

Auf Sizilien begannen Bauern, sich in fasci zu organisieren – Verbände, die von unterschiedlichen politischen Strömungen unterstützt wurden. Sie verhandelten bessere Arbeitsverträge, gründeten Kooperativen, trieben den technischen Fortschritt in der Landwirtschaft voran und verschafften sich Zugang zu günstigen Krediten.

Gleichzeitig setzte eine massive Auswanderung ein: Etwa 1,5 Millionen Sizilianer verließen zwischen 1880 und dem Ersten Weltkrieg die Insel in Richtung USA, Südamerika oder Nordafrika. Die Rücküberweisungen der Emigranten halfen der Wirtschaft. Zudem führte der Arbeitskräftemangel zu steigenden Löhnen, zwischen 1905 und 1911 um etwa ein Drittel.

Erster Weltkrieg und Faschismus

Benito Mussolini (1883-1945)

Der Erste Weltkrieg brachte einen Rückschlag. Die exportorientierte Landwirtschaft litt unter den eingeschränkten Handelswegen. Die kriegswichtige Industrie war auf Sizilien nur schwach vertreten.

Mit der Machtergreifung Mussolinis verlor der Süden weiter an Bedeutung. Investitionen flossen vor allem in den industriellen Norden. Zwar gab es Versuche, die Landwirtschaft im Süden zu modernisieren, doch die Projekte blieben wenig erfolgreich.

Autonomie und Nachkriegszeit

Nach dem Zweiten Weltkrieg erkannte die italienische Regierung separatistische Strömungen auf Sizilien. Um einer Abspaltung zuvorzukommen, erhielt die Region Autonomie.

Die wirtschaftlichen Erfolge blieben jedoch begrenzt. Der Beitritt Italiens zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft brachte vor allem dem Norden Vorteile. Landwirtschaftliche Produkte aus Sizilien waren nicht immer konkurrenzfähig, die Industrialisierung kam nur schleppend voran.

Ab 1958 flossen rund 40 Prozent der staatlichen Investitionen nach Sizilien. Doch viele Großprojekte erwiesen sich als wenig sinnvoll. Anna C. Thode spricht von „Kathedralen in der Wüste“ – eindrucksvollen, aber wirtschaftlich nutzlosen Bauwerken.

Kleinere und mittlere Betriebe verschwanden zunehmend, da sie ohne Subventionen nicht mit großen, oft ausländischen Firmen konkurrieren konnten. Teile der staatlichen Gelder versickerten zudem in den Händen der organisierten Kriminalität.

Neue gesellschaftliche Werte

Das „Istituto Regionale per il Finanziamento alle Industrie in Sicilia“ sollte ursprünglich lokale Betriebe fördern, wandte sich aber bald großen Unternehmen zu und verfehlte damit seinen Zweck.

Die klassischen, auf Landwirtschaft beruhenden Machtstrukturen verschwanden. An ihre Stelle trat ein städtischer Konsumstil: Macht wurde nicht mehr an Landbesitz gemessen, sondern an Luxuswohnungen, teuren Uhren und Autos.

Historiker stellen fest, dass die jahrhundertelange – wirkliche oder vermeintliche – Opferrolle vieler Sizilianer sich nun in der Überzeugung niederschlug, die wirtschaftlichen Probleme seien vor allem von außen verursacht. Die Erkenntnis, dass dies nur teilweise zutraf, führte in den 1970er Jahren zu einer schmerzhaften Selbstbefragung.

Schlussbetrachtung

Die letzten Blütezeiten Siziliens lagen im Mittelalter. Technische Entwicklungen in Industrie und Landwirtschaft wurden verpasst, die Armut verfestigte sich. Viele machten Fremdherrschaft für die Misere verantwortlich und setzten 1860 große Hoffnungen auf die Vereinigung Italiens.

Szene aus dem Film (Il Gattopardo) in Palermo, 1963

Die piemontesische Verfassung passte jedoch nicht zu einer agrarisch geprägten Region. Fehler wurden auf beiden Seiten gemacht: Der Norden drängte seine Strukturen auf, während Teile der sizilianischen Elite an alten Machtverhältnissen festhielten.

Der Roman Il Gattopardo zeigt diese Haltung pointiert: „Schlaf, das ist es, was die Sizilianer wollen, und sie werden denjenigen hassen, der sie wecken möchte, sei es auch nur, um ihnen die kostbarsten Geschenke zu bringen.“

Die Autonomie bot nach 1946 neue Gestaltungsmöglichkeiten, doch bis heute bleibt Sizilien zwischen Reformen und Rückschritt gefangen.


Zum Weiterlesen

Links, die mit Sternchen (*) gekennzeichnet sind, führen auf die Seite von Amazon.de. Wenn Sie über diese Links bestellen, unterstützen Sie unsere Arbeit, ohne dass Ihnen Mehrkosten entstehen.

Bildnachweis

Titel: Palermo, 1943. Bundesarchiv, N 1603 Bild-215 / Horst Grund / CC-BY-SA 3.0

Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert