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Philosophieren mit dem Hammer -Nietzsches Angriff auf die Tradition

Im Sommer 1887 arbeitete Friedrich Nietzsche in Sils-Maria im Schweizer Oberengadin an einer Streitschrift über die Moral. Er hatte seine Basler Professur längst aufgegeben und lebte mit einer Pension an wechselnden Orten. In dem kleinen Bergdorf verfolgte er eine Frage, die bis an die Grundlagen der europäischen Kultur reichte: Welchen Wert hatten die Werte, nach denen Menschen ihr Leben beurteilten?

Die Schrift erschien unter dem Titel Zur Genealogie der Moral. Besonders misstrauisch betrachtete Nietzsche die hohe Stellung des Mitleids und der Selbstlosigkeit. Sein früherer Lehrer im Denken, Arthur Schopenhauer, hatte im Mitleid den Ursprung moralischen Handelns erkannt. Nietzsche fragte nun, ob solche Ideale das Leben stärkten oder Menschen dazu brachten, ihre eigenen Antriebe zu verurteilen.

Mit dem Verlust des Glaubens an eine göttliche Weltordnung wurden auch die moralischen Gewissheiten fraglich, die unter ihrem Schutz entstanden waren.

Vom Pfarrhaus nach Basel – Ein Philologe sucht eine neue Kultur

Der junge Nietzsche

Friedrich Nietzsche wurde am 15. Oktober 1844 in Röcken bei Lützen geboren. Sein Vater war evangelischer Pfarrer und starb, als der Sohn noch ein Kind war. Nietzsche wuchs in einer Familie auf, deren Alltag von protestantischer Frömmigkeit geprägt war. Die christliche Überlieferung, die er später so heftig angriff, gehörte zu seiner eigenen Herkunft.

An der Schule Pforta erhielt er eine gründliche Ausbildung in den alten Sprachen. Anschließend studierte er in Bonn und Leipzig klassische Philologie, die wissenschaftliche Beschäftigung mit den Texten der Antike. 1865 las er in Leipzig Schopenhauers Die Welt als Wille und Vorstellung. Dessen Beschreibung des Lebens als rastloses Streben beeindruckte ihn tief.

Bereits 1869 wurde der Vierundzwanzigjährige an die Universität Basel berufen. Zugleich entstand eine enge Beziehung zu Richard Wagner. Nietzsche besuchte den Komponisten in Tribschen bei Luzern und verband mit dessen Musik die Hoffnung auf eine Erneuerung der Kultur.

In Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik, erschienen 1872, deutete er die griechische Tragödie aus dem Zusammenwirken zweier künstlerischer Kräfte. Das Apollinische gab dem Erleben eine anschauliche Form und ein Maß. Das Dionysische bezeichnete die Erfahrung des Rausches, in der die Grenzen des Einzelnen zurücktraten. Die Tragödie konnte dabei das Schreckliche des Daseins sichtbar machen und zugleich eine Bejahung des Lebens ermöglichen.

Damit zeichnete sich bereits eine Bewegung über Schopenhauer hinaus ab. Nietzsche suchte in der Kunst die Kraft, dem Leben auch angesichts seines Leidens zuzustimmen. Seine fachgelehrten Kollegen begegneten dem Buch vielfach mit Ablehnung. Es verband die Untersuchung der Antike mit einer weitreichenden Kulturkritik.

Die verehrten Meister – Nietzsche gewinnt Abstand

In den folgenden Jahren löste sich Nietzsche zunehmend von Wagner und von Schopenhauers Philosophie. Bei den Bayreuther Festspielen von 1876 verstärkte sich seine Entfremdung vom Wagner-Kreis. Später griff er besonders die christlichen Erlösungsvorstellungen in Parsifal an. Die Kunst, von der er eine Erneuerung des Lebens erwartet hatte, erschien ihm nun selbst von Idealen der Entsagung durchdrungen.

Mit Menschliches, Allzumenschliches von 1878 nahm sein Denken eine neue Richtung. Er untersuchte, wie vermeintlich erhabene Überzeugungen aus menschlichen Bedürfnissen und Gewohnheiten hervorgingen. Der Blick richtete sich auf die Entstehung von Urteilen und auf die Beweggründe hinter ihnen.

Anhaltende gesundheitliche Beschwerden zwangen ihn 1879 zur Aufgabe seines Lehramts. In den folgenden Jahren wechselte er zwischen südlichen Aufenthaltsorten und den Sommern im Engadin. Sein Schreiben nahm häufig die Form kurzer, zugespitzter Abschnitte an. Ein solcher Aphorismus konnte eine vertraute Überzeugung erschüttern und eine Frage offenhalten, die im nächsten Abschnitt von einer anderen Seite betrachtet wurde.

Der tote Gott – Eine Gewissheit verliert ihre Macht

Lou Salomé, Paul Ree und Friedrich Nietzsche, 1882

In der Fröhlichen Wissenschaft von 1882 ließ Nietzsche einen „tollen Menschen“ am hellen Vormittag mit einer Laterne auf den Markt laufen. Er suchte Gott. Die Umstehenden, von denen viele selbst nicht an Gott glaubten, lachten über ihn. Dann erklärte die Figur, Gott sei tot und die Menschen hätten ihn getötet.

Die erfundene Szene stellte eine kulturelle Veränderung dar. Für Nietzsche verlor der christliche Gott seine Stellung als letzte Gewähr für Wahrheit und verbindliche moralische Maßstäbe. Die modernen Menschen hatten durch ihr kritisches Denken an dieser Auflösung mitgewirkt. Ihre Lebensweise und ihre Werturteile blieben jedoch vielfach an die christliche Überlieferung gebunden.

Gerade deshalb traf die Rede des Suchenden auch die Ungläubigen. Sie hielten den Abschied vom Glauben für erledigt. Die Figur sah die Folgen erst beginnen: Woran sollte sich ein Mensch halten, wenn der bisherige Maßstab seine Autorität einbüßte?

Nietzsche verband diese Lage mit der Gefahr des Nihilismus. Damit bezeichnete er einen Zustand, in dem die höchsten Werte ihre Verbindlichkeit verloren und das Leben seinen Sinn einzubüßen drohte. Der Tod Gottes eröffnete einen Spielraum für neue Wertsetzungen. Zugleich konnte er eine Leere hinterlassen, die durch den bloßen Verzicht auf religiöse Überzeugungen kaum auszufüllen war.

Der Übermensch – Eine anspruchsvolle Bejahung des Lebens

Die Lebensstationen des Zarathustra, 19. Jahrhundert

Zwischen 1883 und 1885 entstanden die vier Teile von Also sprach Zarathustra. Nietzsche ließ darin eine dichterische Gestalt zu den Menschen sprechen, die bestehende Werte angriff und neue Möglichkeiten des Menschseins verkündete. Mit dem Namen griff er den altiranischen Religionsstifter Zarathustra auf. Diesem schrieb er eine entscheidende Rolle bei der Deutung der Welt als Kampf zwischen Gut und Böse zu. Gerade dessen dichterisches Gegenbild sollte nun die überlieferte Moral überwinden.

Die „Umwertung aller Werte“ bezeichnete Nietzsches Vorhaben, die geltenden Maßstäbe von Grund auf neu zu beurteilen. Was bisher als Tugend gegolten hatte, konnte sich als Hemmung des Lebens erweisen. Umgekehrt sollten Kräfte Anerkennung finden, die unter den herrschenden Wertungen verurteilt worden waren. Die Kritik sollte den Weg für neue Wertsetzungen öffnen.

Der Übermensch bezeichnete in diesem Werk das Ziel einer Überwindung des bisherigen Menschen. Er sollte die eigenen Wertsetzungen verantworten und dem Leben auf der Erde zustimmen können, auch nachdem die Hoffnung auf eine jenseitige Rechtfertigung geschwunden war.

Dazu gehörte eine ungewöhnlich hohe Forderung an die Selbstgestaltung. Der Einzelne musste sich von der bloßen Übernahme fremder Maßstäbe lösen und zugleich die Kraft gewinnen, eigene Ziele zu verfolgen. Freiheit bekam ihren Inhalt erst durch das, wofür sie eingesetzt wurde.

Die schärfste Probe dieser Haltung bildete der Gedanke der ewigen Wiederkunft. Bereits in der Fröhlichen Wissenschaft hatte Nietzsche einen Dämon auftreten lassen, der ankündigte, das gesamte Leben werde sich unzählige Male in derselben Folge wiederholen. Jeder schmerzliche Augenblick müsste ebenso wiederkehren wie jede Freude.

Der Gedanke stellte den Leser vor eine Frage: Könnte er seinem Leben so umfassend zustimmen, dass er es noch einmal und immer wieder leben wollte? Nietzsche erwog auch, ob sich das gesamte Weltgeschehen tatsächlich wiederholte. Als Herausforderung an das eigene Leben verlangte der Gedanke jedoch schon etwas Äußerstes: eine Bejahung, die selbst das Vergangene mit seinen Verlusten einschloss.

Die Herkunft der Moral – Gewissheiten bekommen eine Geschichte

In Jenseits von Gut und Böse von 1886 hatte Nietzsche die hergebrachten moralischen Maßstäbe bereits angegriffen. Die Genealogie der Moral vertiefte diesen Angriff im folgenden Jahr. Genealogie bedeutete hier, die Herkunft und die Veränderungen von Wertungen zu untersuchen.

Ein Urteil wie „Selbstlosigkeit ist gut“ sollte auf seine Entstehung befragt werden. Wer hatte es aufgestellt? Unter welchen Lebensbedingungen gewann es Anerkennung? Welche Art von Mensch wurde dadurch gefördert? Nietzsche wollte den Wert der Moral selbst zum Gegenstand der Prüfung machen.

Dabei trennte er den heutigen Zweck einer Einrichtung von ihrer möglichen Herkunft. Eine Strafe konnte später der Abschreckung dienen, obwohl sie ursprünglich in einem anderen Zusammenhang entstanden war. Im Laufe der Geschichte konnten neue Mächte einer bestehenden Praxis einen neuen Sinn geben.

Die Untersuchung der Herkunft war deshalb ein erster Schritt. Für die Beurteilung einer Moral musste zusätzlich gefragt werden, was sie aus den Menschen machte. Nietzsche maß sie daran, ob sie die Entfaltung menschlicher Fähigkeiten ermöglichte oder diese hemmte. Mit diesem Maßstab legte er zugleich seine eigene Wertentscheidung offen.

Gut und schlecht – Gut und böse

Friedrich Nietzsche von Edvard Munch

In der ersten Abhandlung unterschied Nietzsche zwei Formen moralischer Wertung. Menschen, die sich als vornehm und mächtig empfanden, hätten zunächst sich selbst und ihre Lebensweise „gut“ genannt. Das „Schlechte“ bezeichnete aus ihrer Sicht das Gewöhnliche und Niedrige. Der Gegensatz entstand aus dem eigenen Ranggefühl.

Die andere Form setzte beim Gegner an. Menschen, denen eine unmittelbare Gegenwehr verwehrt war, verurteilten die Mächtigen als „böse“. Im Verhältnis zu diesem Feind erschien die eigene Schwäche als Güte. Der Verzicht auf Vergeltung konnte nun als moralisches Verdienst gelten.

Für die seelische Triebkraft dieser Umkehr gebrauchte Nietzsche das Wort Ressentiment. Es bezeichnete einen anhaltenden Groll, der aus erfahrenem Unvermögen erwuchs und sich in Werturteilen entlud. Wer einem anderen seinen Erfolg übelnahm, konnte dessen Selbstvertrauen als Hochmut verurteilen und die eigene Zurückhaltung zur Tugend erklären. Die Abwertung des anderen verschaffte eine Form geistiger Vergeltung.

Nietzsche sprach vom „Sklavenaufstand in der Moral“. In seiner Darstellung schrieb er dem antiken Judentum, besonders der priesterlichen Wertsetzung, eine entscheidende Rolle zu; das Christentum habe diese Umkehr weitergetragen. Die Bezeichnungen Herrenmoral und Sklavenmoral beschrieben dabei gegensätzliche Weisen des Wertens, die auch innerhalb eines Menschen miteinander kämpfen konnten.

Diese Erzählung war eine polemische Deutung einer langen Geschichte. Sie bündelte höchst unterschiedliche religiöse Überlieferungen zu einem Gegensatz zwischen stolzer Selbstbejahung und rachsüchtiger Ohnmacht. Ihre Stärke lag im Blick auf verdeckte Beweggründe. Die weitreichenden Aussagen über ganze Kulturen verlangten eine historische Begründung, die eine solche Gegenüberstellung allein kaum leisten konnte.

Das schlechte Gewissen – Der Angriff richtet sich nach innen

Die zweite Abhandlung untersuchte, wie Menschen zu Wesen wurden, die sich selbst verpflichten und für ihr Handeln verantwortlich machen konnten. Nietzsche verband die Geschichte der moralischen „Schuld“ mit älteren Beziehungen zwischen Gläubigern und Schuldnern. Verpflichtung und Ausgleich waren für ihn zunächst in konkreten Machtverhältnissen verankert.

Den Ursprung des schlechten Gewissens suchte er in einer anderen Veränderung: Menschen wurden in Gemeinschaften mit verbindlichen Regeln eingefügt. Viele ihrer bisherigen Möglichkeiten, Aggressionen nach außen auszuleben, wurden unterbunden. Die unterdrückten Triebe richteten sich nun gegen die eigene Person.

Der Mensch konnte sich selbst überwachen und bestrafen. Seine inneren Regungen wurden zum Gegenstand einer dauernden Anklage. Nietzsche deutete das schlechte Gewissen als Folge dieser Verinnerlichung. Die gesellschaftliche Zähmung schuf eine neue Tiefe des seelischen Lebens und zugleich eine neue Möglichkeit, an sich selbst zu leiden.

Religiöse Vorstellungen konnten diesen Vorgang verschärfen. Wenn ein Mensch sich vor einem vollkommenen Gott als sündig empfand, erhielt seine Selbstanklage einen kaum erreichbaren Maßstab. Ein gewöhnlicher Wunsch konnte ihm nun als Zeichen einer grundlegenden Verderbtheit erscheinen.

Ein Sinn für das Leiden – Die Macht des asketischen Ideals

Die dritte Abhandlung führte zu der Frage zurück, die Nietzsche besonders von Schopenhauer trennte: Was bedeutete die Entsagung? Das asketische Ideal verlangte, körperliche Bedürfnisse einzuschränken und sich von weltlichen Ansprüchen abzuwenden.

Eine freiwillige Beschränkung konnte allerdings auch dem Schaffen dienen. Ein Philosoph brauchte Ruhe und Abstand, um an seinen Gedanken zu arbeiten. Nietzsche unterschied solche Lebensbedingungen von einem Ideal, das die Abwendung vom irdischen Dasein zum höchsten Wert erhob.

Nietzsche erkannte darin auch eine Leistung. Ein leidender Mensch konnte seine Not eher ertragen, wenn er wusste, wofür er litt. Die religiöse Auslegung gab dem Schmerz einen Sinn. Sie schützte vor der Erfahrung, dass alles vergeblich sein könnte.

Der Preis bestand für Nietzsche darin, dass die Erklärung häufig neue Selbstvorwürfe erzeugte. Das Leiden erschien als Folge eigener Schuld. Wer an seinem Leben verzweifelte, sollte nun die Ursache bei sich selbst suchen. Diese Sicht gab Halt und vertiefte zugleich die Abwertung des eigenen Daseins.

Damit wandte er sich gegen Schopenhauers Hoffnung auf eine Erlösung durch Verneinung des Willens. Nietzsche sah selbst im Wunsch nach Entsagung noch ein Wollen. Die entscheidende Aufgabe bestand für ihn darin, diesem Streben eine Richtung zu geben, die das irdische Leben bejahte.

Der Wille zur Macht – Kräfte gewinnen eine Gestalt

Auch hinter den moralischen Umwertungen und der Deutungsmacht des asketischen Ideals sah Nietzsche Kräfte am Werk, die sich gegen Widerstände behaupteten und dem Leben eine Richtung gaben.

Mit dem Ausdruck Wille zur Macht beschrieb Nietzsche das Streben lebendiger Kräfte, sich durchzusetzen und ihre Möglichkeiten zu erweitern. Macht konnte dabei auch bedeuten, Widerstände zu bewältigen und dem eigenen Leben eine Form zu geben.

Ein Künstler musste sein Material beherrschen und die eigenen Einfälle ordnen. Ein Mensch, der eine schwierige Aufgabe verfolgte, brauchte die Fähigkeit, widerstreitende Wünsche zu gewichten und an einem Vorhaben festzuhalten. In solchen Vorgängen ließ sich Selbstüberwindung erkennen: Kräfte wurden gestaltet, statt bei jeder neuen Regung ihre Richtung zu wechseln.

Nietzsche versuchte, diesen Gedanken auch zur Deutung der Natur und menschlicher Wertsetzungen heranzuziehen. Seine Schriften erprobten dabei unterschiedliche Formulierungen. Mit dieser Ausweitung stellte sich die Frage, wie ein Begriff, der so unterschiedliche Vorgänge wie Zusammenarbeit und Überwältigung erfassen sollte, ihre Unterschiede noch erklären konnte.

Zum Gedanken gehörte allerdings auch die Überwältigung anderer. In Jenseits von Gut und Böse beschrieb Nietzsche das Leben ausdrücklich durch Aneignung und Ausbeutung. Seine Vorstellung von Stärke umfasste Selbstdisziplin und geistiges Schaffen ebenso wie eine Härte, die anderen Menschen zugemutet wurde.

Die hohen Ansprüche – Wer trägt ihren Preis?

Nietzsches neue Wertsetzungen waren stark auf außergewöhnliche Menschen ausgerichtet. Er wandte sich gegen die demokratische Forderung nach Gleichheit und gegen die Vorstellung, das Wohlergehen möglichst vieler müsse den letzten Maßstab bilden. In solchen Idealen sah er die Gefahr, Unterschiede einzuebnen und hohe Ansprüche an menschliche Möglichkeiten zu schwächen.

Seine Verachtung traf auch die Emanzipation der Frauen. Besonders in Jenseits von Gut und Böse verband er die Forderung nach weiblicher Selbstständigkeit mit abwertenden Urteilen. Der Angriff auf überlieferte Werte konnte bei ihm neben einer Verteidigung überlieferter Rangordnungen stehen.

Hier lag eine Grenze seines Entwurfs. Ein Ideal der Selbstüberwindung ließ sich auf das eigene Leben beziehen. Sobald die Entfaltung weniger Menschen durch die Unterordnung anderer erkauft werden sollte, brauchte dieser Anspruch eine Rechtfertigung. Nietzsche gab der Entfaltung höherer Menschen den Vorrang. Seine Begründung setzte damit bereits jene Rangordnung voraus, deren Berechtigung zur Debatte stand.

Auch die Kritik am Mitleid blieb angreifbar. Hilfe konnte einem Bedürfnis nach Überlegenheit entspringen. Sie konnte ebenso aus aufrichtiger Anteilnahme erfolgen und einem anderen Menschen neue Handlungsmöglichkeiten eröffnen. Für eine Beurteilung brauchte es mehr als den Verdacht auf ein verborgenes Machtstreben. Gerade Nietzsches eigene Genealogie musste daran gemessen werden, wie genau sie die verschiedenen Beweggründe auseinanderhielt.

Turin und Weimar – Das Werk gerät in andere Hände

1888 schrieb Nietzsche in rascher Folge mehrere seiner letzten Werke, darunter Der Fall Wagner, Götzen-Dämmerung und Der Antichrist. Die Schriften verschärften seine Angriffe auf die christliche Kultur und seine früheren Bindungen. Anfang Januar 1889 erlitt er in Turin einen geistigen Zusammenbruch. Sein Freund, der Theologe Franz Overbeck, brachte ihn nach Basel. Es folgten ein Klinikaufenthalt in Jena und die Pflege durch seine Familie.

Nietzsche und seine Schwester, 1899

Nietzsche starb am 25. August 1900 in Weimar. Seine Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche hatte inzwischen das Nietzsche-Archiv aufgebaut und kontrollierte einen großen Teil der Überlieferung. Sie prägte das öffentliche Bild des Bruders durch ihre Editionspolitik.

Unter dem Titel Der Wille zur Macht erschien nach seinem Tod eine Zusammenstellung von Nachlassnotizen. Nietzsche hatte zeitweise ein Buch dieses Namens geplant, den Plan aber wieder verändert und schließlich aufgegeben. Die spätere Veröffentlichung brachte ausgewählte Aufzeichnungen in eine von den Herausgebern bestimmte Ordnung. Ihre Wirkung ging weit über das hinaus, was der Philosoph selbst für den Druck verantwortet hatte.

Im 20. Jahrhundert griffen nationalistische und nationalsozialistische Leser nach seinem Werk. Seine Gegnerschaft zur Demokratie und seine Sprache der Stärke erleichterten solche Aneignungen. Zugleich hatte Nietzsche den deutschen Nationalismus und die antisemitische Bewegung seiner Zeit scharf angegriffen. Seine polemischen Verallgemeinerungen über das antike Judentum blieben daneben ein Teil seiner eigenen Texte.

Die Geschichte dieser Wirkung verlief deshalb zwischen tatsächlichen Angriffspunkten und nachträglicher Umdeutung. Seit den 1960er Jahren wurde der Nachlass anhand der Originale neu erschlossen. Die kritische Gesamtausgabe machte es möglich, veröffentlichte Werke und spätere Zusammenstellungen genauer zu unterscheiden. Die Notizen wurden wieder in ihren Entstehungszusammenhang gestellt. Damit veränderte sich die Grundlage, auf der Nietzsches Denken gelesen und beurteilt werden konnte.


Zum Weiterlesen

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Störig, H. J. (2016): Kleine Weltgeschichte der Philosophie. 18. Auflage. Verständliche Darstellung von Schopenhauers Lebensweg und der Verbindung zwischen Willenslehre, Kunst und Entsagung.

Russell, B. (2004): History of Western Philosophy. Routledge Classics. Pointierte, kritisch argumentierende Einordnung Schopenhauers in die europäische Philosophiegeschichte.

Bildnachweis

Titel: Friedrich Nietzsche, 1882.

Alle Bilder gemeinfrei.

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