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Die ungarische Landnahme – Geschichte und Mythos

Wie viel historische Wirklichkeit steckt in den Geschichten, die uns Denkmäler erzählen? Wer den Heldenplatz in Budapest besucht, begegnet einer Erzählung, die historische Fakten und politischen Willen miteinander verbindet.

Ein Monument für die Ahnen

Der Heldenplatz widmet sich den Heroen Ungarns. Er entstand ab 1896 anlässlich der Tausendjahrfeier der ungarischen Landnahme. Das Denkmal besteht aus einer hohen Säule und zwei Kolonnaden mit historischen Skulpturen.

Im Hintergrund stehen Herrscher aus verschiedenen Epochen. Im Mittelpunkt, direkt neben der Säule, finden sich die Gründerväter der Ungarn: der Kriegerfürst Árpád und seine sechs Stammesfürsten. Sie kamen aus dem Osten, kämpften in Europa und wurden schließlich im Karpatenbecken sesshaft.

Diese Szene verweist auf einen zentralen Moment ungarischer Geschichte. Landnahmen hatten für viele Völker große Bedeutung. Sie begründeten Besitzrechte nach außen und konnten im Inneren den Landbesitz von Adel oder Gefolgsleuten legitimieren. Árpád teilte das Land unter seinen Mitstreitern auf – eine politische wie symbolische Geste.

Zur Festigung der Herrschaft trug eine lange Ahnenreihe bei. Árpáds Stammbaum wurde bis zum Skytherkönig Magog zurückgeführt, von dem auch Attila der Hunnenkönig abstammen sollte. So entstand die Vorstellung von „Attila dem Ungarn“, wie sie der mittelalterliche Autor Anonymus niederschrieb.

Mythische Bilder in Ópusztaszer

Auch im Süden Ungarns begegnet man Árpád und seinen Gefolgsleuten. In Ópusztaszer erinnert ein Freilichtmuseum mit dem monumentalen Feszty-Panorama (120 x 15 Meter) an die Landnahme. Das Rundbild zeigt die Helden als kräftige Männer auf prächtigen Pferden. Abgesehen von diesen Überhöhungen wirkt die Darstellung wie ein realistischer Blick auf den Kriegerfürsten und ist doch Teil einer Legende.

Die Erfindung eines Datums

Schon das Jahr der Landnahme zeigt, wie flexibel Geschichte werden kann. Der ungarische Mediävist János Bak beschreibt, dass die Feierlichkeiten ursprünglich 1895 geplant waren. Historiker konnten sich nicht auf ein exaktes Jahr festlegen und setzten daher die Mitte des Jahrzehnts 890–900 als Anhaltspunkt. Als bekannt wurde, dass 1895 eine Weltausstellung in Antwerpen stattfinden würde, verschob man das Fest kurzerhand auf 1896 und behielt dieses Datum bei.

File:Arrival of the Hungarians (Árpád Feszty).jpg
Szene aus dem Feszty-Panorama

Quellenlage und Unsicherheiten

Anonymus-Statue in Budapest

Wie real sind die Geschichten um Árpád? Früheste schriftliche Zeugnisse stammen nicht aus der Zeit der Landnahme. Die älteste bekannte Quelle, die „Urgesta“ aus der Mitte des 11. Jahrhunderts, ist verschollen. Erhalten ist die „Gesta Hungarorum“ eines anonymen Autors aus dem 12. oder 13. Jahrhundert.

Da die Urgesta offenbar wenig Material bot, griff Anonymus auf Regino von Prüm zurück, einen Zeitzeugen der Ungarneinfälle, der den Steppenkriegern feindlich gegenüberstand. Regino verortete die Ungarn in Skythien, übernahm aber Beschreibungen aus einer Quelle des 3. Jahrhunderts. Seine Schilderungen der Raubzüge waren dagegen aus eigener Zeit. Anonymus nutzte sie, milderte den Ton, fügte Ausschmückungen hinzu und interpretierte Ereignisse teilweise falsch.

Erinnerung zwischen Fakt und Erzählung

Die Geschichte um Árpád hat einen wahren Kern. Doch die Details sind schwer zu belegen, und die Deutungen hängen oft von politischen oder kulturellen Interessen ab. Wer den Heldenplatz besucht, steht mitten in einer jahrhundertealten Erzählung, in einer imaginierten Geschichte.


Steppenlandschaft, Nähe Feszty-Panorama

Zum Weiterlesen

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János M. Bak (1987): Medieval Narrative Sources: A Chronological Guide.*

Bildnachweis

Titel: Arpad, der Kriegerfürst, Statue am Heldenplatz.

Alles eigene Aufnahmen oder gemeinfrei.

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