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Die Vasa – Schwedens frühes Großmachtstreben

Am 10. August 1628 lag über Stockholm festliche Spannung. Auf den Kais und Booten drängten sich Menschen, um das neueste und größte Kriegsschiff des Reiches zu sehen. Die Vasa, benannt nach der Dynastie des schwedischen Königshauses, glitt langsam vom Kai. Ihre Planken glänzten in kräftigen Farben, am Heck ragten geschnitzte Löwen, Götterfiguren und Wappen. Trompeten ertönten, die Geschütze funkelten in der Sonne.

Nur wenige Minuten später neigte sich das Schiff. Eine Windböe traf die Segel, das Wasser drang durch offene Pforten ins Innere, und die Vasa versank mitten im Hafenbecken. Etwa 30 Menschen starben. Die Zuschauer blieben fassungslos zurück, während die prachtvolle Kriegsmaschine im Schlick verschwand.

Ein Schiff für ein neues Zeitalter

Gustav II. Adolf (1594-1632)

Der Untergang fiel in eine Zeit, in der Schweden seine Stellung in Europa neu definierte. König Gustav II. Adolf herrschte seit 1611 und führte sein Land in eine Phase militärischer und wirtschaftlicher Expansion. Seine Ambitionen richteten sich auf den gesamten Ostseeraum, der zu einem Schauplatz intensiver Konkurrenz wurde.

Die Ostsee war das wirtschaftliche Herz Nordeuropas. Über ihre Häfen liefen Handel und Versorgung. Wer sie kontrollierte, beherrschte Getreideexporte, Eisenhandel und den Zugang zu den Städten Norddeutschlands. Schweden, Polen-Litauen und Dänemark wetteiferten um diesen Einfluss.

Als in Mitteleuropa der Dreißigjährige Krieg ausbrach, nutzte Gustav Adolf die Gelegenheit, den Einfluss des eigenen Reichs zu erweitern. Der Konflikt, der im Heiligen Römischen Reich entstanden war, bot Raum für neue Bündnisse und Machtverschiebungen. Die Vasa entstand in diesem Umfeld. Sie sollte Stärke zeigen, die Flotte modernisieren und den Anspruch des Königs sichtbar machen.

Bau und technische Grenzen

1626 begann auf der königlichen Werft in Stockholm der Bau. Der niederländische Schiffbauer Henrik Hybertsson erhielt den Auftrag, ein Kriegsschiff zu entwerfen, das größer und stärker bewaffnet war als alle bisherigen Modelle. Die niederländische Bauweise galt als fortschrittlich. Hybertsson brachte Erfahrung mit, aber die königlichen Wünsche überstiegen die Grenzen der Konstruktion. Während des Baus kamen immer neue Anweisungen. Der König verlangte zusätzliche Geschütze, höhere Aufbauten und eine reichere Ausstattung.

Zeitgenössische Berichte erwähnen einen Stabilitätstest, bei dem Matrosen die Decks entlangliefen, um die Schwankung zu prüfen. Nach wenigen Schritten musste der Versuch abgebrochen werden, weil das Schiff bedenklich zu kippen begann. Die Werftleiter kannten das Risiko, doch das Projekt galt als zu bedeutend, um es zu verzögern.

Der Tag des Auslaufens

Am 10. August 1628 blies ein mäßiger Wind vom Meer. Die Vasa löste ihre Taue und setzte die Segel. Sie trug 64 Kanonen und war reich mit Figuren geschmückt. Auf dem unteren Deck standen die Kanonenpforten offen, damit die Zuschauer die Bewaffnung sehen konnten.

Kurz nach dem Auslaufen traf eine Windböe das Schiff. Es neigte sich zur Seite und richtete sich kurz darauf wieder auf. Wenige Minuten später wiederholte sich das Manöver. Das Wasser erreichte die geöffneten Pforten, strömte hinein und füllte das untere Deck. Die Vasa kippte langsam, sank und kam auf dem Hafengrund zum Liegen.

Ursachen des Untergangs

Die spätere Untersuchung ergab keinen eindeutigen Schuldigen. Erst moderne Analysen im 20. Jahrhundert klärten die Ursachen genauer. Der Schiffskörper war für seine Größe zu schmal gebaut, und das Gewicht der oberen Decks war zu hoch. Der Schwerpunkt lag deutlich oberhalb der Linie, ab der ein Schiff stabil im Wasser liegt.

Das Verhältnis von Breite zu Höhe lag bei 1:3,6. Zeitgenössische Kriegsschiffe mit nur einem Kanonendeck erreichten meist ein Verhältnis von 1:3. Die zusätzliche Aufbautenlast und die schwerere Bewaffnung verschoben das Gleichgewicht weiter nach oben. Schon geringe Windkräfte reichten aus, um die Vasa weit zu neigen.

Auch die Verteilung des Steinballasts im Schiffsboden beeinflusste die Stabilität. Das Gewicht reichte nicht, um den hohen Schwerpunkt auszugleichen. Eine Korrektur war bautechnisch möglich, aber der Wunsch des Königs nach schneller Fertigstellung ließ keine grundlegenden Anpassungen mehr zu.

Die Konstruktion verband handwerkliches Können mit politischen Erwartungen. Der Untergang entstand aus einer Kombination von Überladung, ungünstiger Proportion und organisatorischem Zwang.

Krieg und Machtpolitik

Der Verlust der Vasa bedeutete einen Rückschlag für Schwedens Prestigeprojekt, stoppte den politischen Kurs aber nicht. Während das Schiff im Hafen versank, führte Gustav Adolf seine Feldzüge fort. Zwei Jahre später landeten seine Truppen in Pommern an der südlichen Ostseeküste. Er sicherte die Verbindung über die Ostsee, errichtete Stützpunkte und führte den Krieg in Norddeutschland mit Erfolg.

Die Flotte blieb ein entscheidender Faktor. Sie schützte Nachschubwege und zeigte Präsenz in den Häfen der Ostsee. Der Verlust der Vasa beeinflusste die maritime Strategie kaum, da die Produktion weiterer Schiffe bereits lief.

Am 16. November 1632 fiel Gustav Adolf in der Schlacht bei Lützen. Seine Nachfolger setzten die Politik fort, die Schweden im 17. Jahrhundert zur Großmacht machte. Der Dreißigjährige Krieg brachte dem Land Gebiete und Einfluss, zugleich aber große Belastungen für Wirtschaft und Bevölkerung.

Gustav Adolf stirbt in Lützen, Gemälde von 1855.

Das Wrack im Wasser

Während Schweden zur dominierenden Macht im Ostseeraum aufstieg, lag die Vasa vergessen im Hafenbecken. Über drei Jahrhunderte blieb sie dort liegen. Das kalte, salzarme Wasser der Ostsee erhielt das Holz außergewöhnlich gut. Holz zerstörende Organismen konnten in diesem Milieu kaum überleben.

Berichte aus späteren Jahrhunderten erwähnten ein großes Schiff in der Tiefe, doch genaue Kenntnisse fehlten. Erst in den 1950er Jahren begann der Ingenieur Anders Franzén mit systematischer Suche. Er durchforstete Archive, kartierte den Meeresgrund und entwickelte Geräte, um Proben zu nehmen. 1956 identifizierte er die Überreste der Vasa.

Die Bergung

Zwischen 1959 und 1961 wurde das Schiff gehoben. Ingenieure zogen Tunnel unter dem Rumpf, führten Stahlseile hindurch und hoben das Wrack schrittweise an. Am 24. April 1961 erschien die Vasa an der Wasseroberfläche. Der Moment ging als Meilenstein der Unterwasserarchäologie in die Geschichte ein.

An Bord fanden sich Kleidungsstücke, Werkzeuge, Münzen und persönliche Gegenstände. Sie gaben Einblicke in die Ausrüstung und das Leben der Besatzung. Auch menschliche Überreste wurden geborgen und untersucht.

Die Konservierung dauerte Jahrzehnte. Das Holz wurde mit Polyethylenglykol durchtränkt, einem wachsartigen Kunststoff, der das Wasser in den Zellen ersetzte und das Material stabilisierte. Restauratoren dokumentierten jedes Bauteil.

Das Museum auf Djurgården

1990 erhielt die Vasa ihre heutige Heimat. Auf der Museumsinsel Djurgården entstand ein Gebäude, das vollständig um das Schiff herum konstruiert wurde. Die gewaltige Halle bewahrt Temperatur und Luftfeuchtigkeit, um das Holz langfristig zu schützen.

Besucher sehen das Schiff aus mehreren Ebenen und erkennen seine Dimensionen. Modelle, Rekonstruktionen und Filme erklären Bauweise, Untergang und Bergung. Die geschnitzten Figuren vermitteln das Selbstverständnis eines Königreichs, das im 17. Jahrhundert seine Macht über die Ostsee ausweitete.

Forscher arbeiten weiter an der Dokumentation des Wracks. Farbanalysen erlauben Rückschlüsse auf die ursprüngliche Bemalung. 3D-Scans erfassen jede Veränderung am Rumpf. Die Vasa bleibt ein zentrales Objekt der Schifffahrtsarchäologie.


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Bildnachweis

Eigene Aufnahmen oder gemeinfrei.

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