Als die Stadt brennt, trägt ein Mann einen Alten auf dem Rücken und führt ein Kind an der Hand. So zeigen römische Wandmalereien und Reliefs die Flucht aus Troja. Der Mann ist Aeneas, der greise Vater heißt Anchises, der Junge Ascanius. In dieser Dreiergruppe verdichten sich Herkunft, Pflichtgefühl und Zukunftserwartung: ein trojanischer Adliger, der seine Familie rettet und damit den Anfang einer neuen Gemeinschaft markiert.
Herkunft und Name

In der griechisch-römischen Überlieferung ist Aeneas Sohn des trojanischen Prinzen Anchises und der Göttin Aphrodite, die die Römer Venus nennen. Sein Vater gehört zu einem Seitenzweig der Königsfamilie von Troja und ist ein Vetter des Königs Priamos. Aeneas steht damit an der Spitze einer angesehenen, aber nicht herrschenden Linie des Hauses.
Der sogenannte „Homerische Hymnos an Aphrodite“ erzählt ausführlich, wie es zu dieser Verbindung kommt. Zeus, der sich von Aphrodite zu Liebesbeziehungen mit Sterblichen verleiten ließ, belegt sie selbst mit Leidenschaft für den sterblichen Anchises. Aphrodite begegnet ihm in der Nähe des Ida-Gebirges bei Troja, gibt sich zunächst als sterbliche Prinzessin aus und erst nach der gemeinsamen Nacht als Göttin zu erkennen. Aus dieser Verbindung geht Aeneas hervor, den sie zunächst von Nymphen aufziehen lässt, bevor der Knabe zu Anchises gebracht wird.
Der Name Aeneas wird bereits in der Antike gedeutet. Die Erzählung lässt Aphrodite erklären, er erinnere sie an den „schmerzhaften Kummer“, den ihr der sterbliche Geliebte bereitet habe. Sprachlich gesicherte Ableitungen gibt es nicht, aber die antike Literatur spielt mit dieser Verbindung von Name und göttlichem Kummer.
Aeneas in der Ilias
Als erwachsener Mann tritt Aeneas in Homers Ilias als Nebenfigur auf. Er ist Anführer der Dardaner, eines trojanischen Verbündetenverbandes, und gilt als tapferer Kämpfer. Der Dichter betont immer wieder seine adelige Abstammung und stellt ihn als engen Gefolgsmann Hektors vor. An einer Stelle ist Aeneas so verärgert über den König Priamos, dass er sich zunächst aus dem Kampfgeschehen heraushält, weil er sich zurückgesetzt fühlt. Das verweist auf Konkurrenz um Ehre und Ansehen innerhalb der trojanischen Führungsschicht.
Auf dem Schlachtfeld greift Aeneas in entscheidende Szenen ein. Er stellt sich unter anderem dem griechischen Helden Diomedes und später Achilles. In beiden Fällen droht er zu unterliegen, wird aber von Göttern gerettet. Aphrodite und Apollo greifen ein, als Diomedes ihn verwundet. Später schützt ihn sogar Poseidon vor Achilles, obwohl der Meergott sonst eher auf Seiten der Griechen steht. Diese Eingriffe deuten in der Logik des Epos auf eine besondere Zukunft für Aeneas, die der Dichter nicht ausführt, aber mehrfach andeutet.
In der Forschung ist häufig darauf hingewiesen worden, dass Aeneas in der Ilias als besonders fromm erscheint. Spätere Autoren knüpfen daran an, wenn sie seine Rolle als Bewahrer einer trojanischen Tradition hervorheben.

Vom Überlebenden zum Stadtgründer
Was nach dem Fall Trojas geschieht, erzählen Autoren der folgenden Jahrhunderte. Sie berichten, dass Aeneas mit einem Teil der Trojaner den Untergang der Stadt überlebt und mit Familie, Gefolgschaft und Kultgeräten entkommt. Er führt die sogenannten Aeneaden an, eine Gruppe von Flüchtlingen, die zunächst im östlichen Mittelmeer umherirrt.
In den römischen Annalen erhält diese Erzählung eine feste Form. Aeneas erreicht schließlich Mittelitalien, schließt ein Bündnis mit dem Latinerkönig Latinus und gründet die Stadt Lavinium, benannt nach Latinus’ Tochter Lavinia, die er zur Frau nimmt. Sein Sohn Ascanius, auch Iulus genannt, gilt als Gründer von Alba Longa, einer Stadtkette südlich des späteren Rom. Über diese Linie führen römische Genealogien die Könige von Alba Longa und schließlich Romulus und Remus auf Aeneas zurück.
Nach einigen Quellen wird Aeneas am Ende seines Lebens von den Göttern erhoben. Livy berichtet, dass der Flussgott Numicius Aeneas aufnimmt, während Venus ihren Sohn mit Götterspeise salbt. In dieser Tradition erscheint er als Jupiter Indiges, als göttlich verehrter Ahnherr.
Aeneas in Vergils Aeneis
Die bekannteste Gestaltung dieser Stoffe stammt aus der Aeneis Vergils, die im 1. Jahrhundert v. Chr. entsteht. Vergil bindet die älteren Erzählungen von Flucht, Irrfahrt und Landnahme zu einem großen Epos, das die Geschichte der Römer in den Horizont des Trojanischen Krieges stellt.

In zwölf Büchern schildert der Dichter die Flucht aus Troja, die Fahrt über das Mittelmeer, den Aufenthalt in Karthago und die Ankunft in Italien mit den folgenden Kämpfen gegen konkurrierende Gruppen. Aeneas trägt in diesem Werk feste Beiwörter. Besonders häufig nennt Vergil ihn pius, also pflichtbewusst, und pater, wenn er als sorgender Führer seiner Leute auftritt. Diese Beinamen sind mehr als Schmuck. Sie markieren die Rolle, die Vergil seinem Helden zuschreibt. Aeneas gehorcht göttlichen Aufträgen, ordnet persönliche Wünsche dem Auftrag der Götter unter und übernimmt Verantwortung für seine Gefährten.
Bekannte Episoden sind die Begegnung mit der karthagischen Königin Dido, der Abstieg in die Unterwelt und der abschließende Zweikampf mit Turnus, dem Gegenspieler in Italien. Vergil verbindet persönliche Konflikte mit der Vorstellung einer größeren geschichtlichen Entwicklung. Der Blick in die Unterwelt etwa zeigt Aeneas zukünftige römische Gestalten, darunter auch die Herrscherfamilie, die zur Zeit Vergils regiert. So entsteht das Bild Aeneas’ als Bindeglied zwischen Troja, dem frühen Latium und dem Rom der Kaiserzeit.
Mittelalterliche Umdeutungen und weite Genealogien
Die Figur des Aeneas wirkt über die Antike hinaus. Während in der Spätantike christliche Autoren sich intensiv mit Vergil auseinandersetzen, entwickelt das Mittelalter neue Lesarten. Aeneas dient als Vorbild und zugleich als Ausgangspunkt für Herkunftserzählungen europäischer Reiche.

Eine englische Tradition, überliefert etwa in der sogenannten Brut-Chronik, führt die Besiedlung Britanniens auf Brutus von Troja zurück, einen Enkel oder Nachkommen des Aeneas. Ähnliche Erzählungen tauchen in höfischer Dichtung auf, in der sich Herrscherhäuser mit trojanischen Wurzeln schmücken. Der Name Aeneas wird so Teil politischer Legitimationsstrategien.
In Island verbindet Snorri Sturluson im 13. Jahrhundert trojanische Gestalten mit der Vorgeschichte der nordischen Götterwelt und der eigenen Region. Die Einzelheiten folgen der Aeneis nur lose, zeigen aber, wie weit der Troja-Stoff im mittelalterlichen Europa zirkuliert.
Daneben gibt es Texte, die Aeneas kritischer sehen. In mancher spätmittelalterlichen Bearbeitung wird ihm Verrat an Troja vorgeworfen, weil er mit Familie und Besitz aus der brennenden Stadt entkommt. Die Figur eignet sich damit sowohl als Vorbild wie auch als Gegenbild, an dem sich Fragen nach Loyalität und Verantwortung beobachten lassen.
Charakterbild und Nachleben in Kunst und Literatur
Antike Autoren beschreiben Aeneas häufig mit körperlichen Details, die ihn greifbar machen sollen. Spätere Texte erwähnen rötliches Haar, eine stämmige Statur und ein ernstes, aber ansprechendes Gesicht. Wichtiger als solche Einzelheiten ist jedoch das moralische Profil, das sich von Homer bis Vergil und darüber hinaus herausbildet.

Der Aeneas Vergils ist eine Figur, die bereit ist zu gehorchen, auch wenn der göttliche Auftrag persönliche Opfer verlangt. Die Entscheidung, Karthago zu verlassen, obwohl er Dido verbunden ist, gehört zu den bekanntesten Beispielen. In der antiken und mittelalterlichen Diskussion wurde darüber gestritten, ob dieses Verhalten als bewusste Pflichterfüllung oder als Härte gegenüber der Königin zu bewerten ist. Die Aeneis selbst stellt diese Spannung sichtbar aus.
In der Kunst bietet die Aeneas-Gestalt vielfältige Anknüpfungspunkte. Antike Vasenbilder und Wandmalereien zeigen vor allem die Flucht aus Troja und den Moment, in dem er Anchises trägt. In der Neuzeit greifen Maler wie Federico Barocci oder Giovanni Battista Tiepolo Szenen aus der Aeneis auf. Opern und Theaterstücke seit dem 17. Jahrhundert erzählen die Geschichte von Dido und Aeneas oder stellen den Helden als Gründerfigur auf die Bühne. Moderne Romane und Gedichte nehmen seine Perspektive auf, variieren sie oder stellen andere Figuren daneben, etwa Lavinia oder Dido.
Zum Weiterlesen
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Hardie, P. (2010): Virgil.* Einführung in Leben und Werk Vergils mit Schwerpunkt auf der Aeneis.
Horsfall, N. (2020): Virgil, Aeneid. A Companion to the Study of Virgil.* Kommentierende Begleitstudie zur Aeneis mit vielen Hinweisen zu Aeneas’ Figur.
Bildnachweis
Titel: Aeneas flieht aus dem brennenden Troja, Federico Barocci, 1598.
Alles eigene Aufnahmen oder gemeinfrei.

