An einem kühlen Septembermorgen im Jahr 1930 versammelten sich Schaulustige auf der Plaza de Mayo, dem zentralen Platz vor dem Regierungspalast in Buenos Aires. Der Putsch der Offiziere war geglückt. Präsident Hipólito Yrigoyen stand unter Arrest, Soldaten nahmen Posten an den Eingängen ein. Zeitzeugen beschreiben diesen Tag als Zäsur, an dem die politische Ordnung der Vorkriegszeit endgültig ins Wanken geriet. Die folgenden Jahrzehnte zeigen ein Land, das auf eine moderne Exportwirtschaft zurückblickte, zugleich aber wirtschaftliche und gesellschaftliche Spannungen erlebte, die sich immer stärker verdichteten.
Zwischenkriegszeit und der Verlust eines Modells
Die Weltwirtschaftskrise veränderte die grundlegenden Bedingungen für das argentinische Entwicklungsmodell. Die Exporte sanken, Preise fielen, und internationale Kapitalströme versiegten. Der Staat griff nun stärker in Wirtschaft und Handel ein und schuf erste Instrumente zur Stabilisierung des Binnenmarkts.
Mit diesen Maßnahmen unterschied sich Argentinien deutlich von der liberalen Ordnung der Jahrzehnte zuvor. Della Paolera und Taylor zeigen, wie sich diese neu entstehende Mischung aus Protektion, Regulierung und staatlicher Steuerung als Alternative zum alten Exportmodell etablierte – ein Vorzeichen dessen, was später zum Entwicklungsmodell vieler Länder Lateinamerikas wurde.
Perón und die Strategien der ISI

Als Juan Domingo Perón – zuvor Arbeitsminister und durch eine breite Koalition aus Gewerkschaften und Militär getragen – 1946 die Präsidentschaftswahl gewann, entwickelte er ein Wirtschaftsprogramm, das auf soziale Mobilisierung, Lohnsteigerungen und nationale Industrialisierung setzte. Gewerkschaften wurden gestärkt, Preise reguliert und zentrale Sektoren verstaatlicht.
Diese Politik wird in der internationalen Forschung als importsubstituierende Industrialisierung, kurz ISI, bezeichnet. Sie zielte darauf, Güter, die zuvor importiert worden waren – von Textilien über Maschinen bis zu chemischen Produkten – im Inland zu produzieren und damit Unabhängigkeit von internationalen Märkten zu schaffen.
Kurzfristig verbesserte sich die Lage vieler Arbeiter. Doch die neue Struktur belastete die Exportwirtschaft, da Investitionen in produktive Sektoren zurückblieben und die Währung unter Druck geriet. Cortés Conde beschreibt diese Form der Industrialisierung als Weg, der die sozialen Konflikte stärker sichtbar machte und die wirtschaftliche Stabilität langfristig gefährdete.
Konflikte, Inflation und das Ringen um Stabilität
Nach dem Sturz Peróns 1955 – ein Militärputsch, ausgelöst durch wachsende Opposition aus Wirtschaft, Kirche und Teilen des Militärs – wechselten sich zivile und militärische Regierungen ab, häufig mit gegensätzlichen wirtschaftlichen Programmen. Der Staat versuchte immer wieder, mit Sparmaßnahmen, Währungsreformen und Kreditverhandlungen neue Stabilität zu schaffen.
Der Internationale Währungsfonds spielte über Jahrzehnte eine zentrale Rolle. Ab den späten 1950er Jahren unterstützte er Programme zur Neuordnung der Währung und zur Senkung des Staatsdefizits. Während der Militärregierungen in den 1960er und 1970er Jahren sowie in der Krise der 1980er Jahre war der IWF regelmäßig Partner bei Umschuldungen, Stützungsmaßnahmen und Strukturplänen. Diese Programme verschafften kurzfristige Entlastung, konnten jedoch die inneren Konflikte nicht lösen. Die Inflation blieb ein beständiges Problem.
Militärregime, Öffnung und Verschuldung

Eine radikale Wende brachte die Militärregierung, die 1976 durch einen Putsch an die Macht kam. Sie öffnete die Wirtschaft für Kapitalimporte und reduzierte Schutzmechanismen. Teile der Industrie verloren ihre Wettbewerbsfähigkeit, während kurzfristige Kapitalströme zunahmen. Die Auslandsverschuldung stieg deutlich.
Die Historiker della Paolera und Taylor machen deutlich, dass die argentinische Wirtschaft in dieser Zeit eine instabile Kombination aus Öffnung, hohen Zinsen und schwacher Produktivität entwickelte. Die sozialen Folgen verstärkten Spannungen, die das politische System seit Jahrzehnten begleiteten.
Hyperinflation und Erschöpfung
Gegen Ende der 1980er Jahre erreichte die wirtschaftliche Unsicherheit ihren Höhepunkt. Die Hyperinflation – Preissteigerungen von mehreren tausend Prozent jährlich – zerstörte Ersparnisse und zeigte, wie begrenzt die Möglichkeiten des Staates geworden waren. Regierung und Zentralbank versuchten mit Eingriffen in Preise und Währung gegenzusteuern, doch die Probleme waren zu umfassend, um kurzfristig gelöst zu werden.
Cortés Conde interpretiert diesen Zusammenbruch als Ergebnis eines langen Prozesses, in dem kein stabiler gesellschaftlicher Konsens über die Gestaltung der Wirtschaft erreicht wurde.
Reformen der 1990er Jahre und die 1:1-Parität

1989 übernahm Carlos Menem die Präsidentschaft und leitete einen politischen und wirtschaftlichen Kurswechsel ein. Der Staat privatisierte zahlreiche Unternehmen, senkte Zölle und öffnete Märkte. Grundlage der Stabilisierung war das Konvertibilitätsgesetz von 1991, das den Peso im Verhältnis eins zu eins fest an den US-Dollar band – eine feste Wechselkursgarantie, die nur durch entsprechende Dollarreserven gedeckt sein durfte.
Diese Parität stoppte die Inflation und führte zunächst zu Kapitalzuflüssen. Doch die Fixierung erschwerte es, auf internationale Entwicklungen zu reagieren. Die argentinische Industrie verlor Marktanteile, während Schulden im Ausland zunahmen. Cohen beschreibt diese Phase als einen Zeitraum, in dem die Geldpolitik ihren Handlungsspielraum verlor und der Staat stark von internationalen Investoren abhängig wurde.
Der Zusammenbruch von 2001 und der Neubeginn
Im Jahr 2001 geriet die argentinische Wirtschaft erneut in eine schwere Krise. Kapitalflucht, eingefrorene Bankkonten und der Ausfall staatlicher Zahlungen führten zu einer tiefen Rezession. Nach der Aufgabe der 1:1-Parität verlor der Peso stark an Wert.
Die Erholung setzte erst ein, als mehrere Faktoren zusammentrafen. Der stark abgewertete Peso verbesserte die Exportchancen, und ab 2003 profitierte das Land vom Rohstoff-Superzyklus – einem jahrelangen Anstieg der Weltmarktpreise für Agrarprodukte und Rohstoffe, getrieben vor allem durch die wachsende Nachfrage aus China. Cohen betont, dass diese externe Nachfrage zentral für das Wachstum der folgenden Jahre war. Gleichzeitig führte der Staat neue Programme ein, die soziale Härten abfederten.
Wiederkehrende Muster und das argentinische Paradoxon

Seit den 2010er Jahren treten vertraute wirtschaftliche Muster erneut zutage: hohe Inflation, begrenzter Zugang zu internationalen Märkten, staatliche Eingriffe in Preise und Devisen – den Handel mit ausländischen Währungen – sowie ein enger Handlungsspielraum für Investitionen. Viele dieser Faktoren begleiten das Land seit Jahrzehnten.
In der internationalen Forschung wird diese Entwicklung häufig als „Argentinisches Paradoxon“ bezeichnet: ein Land, das 1913 zu den wohlhabenderen Volkswirtschaften der Welt gehörte, rutschte im Verlauf des 20. Jahrhunderts in die Gruppe der Schwellenländer ab – Staaten mit mittlerem Einkommen, die zwischen Entwicklungs- und Industrieländern stehen.
Die Ursachen liegen weder allein in politischen Entscheidungen noch ausschließlich in internationalen Umständen. Vielmehr verbindet die argentinische Geschichte institutionelle Unsicherheit, soziale Konflikte und wirtschaftliche Abhängigkeiten zu einem lang anhaltenden Muster, das das Land bis heute prägt.
Offener Gedanke
Die argentinische Entwicklung wirft die Frage auf, wie sich Wohlstand dauerhaft sichern lässt, wenn Gesellschaft, Staat und Wirtschaft keine gemeinsame Grundlage für langfristige Verlässlichkeit finden. Diese Suche begleitet Argentinien weiter und zeigt, wie eng wirtschaftliche Stabilität und politische Ordnung miteinander verbunden sind.

Zum Weiterlesen
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- Cortés Conde, Roberto (2008): The Political Economy of Argentina in the Twentieth Century * – zentrale Analyse politischer und wirtschaftlicher Entwicklungen.
- della Paolera, Gerardo / Taylor, Alan M. (2003): A New Economic History of Argentina * – detaillierte Darstellung langfristiger Strukturen und Krisenmechanismen.
- Cohen, Michael (2012): Argentina’s Economic Growth and Recovery * – Untersuchung der Reformen und des Wachstums nach 2002.
Bildnachweis
Titel: Schaulustige am Nationalkongress während des Putsches 1930.
Palacio del Congreso, Wikimedia Commons, Philipp Capper.
Carlos Menem: Wikimedia Commons, Presidencia de la Nación.
Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

