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Der Warlord im Norden – Abdul Raschid Dostum und das Dilemma von Masar-e Scharif

Am 9. November 2001 blickten westliche Strategen und internationale Beobachter gespannt auf die Staubwolken in der nordafghanischen Steppe. Berittene Kämpfer unter General Abdul Raschid Dostum preschten direkt auf den Schrein von Hazrat Ali im Zentrum von Masar-e Scharif zu. Dieses prächtige Bauwerk gilt als eine der heiligsten Stätten des schiitischen Islam, da dort das Grab Alis, des Cousins und Schwiegersohns des Propheten Mohammed, vermutet wird.

Dostum, 2001

Die Stadt war das strategische Tor zum Norden und wurde nun den Taliban entrissen. Für die US-Spezialkräfte und den CIA, die Dostums Vormarsch unterstützten, war der usbekische General der Mann der Stunde: ein säkularer Machtmensch, der die religiösen Fanatiker hasste. Doch während der Fall der Stadt das Ende der ersten Taliban-Herrschaft einläutete, ahnte man in den westlichen Hauptstädten bereits, dass diese Allianz ein moralisches Trümmerfeld hinterlassen würde.

Zwischen Modernisierung und Kriegsverbrechen

In den Jahren nach dem Sturz der Taliban stießen internationale Beobachter im Norden auf eine widersprüchliche Realität. Dostums Einflussbereich galt lange als eine Region, in der Frauen die Universität besuchten und Musiker öffentlich auftraten – Freiheiten, die im restlichen Land unter der Scharia undenkbar waren. Dostum inszenierte sich als moderner Reformer, der eine eigene Währung und die Fluggesellschaft „Balkh Air“ unterhielt.

Diese gesellschaftliche Öffnung war jedoch untrennbar mit massiver Gewalt verknüpft. Nur zwei Wochen nach der Einnahme der Stadt kam es im November 2001 in der Festung Qala-i-Jangi zu einem blutigen Gefangenenaufstand. Kurz darauf ereignete sich das Massaker von Dascht-i-Leili: Berichten zufolge pferchten Dostums Männer tausende Gefangene, die zuvor aus der belagerten Stadt Kundus herangeführt worden waren, in Schiffscontainer. In diesen Metallboxen erstickten sie qualvoll oder wurden später in der Wüste erschossen.

Diese frühen Verbrechen stellten die internationale Gemeinschaft vor eine dauerhafte Gratwanderung. Die ISAF (International Security Assistance Force) – eine von der UN mandatierte und später von der NATO geführte Schutztruppe – weitete ihren Einsatz erst ab 2003 auf den Norden aus. Als die Bundeswehr 2006 die Führung in Masar-e Scharif übernahm, war die Kooperation mit Dostum bereits ein Sachzwang: Die deutschen Soldaten brauchten seine Milizen für die lokale Sicherheit, obwohl dessen Machtanspruch den Aufbau staatlicher Strukturen untergrub.

US-Soldaten und Kämpfer der Nord-Allianz, 2001

Der Aufstieg des „Kingmakers“

Diese Abhängigkeit des Westens wurzelte in Dostums langer Geschichte als unentbehrlicher Machtfaktor. Bereits 1989, nach dem Abzug der Sowjetunion, sicherte er mit seiner „Dschuzdschani-Miliz“ das Überleben des prosowjetischen Regimes in Kabul. Die Truppe war nach seiner Heimatprovinz benannt und rekrutierte sich primär aus der usbekischen Minderheit. In der Bevölkerung war sie als „Gilam Jam“ bekannt – die „Teppichaufroller“, da sie dafür berüchtigt war, alles bis auf den letzten Teppich zu plündern.

Dostum war ein Machtmensch mit instinktiver Wendigkeit. 1992 erkannte er, dass die Zentralregierung nicht mehr zu halten war. In einer spektakulären Volte wechselte er die Seiten, verbündete sich mit seinen vormaligen Feinden, den Mudschahedin-Führern Massoud und Rabbāni, und marschierte in Kabul ein. Dieser Verrat machte ihn zum „Kingmaker“ des afghanischen Bürgerkriegs, aber auch zu einem unberechenbaren Risikofaktor für jeden Verbündeten.

Ein Partner ohne Loyalität

Dostum mit Präsident Karzai, 2001

Seine Biografie ist eine Kette von Allianzen und Brüchen, die stets seinem eigenen Machterhalt dienten. 1994 beschoss er zusammen mit dem Radikalen Gulbuddin Hekmatyār das zuvor verbündete Kabul; 1996 floh er vor den Taliban ins Exil, um 2001 als Partner der USA zurückzukehren. Auch innerhalb der neuen Ordnung nach 2001 blieb er der unkontrollierbare Milizenführer.

Trotz seines Aufstiegs zum Vizepräsidenten blieb Dostum ein Warlord, der nur seine eigenen Gesetze kannte. Als er 2016 seinen politischen Rivalen Ahmad Ischi entführen und misshandeln ließ, löste dies internationales Entsetzen aus. Der Vorfall zwang ihn zeitweise zur Flucht in die Türkei. Es zeigte sich, dass Dostum nicht bereit war, sich Gerichten oder einer rechtsstaatlichen Verwaltung unterzuordnen – ein fundamentales Problem für den westlichen Versuch, eine funktionierende Polizei und Justiz in Afghanistan zu etablieren.

Das bittere Ende einer Ära

Im August 2021 schloss sich der Kreis. Als die Taliban erneut auf Masar-e Scharif vorrückten, versuchte der gealterte Marschall noch einmal, den Widerstand zu organisieren. Doch das System der persönlichen Loyalitäten und Milizen kollabierte. Am 14. August 2021 floh er erneut über die Grenze nach Usbekistan. Die „Festung des Nordens“ fiel fast kampflos.

Zurück blieb die historische Erkenntnis, dass die Geister, die man 2001 zur Hilfe rief, zwar kurzfristig militärische Erfolge brachten, aber eine stabile zivile Ordnung mit unabhängigen Gerichten und einer professionellen Verwaltung verhinderten. Dostum, der heute wieder im türkischen Exil lebt, bleibt das Sinnbild für das Dilemma des Westens in Afghanistan: die fatale Abhängigkeit von starken Männern, die keine Gesetze außer ihren eigenen akzeptieren.


Bundeswehr in der Nähe von Mazar-e-Sharif, 2009

Zum Weiterlesen

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Whitlock, C. (2021): Die Afghanistan Papers: Der Insider-Report über Geheimnisse, Lügen und 20 Jahre Krieg.*

Loyn, D. (2009): Butcher and Bolt: Two Hundred Years of Foreign Engagement in Afghanistan. Eine detaillierte Analyse über die schwierigen Allianzen zwischen westlichen Mächten und lokalen Herrschern.*

Bildnachweis

Titel: Amerikanische Soldaten auf Pferden in Afghanistan, 2001.

Bundeswehr: Wikimedia Commons, ISAF Headquarters Public Affairs Office from Kabul, Afghanistan.

Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

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