Startseite » Israels frühe Gemeinschaften

Israels frühe Gemeinschaften

Vogel_Massada

Serie: Am Anfang war kein Staat – Das alte Israel

Herkunft ohne klare Anfänge

Engel hält Abraham davon ab, Isaak zu opfern. Rembrandt-Gemälde, 1635

Die biblischen Erzählungen beginnen mit einzelnen Personen: Abraham, Isaak und Jakob gelten als Ahnen Israels. Sie ziehen durch fremde Länder, schließen Bündnisse und hinterlassen Nachkommen, die eines Tages ein eigenes Land bewohnen sollen. Historisch lassen sie sich nicht nachweisen. Die Texte, in denen sie erscheinen, entstanden erst viel später. Vermutlich wurden sie in einer Zeit aufgeschrieben, als Israel bereits ein Königreich war. Ihre Perspektive ist rückblickend.

Wie Israel tatsächlich entstand, ist schwer zu fassen. Ein militärischer Einmarsch aus dem Osten, wie ihn das Buch Josua beschreibt, lässt sich archäologisch nicht belegen. Stattdessen zeigen sich im zentralen Bergland um 1200 vor unserer Zeitrechnung zahlreiche neue Siedlungen. Sie wirken unscheinbar, deuten aber auf eine tiefgreifende Veränderung hin.

Ob es sich bei den Siedlern um Zuwanderer handelte, ist offen. Manche Deutungen sehen in ihnen Gruppen, die sich von der kanaanäischen Gesellschaft lösten. Andere betonen soziale Umbrüche im Inneren des Landes. Auch eine Kombination verschiedener Wege ist denkbar. Gemeinsam ist diesen Ansätzen, dass sie nicht von einem einzelnen Ursprung ausgehen, sondern von einem Prozess. Am Anfang stand also kein Staat. Es waren kleine Gruppen, neue Dörfer, geteilte Erzählungen. Aus dieser Vielfalt entstand allmählich das, was später Israel genannt wurde.

Siedlungen im Bergland

Niederländische Karte Kanaans, 18. Jahrhundert

Die archäologischen Spuren dieser Zeit sind unspektakulär, aber zahlreich. Im Bergland Kanaans entstanden über zweihundert neue Dörfer. Sie lagen abseits der älteren Stadtstaaten und bestanden meist aus wenigen Gebäuden. Ihre Bewohner lebten von Landwirtschaft und Viehhaltung. Hinweise auf größere soziale Unterschiede fehlen.

Typisch sind einfache Wohnbauten, häufig sogenannte Vier-Raum-Häuser. Auch bestimmte Keramikformen wie Vorratsgefäße mit verstärktem Rand finden sich immer wieder. Lange galten sie als Erkennungszeichen einer israelitischen Bevölkerung. Heute sieht man darin eher regionale Formen, die auch von anderen Gruppen verwendet wurden. Die neuen Siedlungen zeigen also keinen ethnisch eindeutigen Charakter, aber sie markieren eine neue Besiedlungsbewegung.

Richter statt Könige

In den biblischen Texten folgt auf die Ansiedlung eine Zeit der sogenannten Richter. Diese Figuren agieren als lokale Anführer in unruhigen Zeiten. Sie verfügen über kein Amt, keine Dynastie, keine Verwaltung. Ihre Macht gründet auf persönlichem Ansehen oder religiöser Berufung, oft begrenzt auf einzelne Stämme oder Gebiete.

Die Erzählungen betonen immer wieder die Bedrohung von außen und die Zersplitterung im Inneren. Einheit entsteht nur vorübergehend. Zwischen den Episoden kehren Konflikte, Rivalitäten und Unsicherheit zurück. Auch deshalb erscheint am Ende dieser Phase der Wunsch nach einer stabileren Form der Führung.

Alltag in kleinen Gemeinschaften

Das soziale Leben dieser frühen Zeit spielte sich in kleinen Einheiten ab. Die Dörfer waren autark. Familien lebten mit ihren Tieren unter einem Dach, bauten Getreide an und lagerten Vorräte. Fernhandel spielte kaum eine Rolle. Es gibt keine Schriftzeugnisse, kaum Grabfunde, keine Monumente.

Die Religion war nicht zentral organisiert. Hausaltäre, kleine Kultplätze und vereinzelte Tierfiguren deuten auf eine vielfältige Praxis hin. Die Vorstellung eines allein verehrten Gottes wie Yahweh tritt in dieser Zeit nicht klar hervor. Vieles weist auf eine Verbindung zu kanaanäischen Vorstellungen, etwa durch die Verehrung von El als göttlicher Vaterfigur.

Ein Name in ägyptischer Sicht

Ein einzelner ägyptischer Text gibt einen ersten greifbaren Hinweis. Auf der sogenannten Merneptah-Stele, datiert um 1210 vor unserer Zeitrechnung, wird Israel als besiegte Gruppe in Kanaan genannt. Es ist keine Stadt, kein Reich, sondern ein Name unter vielen. Doch er zeigt, dass es zu dieser Zeit bereits Menschen gab, die unter dieser Bezeichnung bekannt waren.

Was sie verband, bleibt unklar. Vielleicht war es Sprache, vielleicht waren es Erzählungen, vielleicht bestimmte soziale Strukturen. Sicher ist nur, dass der Name auftaucht, bevor ein König regiert oder ein Tempel gebaut wird.

Merneptah-Stele

Zum Weiterlesen

Links, die mit einem Sternchen () gekennzeichnet sind, führen auf die Seite von Amazon.de. Wenn Sie über diese Links bestellen, unterstützen Sie unsere Arbeit, ohne dass Ihnen Mehrkosten entstehen.*

Manfred Clauss (2009): Geschichte des alten Israel.*

Bildnachweis

Titel: Rabe auf der Massada-Festung.

Merneptah-Stele: Wikipedia Commons, 𐰇𐱅𐰚𐰤.

Alles weitere public domain.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert