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Nomaden, Bauern und die Landnahme im alten Israel

Serie: Am Anfang war kein Staat – Das alte Israel

Ein Esel zieht durch das staubige Bergland, beladen mit Vorräten. Neben ihm gehen Menschen, die keine Stadt ihr Eigen nennen. Sie lagern für Wochen an einem Ort, bevor sie weiterziehen. Dieses Bild von Nomaden, die allmählich sesshaft werden, begleitet viele Erklärungen zur Entstehung Israels. Doch die Spuren, die Archäologen im Boden finden, erzählen von einem komplizierteren Prozess.

Erzählung und Archäologie

Die biblischen Bücher Josua und Richter zeichnen ein dramatisches Bild von der Landnahme im 12. und 13. Jahrhundert: ein militärischer Einmarsch ins Land Kanaan, geführte Schlachten, besiegte Städte. Historisch lassen sich diese Schilderungen nicht bestätigen. Archäologische Grabungen zeigen vielmehr, dass viele der vermeintlich eroberten Orte zur fraglichen Zeit gar nicht existierten oder nicht zerstört worden waren. Stattdessen entstanden um zwölfhundert vor unserer Zeitrechnung im zentralen Bergland zahlreiche kleine Dörfer, die wie aus dem Nichts auftauchten.

Neue Dörfer im Bergland

Diese neuen Siedlungen bestanden meist aus schlichten Häusern, Vorratsgruben und einfachen Gehöften. Von Palästen, Tempeln oder gar Festungen keine Spur. Das spricht nicht für eine erobernde Kriegerelite, sondern für Gruppen, die nach einem Lebensraum suchten, ohne Anspruch auf Monumente oder Herrschaftszeichen. Ob sie aus der kanaanäischen Gesellschaft heraus entstanden oder von außen kamen, bleibt offen. Wahrscheinlich vermischten sich beide Entwicklungen.

Sesshaft werden im Randgebiet

Teile des Landes sind wenig fruchtbar

Nomadengruppen, die zuvor mit Herden durch das Umland zogen, könnten begonnen haben, Felder zu bestellen. Die klimatischen Bedingungen im Bergland erlaubten Getreideanbau, wenn auch mühsam. Zugleich bot die Abgeschiedenheit Schutz vor den großen Stadtstaaten in der Ebene. So entstanden autarke Dorfgemeinschaften, die weitgehend unabhängig lebten.

Ernährung zwischen Herden und Feldern

Diese Verbindung von Viehhaltung und Ackerbau prägt das Bild der frühen israelitischen Gesellschaft. Noch lange erinnern die biblischen Erzählungen an das Ziehen mit Herden durch fremde Länder. Gleichzeitig betonen sie das Sesshaftwerden im „Land“, das von Gott verheißen sei. Archäologisch zeigt sich ein Nebeneinander: Reste von Tierknochen belegen weiterhin die Bedeutung der Herden, während Vorratsgefäße und Mahlsteine auf den Anbau von Getreide hinweisen.

Landnahme als Prozess

Konflikte mit den älteren Stadtstaaten sind kaum belegt. Vieles deutet darauf hin, dass die neuen Dorfbewohner bewusst das Randgebiet besiedelten, fern von den fruchtbaren, aber politisch kontrollierten Ebenen. Der sogenannte Landnahmeprozess war daher weniger eine Eroberung als ein Ausweichen, Ansiedeln und Neuorganisieren.

Deutung im Rückblick

In den Erzählungen der späteren Generationen verschob sich die Perspektive. Was zunächst als mühsamer Aufbau kleiner Gemeinschaften begann, wurde zu einer Geschichte von göttlicher Führung und militärischem Erfolg. Diese Deutung verlieh der Vergangenheit Sinn und Legitimation. Für die Historiker und Archäologen von heute bleibt aber die Frage entscheidend, wie aus den kleinen Dorfsiedlungen ein eigenes Volk wurde.

Die Entstehung Israels ist also nicht an einem einzigen Ereignis festzumachen. Sie liegt in den langsamen Veränderungen von Lebensweisen, im Übergang von Wanderzügen zu festen Häusern, in der Mischung von kanaanäischen Traditionen und neuen sozialen Formen.


Zum Weiterlen

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Manfred Clauss (2009): Geschichte des alten Israel.*

Bildnachweis

Titel: Joshua und die Israeliten überqueren den Jordan.

Alle Bilder eigene Aufnahmen oder gemeinfrei.

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