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Auf Dünen und Deichen – Die Swifterbant-Kultur im frühen Nordwesteuropa

Als niederländische Ingenieure im 20. Jahrhundert das Wasser der Zuiderzee zurückdrängten, kam eine versunkene Landschaft ans Licht. Durch den Bau des Abschlussdeichs, der das Binnenmeer vom offenen Nordseewasser trennte, entstand das heutige IJsselmeer. In den neu gewonnenen Poldern von Flevoland stießen Archäologen auf Spuren einer Kultur, die vor über 6000 Jahren hier gelebt hatte. Zwischen Schilf und Sedimenten fanden sie Tierknochen, Tonscherben und Pfostenlöcher. Sie erzählen vom Leben jener Menschen, die heute als Swifterbant-Kultur bekannt sind.

Ein Land im Wandel

Vor rund 7000 Jahren war das Gebiet zwischen der Nordsee und den Flussniederungen der Maas und IJssel ein vielgestaltiges Wasserland. Der Meeresspiegel stieg langsam an, Flüsse suchten sich neue Wege, Moore und Sümpfe wechselten mit Sandbänken und Waldinseln. Die Küstenlinie verlief unregelmäßig, unterbrochen von Lagunen und Buchten.

In dieser bewegten Landschaft entstand die Swifterbant-Kultur. Ihre Bewohner lebten an der Grenze von Wasser und Land. Sie siedelten auf Erhebungen, die bei Flut nicht überflutet wurden, und nutzten die Niederungen für Jagd und Fischfang. Die Orte lagen meist in Flussnähe, wo Süßwasser, Holz und Nahrung reichlich vorhanden waren.

Der Anstieg der Temperaturen führte zum langsamen Abschmelzen der Gletscher und zum Anstieg des Meeresspiegels

Zwei Formen des Wohnens

Archäologische Untersuchungen zeigen zwei deutlich unterscheidbare Typen von Siedlungen. Auf den sandigen Dünen richteten sich kleinere Gruppen ein, die offenbar nur zeitweise dort lebten. Diese Plätze dienten als Jagd- und Sammelcamps. Sie liegen etwas höher, meist auf natürlich entstandenen Sandrücken, die nur selten überflutet wurden.

Anders die Siedlungen auf den Deichen. Sie waren größer, dauerhafter und besser organisiert. Ihre Lage bot Schutz vor dem Wasser und zugleich Nähe zu den Flüssen. In Swifterbant S3, einem der wichtigsten Fundorte, wurde ein Deichsystem von etwa 80 Metern Breite nachgewiesen, dicht besiedelt und über viele Jahre genutzt. Noch eindrucksvoller ist Schokland P14, wo die archäologische Schicht eine Breite von über 250 Metern erreicht. Diese Orte zeigen, dass die Bewohner den Wasserstand genau kannten und ihre Häuser auf den sichersten Punkten errichteten.

Von den Häusern selbst sind nur Pfostenlöcher geblieben. In Swifterbant S3 lassen sie Grundflächen von etwa 4,5 mal 8 Metern erkennen – einfache Rechteckbauten mit Wänden aus Holz und Flechtwerk. In Schokland P14 dagegen weisen die Spuren auf größere Gebäude hin, bis zu 12 mal 6 Meter. Die Unterschiede deuten auf verschiedene Nutzungen: dauerhafte Wohnplätze auf den Deichen, kleinere saisonale Lager auf den Dünen.

Querschnitt durch eine Düne: In den verschiedenen Abschnitten unterscheiden sich Bodenbedingungen und Vegetation. Der mittlere Bereich ist ausreichend trocken für eine Besiedlung.

Leben mit dem Wasser

Das Leben war eng mit der Natur des Feuchtlands verbunden. Der Wechsel der Jahreszeiten bestimmte den Rhythmus der Arbeit. Im Winter überfluteten die Flüsse weite Flächen, im Sommer lagen sie trocken und fruchtbar da. Die Menschen nutzten diese Dynamik: Sie jagten im sumpfigen Gelände, fischten in den Kanälen und sammelten Pflanzen und Früchte aus den Wäldern.

Die Vegetation reichte von Schilf und Brennnesseln am Ufer bis zu Erlen- und Eschenwäldern auf den etwas höheren Zonen. Hasel, Ulme und Linde prägten das Bild der trockeneren Anhöhen. Diese Vielfalt schuf eine reiche ökologische Nische, in der sich das Leben an die Bewegungen des Wassers anpasste.

Mit dem weiteren Anstieg des Meeresspiegels wandelte sich die Landschaft. Um 3800 v. Chr. mussten viele der tief gelegenen Siedlungen aufgegeben werden. Nur die höchsten Dünen ragten noch aus dem Sumpf. Ab 3400 v. Chr. war das Gebiet unbewohnbar, die Menschen zogen weiter nach Osten, ins höher gelegene Binnenland.

Wasserlandschaft in Flevoland heute

Der Wandel der Lebensweise

In der frühen Phase lebten die Swifterbant-Gruppen noch von Jagd, Fischfang und Sammeln. Erst ab etwa 4500 v. Chr. setzte ein langsamer Übergang ein. Sie begannen, Getreide anzubauen und Tiere zu halten. Die neuen Techniken ergänzten die alten, sie verdrängten sie nicht.

Auf den trockeneren Flächen der Deiche und Dünen wuchsen Emmer und Gerste, daneben Hasel, Apfel und verschiedene Beeren. Archäobotanische Analysen zeigen, dass die Böden durch regelmäßige Überschwemmungen nährstoffreich blieben. Schweine und Rinder wurden in kleinen Herden gehalten. Hunde begleiteten die Menschen bei der Jagd.

Diese Kombination aus Landwirtschaft, Tierhaltung und Sammelwirtschaft zeigt eine flexible Anpassung. Die Swifterbant-Gemeinschaften nutzten die Ressourcen, die das Wasser ihnen bot, und ergänzten sie durch kontrollierte Produktion. Sie lebten in einem Gleichgewicht zwischen Natur und Eingriff – ein Muster, das in späteren neolithischen Gesellschaften verloren ging.

Dinge und Spuren

Die materiellen Funde wirken auf den ersten Blick unscheinbar, doch sie geben präzise Einblicke. Steinartefakte aus Granit, Quarz und Sandstein belegen, dass verschiedene Rohstoffe herangeschafft wurden. Nur wenige Werkzeuge sind gezielt bearbeitet, vieles scheint direkt verwendet worden zu sein.

Bernstein, meist gelb oder rötlich, wurde zu Schmuck verarbeitet. Seine Verbreitung zeigt weite Austauschbeziehungen entlang der Küste.

Keramik erscheint ab der mittleren Phase. Die Gefäße sind grobwandig, mit runden oder spitzen Böden. Ihre Nutzung ist unterschiedlich: In einigen Töpfen fanden sich Rückstände von Fisch und Fleisch, in anderen Getreidebrei. Damit lässt sich erstmals eine spezialisierte Ernährung nachweisen – der Beginn einer neuen Esskultur.

Gesellschaft und Tod

Die Zahl der bekannten Gräber ist gering, doch sie erlaubt vorsichtige Schlüsse. Meist liegen die Bestattungen im Siedlungsbereich, nur selten außerhalb. Die Gruben sind oval, die Toten liegen auf dem Rücken, die Arme seitlich. Beigaben sind spärlich, oft nur Schmuck oder kleine Steinobjekte.

Mehrfachgräber zeigen, dass einzelne Orte über längere Zeit genutzt wurden. Kindergräber sind selten, was auf unterschiedliche Bestattungspraktiken hindeutet.

Hinweise auf rituelles Handeln sind sporadisch, aber vorhanden. Zwei Hirschgeweihe, die in einem Kanal niedergelegt wurden, deuten auf symbolische Handlungen im Zusammenhang mit Jagd oder Fruchtbarkeit.

Offene Fragen

Die bekannten Fundorte geben nur einen kleinen Ausschnitt des damaligen Lebensraums wieder. Künftige Untersuchungen in den tiefer gelegenen und weiter im Landesinneren befindlichen Regionen könnten zeigen, wie unterschiedlich die Menschen in diesem Feuchtland auf ihre Umgebung reagierten und wie vielfältig das Gesicht der frühen Niederlande bereits war.


Zum Weiterlesen

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Prummel, W. et al. (2016): Swifterbant. Pionieren in Flevoland 6500 jaar geleden – Standardwerk zur Kulturgeschichte und Umwelt der Swifterbant-Menschen in niederländischer Sprache.

Anscher, Ten J. (2012): Leven met de Vecht: Schokland-P14 en de Noordoostpolder in het neolithicum en de bronstijd.

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Bildnachweis

Titel: Flevoland.

Temperaturen in Grönland: Wikimedia Commons, Daniel E. Platt, Marc Haber, Magda Bou Dagher-Kharrat, Bouchra Douaihy, Georges Khazen, Maziar Ashrafian Bonab, Angélique Salloum, Francis Mouzaya, Donata Luiselli, Chris Tyler-Smith, Colin Renfrew, Elizabeth Matisoo-Smith & Pierre A. Zalloua.

Wasserlandschaft: Wikipedia Commons, Agnes Monkelbaan.

Dünen: Wikimedia Commons, Paul Arps.

Alles Weitere eigene Bilder oder gemeinfrei.

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