Sicherheit nach der Reichsgründung
Nach 1871 war das Deutsche Reich eine neue Macht in Europa. Der Sieg über Frankreich hatte die politische Landkarte verschoben, Elsass-Lothringen war annektiert, und das Reich trat selbstbewusst auf. Doch die Lage war heikel: Die Nachbarn trauten dem neuen Staat nicht, Frankreich sann auf Revanche.
Otto von Bismarck, Reichskanzler und erfahrener Diplomat, erkannte diese Unsicherheit. Sein Ziel war nicht die Ausweitung deutscher Macht, sondern die Bewahrung des Status quo. Er wollte das Reich in Europa absichern und Frankreich dauerhaft isolieren.
Frankreich als Gefahr

Frankreich war der einzige Verlierer von 1871 und damit die größte Bedrohung. Bismarck befürchtete, dass Paris Verbündete suchen würde, um Elsass-Lothringen zurückzugewinnen. Besonders ein Bündnis mit Russland oder Österreich wäre gefährlich gewesen. Ein Zweifrontenkrieg sollte unter allen Umständen vermieden werden.
Um das zu verhindern, versuchte Bismarck, Deutschland in ein dichtes Netz von Bündnissen einzubinden. Ziel war, die anderen Großmächte an das Reich zu binden und Frankreich außenpolitisch zu isolieren.
Drei-Kaiser-Abkommen

1873 entstand das erste große Ergebnis dieser Bemühungen: das Drei-Kaiser-Abkommen. Wilhelm I., Kaiser Franz Joseph von Österreich-Ungarn und Zar Alexander II. von Russland versprachen gegenseitige Abstimmung und wohlwollendes Verhalten. Es war weniger ein fester Militärpakt als eine politische Verständigung, die auf den persönlichen Beziehungen der Monarchen beruhte.
Das Abkommen brachte dem Reich zunächst Ruhe. Frankreich fand keinen Anschluss, und die konservativen Monarchien Europas standen symbolisch zusammen gegen revolutionäre Bewegungen. Doch das Bündnis war brüchig, da Österreich und Russland im Balkan gegensätzliche Interessen verfolgten.
Zweibund und Dreibund
Als die Spannungen auf dem Balkan zunahmen, drohte das Gleichgewicht zu kippen. Russland beanspruchte Einfluss über die orthodoxen Völker in Südosteuropa, während Österreich dort seine Stellung ausbauen wollte. Für Bismarck wurde klar, dass er nicht beide Mächte gleichzeitig dauerhaft an Deutschland binden konnte.
1879 schloss er deshalb mit Österreich-Ungarn den Zweibund. Er verpflichtete beide Seiten zu gegenseitiger Unterstützung im Fall eines russischen Angriffs. Damit entschied sich Deutschland klar für die Anbindung an Wien.
1882 trat Italien dem Bündnis bei. Es suchte Schutz vor Frankreich in Nordafrika und fand im Dreibund eine Gelegenheit, sich mit den Mittelmächten zu verbinden. Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien standen nun in einem formellen Militärbündnis, das jahrzehntelang bestand.
Rückversicherungsvertrag mit Russland
Ganz auf Russland verzichten wollte Bismarck dennoch nicht. 1887 schloss er den Rückversicherungsvertrag, der eine wohlwollende Neutralität beider Mächte vorsah, falls eine von ihnen in einen Krieg mit einer dritten Großmacht geriet. Dies sollte verhindern, dass Russland sich Frankreich annäherte.
Der Vertrag war ein Meisterstück der Balancepolitik. Er hielt die Möglichkeit einer Kooperation mit Russland offen, ohne das Bündnis mit Österreich zu gefährden. Allerdings war er eng mit Bismarcks persönlicher Diplomatie verbunden und weniger mit festen Strukturen.
Spannungen im Mittelmeerraum
Auch die Mittelmeerpolitik spielte eine Rolle. Um Frankreich weiter einzudämmen, unterstützte Bismarck 1887 die Mittelmeerabkommen zwischen Großbritannien, Italien und Österreich-Ungarn. Sie sollten die französische Expansion im Mittelmeer und in Nordafrika begrenzen. Für Deutschland war dies kein Kerninteresse, doch es diente dem Ziel, Frankreich diplomatisch zu isolieren.
Kolonialpolitik wider Willen

In der Öffentlichkeit wuchs in den 1880er Jahren der Druck, Deutschland müsse auch Kolonien besitzen. Handelsgesellschaften, Missionare und nationalistische Vereine wie der 1882 gegründete Deutsche Kolonialverein forderten „einen Platz an der Sonne“.
Bismarck selbst war skeptisch. Er fürchtete Konflikte mit Großbritannien und sah Kolonien eher als Belastung denn als Chance. Dennoch ließ er in den Jahren 1884/85 mehrere Schutzgebiete anerkennen: in Südwestafrika, Kamerun, Togo und in der Südsee. Auch an der Kongo-Konferenz von 1884/85 nahm Deutschland teil.
Für Bismarck waren diese Kolonien vor allem ein diplomatisches Instrument. Er nutzte sie, um in Verhandlungen mit London und Paris Druckmittel in der Hand zu haben. Ein globales Kolonialreich wollte er nicht schaffen.
Machtbalance durch Diplomatie
Bismarcks Außenpolitik beruhte auf vorsichtiger Balance. Er wollte den Frieden wahren, solange das Reich innenpolitisch konsolidiert wurde und die Wirtschaft wuchs. Das Bündnissystem sicherte Deutschland zwei Jahrzehnte lang relative Stabilität.
Diese Politik hatte jedoch Grenzen. Sie hing stark von Bismarcks persönlichem Geschick ab, Verträge miteinander in Einklang zu bringen und Spannungen zu moderieren. Sein Netzwerk war kompliziert, teilweise widersprüchlich, und nur er überblickte die ganze Konstruktion.
Bilanz der Bismarck-Ära
Bismarck sicherte dem Reich eine Phase der Ruhe, in der es wirtschaftlich aufsteigen konnte. Frankreich blieb isoliert, Russland und Österreich waren in wechselnden Konstellationen eingebunden. Großbritannien hielt Distanz, sah Deutschland aber nicht als Hauptgegner.
Nach Bismarcks Entlassung 1890 änderte sich die Lage. Der Rückversicherungsvertrag mit Russland wurde nicht erneuert. Damit öffnete sich ein Spielraum, den Frankreich bald nutzte, um sich mit Russland zu verbünden. Die mühsam austarierte Balance zerfiel, und das Deutsche Reich stand langfristig vor größeren Risiken.

Zum Weiterlesen
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Thomas Nipperdey (2013): Deutsche Geschichte 1866–1918. Erster Band: Arbeitswelt und Bürgergeist – Überblick über Wirtschaft und Gesellschaft.*
Christoph Nonn (2015): Bismarck: Ein Preuße und sein Jahrhundert.*
Bildnachweis
Titel: Karikatur zur Bündnispolitik Bismarcks.
Alle Bilder gemeinfrei.

