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Chloderich, Chlodwig und der Machtwechsel in Köln

Ein doppelter Königsmord

Handschrift der Historiae des Gregor von Tours, aus dem späten 7. Jhdt.

Ein König schläft im Zelt und wird von der eigenen Gefolgschaft erschlagen. Sein Sohn besteigt den Thron, nur um wenige Wochen später selbst bei der Begutachtung des Königsschatzes niedergestochen zu werden. So schildert Gregor von Tours den Machtwechsel in Köln um das Jahr 508. Zwei kurze, brutale Morde und Köln wechselte vom Herrschaftsgebiet der rheinischen Kleinkönige in das expandierende Frankenreich Chlodwigs I. Die Frage, wie diese Abfolge von Intrige und Gewalt zustande kam und welche Rolle Chlodwig dabei spielte, führt mitten in die politische Praxis der frühen Merowingerzeit.

Sigibert der Lahme und sein Herrschaftsgebiet

Sigibert, von Gregor wegen einer alten Kriegsverletzung „der Lahme“ genannt, stand an der Spitze eines rheinischen Kleinkönigtums, dessen Zentrum Köln war. Der Ort war im frühen 6. Jahrhundert mehr als ein fränkischer Herrschersitz. Als ehemalige römische Provinzhauptstadt hatte er Verwaltungstraditionen, Handelskontakte und ein befestigtes Zentrum, das seine Bedeutung auch für die fränkische Herrschaftspolitik erhöhte. Sigibert unterstützte Chlodwig im Kampf gegen die Westgoten, blieb aber ein eigenständiger Herrscher mit eigener Gefolgschaft.

Die Ermordung Sigiberts

Gregor beschreibt, wie Chlodwig über geheime Boten Kontakt zu Chloderich aufnahm. Demnach ermutigte er den jungen Königsohn, selbst zur Macht zu greifen. Chloderich setzte diesen Plan in die Tat um: Sigibert wurde während einer Reise ermordet. Gregor überliefert hierzu ein bemerkenswertes Detail: Der Anschlag geschah, als Sigibert im Wald lagerte und sich im Zelt zum Schlafen niedergelegt hatte. Seine eigene Gefolgschaft, von Chloderich bestochen oder überzeugt, erschlug ihn dort. Diese knappe, aber deutliche Schilderung zeigt, dass der Mord heimlich und ohne offenen Kampf ausgeführt wurde.

Der Mord an Chloderich

Chlodwig I. bei der Taufe, Skulptur in der Kathedrale Notre Dame, Paris

Nach dem Tod des Vaters trat Chloderich die Nachfolge an und sandte Gesandte zu Chlodwig, um die Verbindung zu festigen. Kurz darauf schickte Chlodwig eigene Männer nach Köln. Offiziell sollten sie den Schatz des neuen Königs begutachten. Gregor berichtet, dass sie Chloderich aufforderten, seine Hand tief in die Kisten voller Gold und Edelsteine zu tauchen, um die Prachtstücke vorzuführen. In diesem Moment stachen sie ihn von hinten nieder. Die Szene erscheint bei Gregor nüchtern, gerade dadurch aber umso eindringlicher: Während Chloderich abgelenkt war, wurde er wehrlos getötet.

Chlodwig übernimmt Köln

Unmittelbar danach erschien Chlodwig in Köln. In einer Ansprache stellte er sich als Beschützer dar, der gekommen sei, um die Kölner von einem König zu befreien, der seinen Vater getötet habe. Nach Gregors Darstellung akzeptierten die Einwohner ihn als neuen Herrscher.

Deutung und historische Bedeutung

Die Überlieferung Gregors ist die einzige ausführliche Quelle zu diesen Ereignissen. Er schrieb seine „Zehn Bücher Geschichte“ Jahrzehnte später und verknüpfte die Vorgänge mit einer heilsgeschichtlichen Deutung: Chlodwig erscheint als Werkzeug göttlicher Fügung, das einen Vatermörder richtet und das Frankenreich eint. Historisch bleibt offen, ob Chlodwig tatsächlich den Mord an Sigibert veranlasste oder ob er eine Gelegenheit nutzte, um seinen Einfluss am Rhein auszubauen.

Fest steht, dass mit Chloderichs Tod die eigenständige Herrschaft der Kölner Kleinkönige endete. Köln wurde Teil des fränkischen Großreichs unter Chlodwig, dessen Expansionspolitik auf die Beseitigung konkurrierender Königtümer ausgerichtet war. Für die Stadt bedeutete dies eine tiefgreifende politische Neuordnung. Sie wurde in das Herrschaftsnetz der Merowinger integriert und entwickelte sich zu einem zentralen Ort im fränkischen Reich.

Herrschaftsbildung durch Intrige

Diese Ereignisse zeigen die Mechanismen frühmittelalterlicher Herrschaftsbildung. Territoriale Erweiterung erfolgte über Attentate und gezielte Beseitigung konkurrierender Machthaber ebenso wie über offene Kriegsführung.


Zum Weiterlesen

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Gregor von Tours: Zehn Bücher Geschichte* – zentrale zeitgenössische Quelle.
Ian Wood: The Merovingian Kingdoms 450–751* – moderne Gesamtdarstellung mit kritischer Quellenanalyse.
Eugen Ewig: Die Merowinger und das Frankenreich* – Überblick mit Schwerpunkt auf dem Rheinland.

Bildnachweis

Titel: Historiae Francorum, Wikimedia Commons, GFreihalter.

Alle weiteren Bilder public domain.

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