Serie: Die Ottonen – Königsherrschaft ohne Staat
Zu Beginn des 10. Jahrhunderts bewegten sich Boten, Geistliche und bewaffnete Gefolgsleute zwischen den Höfen Sachsens. Sie trugen Urkunden, Bitten und Nachrichten über Grenzkonflikte. In einer Welt ohne feste Verwaltungszentren gewann eine Adelsfamilie stetig an Einfluss. Zeitgenössische Quellen nennen sie nach ihrem mutmaßlichen Ahnherrn die Liudolfinger. Aus ihrem Umfeld ging das spätere ottonische Königshaus hervor. Der Aufstieg dieser Familie begann lange vor der Königswürde und vollzog sich schrittweise, getragen von Besitz, persönlichen Bindungen und religiösen Stiftungen.
Herkunft und Besitz

Am Anfang der Überlieferung steht ein Graf namens Liudolf, der im frühen 9. Jahrhundert in Sachsen greifbar wird. Zusammen mit seiner Frau Oda verfügte er über weit gestreuten Grundbesitz. Diese Güter bildeten die wirtschaftliche Grundlage der Familie. Entscheidend war jedoch, wie dieser Besitz genutzt wurde. Die Liudolfinger banden ihre Ländereien früh an kirchliche Einrichtungen, die zugleich religiöse Zentren und Orte politischer Kommunikation waren.
Besonders das Stift Gandersheim nahm hierbei eine zentrale Rolle ein. Es wurde von der Familie gegründet und ausgestattet und entwickelte sich zu einem Ort geistlicher Praxis, dynastischer Erinnerung und sozialer Vernetzung. In Urkunden erscheinen Angehörige der Familie regelmäßig als Zeugen oder Vermittler. Ihre Stellung beruhte auf persönlicher Anerkennung und auf der Fähigkeit, in regionalen Zusammenhängen Vertrauen zu schaffen.
Sachsen im ostfränkischen Reich
Das ostfränkische Reich des 9. und frühen 10. Jahrhunderts war kein geschlossen organisierter Herrschaftsraum. Regionale Gruppen handelten ihre Beziehungen zum König immer wieder neu aus. Sachsen nahm dabei eine besondere Stellung ein. Die Region verfügte über militärische Bedeutung und über ein starkes Selbstverständnis der führenden Familien. In diesem Umfeld gewannen die Liudolfinger an Gewicht.
Quellen berichten von Zusammenkünften und Verhandlungen, bei denen Vertreter Sachsens präsent waren. Diese Treffen folgten keiner festen Ordnung. Entscheidungen entstanden im Gespräch, durch gegenseitige Zusagen und durch die Regelung von Konflikten. Die Liudolfinger etablierten sich in diesem Gefüge als verlässliche Akteure. Ihr Einfluss wuchs, weil sie regionale Interessen vertreten konnten und zugleich in überregionale Zusammenhänge eingebunden waren.
Otto der Erlauchte und der Ausbau der Stellung
Den entscheidenden politischen Ausbau der Familienstellung übernahm eine Generation nach Liudolf dessen Sohn Otto, der in den Quellen als Otto der Erlauchte erscheint. Otto trat im späten 9. Jahrhundert als führender Mann Sachsens hervor. Er wird als dux bezeichnet, also als Herzog, wobei dieser Titel noch keine klar abgegrenzte Amtsgewalt bezeichnete. Otto stand für militärische Führung, vermittelte in inneren Auseinandersetzungen und vertrat sächsische Interessen gegenüber dem Königshof.
Unter Otto verdichteten sich die Netzwerke der Familie. Besitz, Gefolgschaft und politische Anerkennung griffen enger ineinander. Die Liudolfinger gehörten nun fest zum Kreis der Familien, die im Reich wahrgenommen wurden. Als Otto im Jahr 912 starb, hatte er die Voraussetzungen geschaffen, auf denen seine Nachkommen aufbauen konnten.
Heinrich und die Öffnung zur Königswürde

Aus dieser gefestigten Position ging Heinrich hervor, Ottos Sohn und Liudolfs Enkel. Heinrich wuchs in ein Umfeld hinein, das bereits von überregionalen Kontakten geprägt war. In den Quellen erscheint er zunächst als einer der maßgeblichen Vertreter Sachsens. Seine Stellung beruhte auf Anerkennung innerhalb der Region und auf den von seinem Vater geschaffenen Verbindungen.
Als 911 der letzte karolingische König starb, gehörte Heinrich zu jenen, die über die Nachfolge verhandelten. Sein Wort hatte Gewicht. Nach dem Tod König Konrads 918 fiel die Wahl auf ihn.
Der Aufstieg der Liudolfinger zeigt eine Form von Herrschaft, die ohne feste staatliche Strukturen auskam. Einfluss entstand aus Besitz, familiären Bindungen und der Fähigkeit, in konfliktreichen Situationen präsent zu sein. Als sich das ostfränkische Reich neu orientierte, waren die Liudolfinger vorbereitet. Die Grundlagen für das spätere Königtum lagen bereits vor, auch wenn ihr weiterer Verlauf für die Zeitgenossen noch offen war.
Zum Weiterlesen
Links, die mit Sternchen gekennzeichnet sind, führen auf die Seite von Amazon.de. Wenn Sie über diese Links bestellen, unterstützen Sie unsere Arbeit, ohne dass Ihnen Mehrkosten entstehen.
Althoff, Gerd (2012): Die Ottonen. Königsherrschaft ohne Staat * – Standardwerk zur politischen Kultur und Herrschaftspraxis der ottonischen Zeit.
Reuter, Timothy (2014): Germany in the Early Middle Ages c. 800-1056 * – Überblicksdarstellung zur politischen und gesellschaftlichen Struktur des ostfränkischen Reiches.
Bildnachweis
Titel: Liudolf aus einer Handschrift des 12. Jahrhunderts aus der Chronik des Ekkehard von Aura.
Stift Gandersheim: Wikimedia Commons, Misburg3014.
Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

