Ein Kind der Haute Bourgeoisie
Max von Oppenheim wurde im Jahr 1860 in Köln geboren. Seine Familie gehörte zur jüdischen Oberschicht der Stadt und hatte mit dem Bankhaus Sal. Oppenheim ein bedeutendes Finanzinstitut aufgebaut. Auch wenn sie finanziell eine wichtige Position einnahmen, waren sie aufgrund des Glaubens in einer Außenseiterrolle. Sein Vater konvertierte später zum Katholizismus, doch selbst dieser Schritt vermochte die bestehenden gesellschaftlichen Barrieren nicht vollständig abzubauen. Der Zugang zu den höchsten Rängen von Verwaltung und Diplomatie blieb Angehörigen bürgerlicher Herkunft weiterhin erschwert und dies galt in besonderem Maße für Familien mit jüdischem Hintergrund.
Aufnahme eines diplomatischen Postens

Nach dem Abitur studierte Max von Oppenheim Rechtswissenschaften in Straßburg und Berlin. Er promovierte und absolvierte auch das Referendariat, doch sein Interesse galt weniger dem klassischen Beamtenweg als vielmehr einer Tätigkeit im Auswärtigen Amt. Die Laufbahn des Diplomaten versprach Einfluss, internationale Erfahrung und den Kontakt mit anderen Kulturen, was seiner Neigung zu Reisen und Sprachen zu lernen entgegenkam. Seine Bewerbung wurde allerdings zunächst abgelehnt, da er für derart renommierte Posten nicht als nicht standesgemäß galt.
Erst durch persönliche Kontakte in höchste Kreise und wahrscheinlich durch die wohlwollende Haltung Kaiser Wilhelms II. gelang es Oppenheim, eine diplomatische Position zu erhalten. Wilhelm II. zeigte sich früh an der islamischen Welt interessiert und sah in Oppenheims Orientkenntnissen einen möglichen Vorteil für die deutsche Politik. So wurde Oppenheim schließlich 1896 als Dragoman1 an das Generalkonsulat in Kairo entsandt. Obwohl die Aufgabe offiziell nur als beratende Dolmetschertätigkeit eingestuft war, eröffnete sie ihm früh den Zugang zu politischen Informationen und Kontakten, die später seinen Einfluss auf die deutsche Orientpolitik begründeten.
Kairo als Erfahrungsraum und Beobachtungsposten
Die ägyptische Hauptstadt war Ende des 19. Jahrhunderts ein zentraler Ort europäischer Politik im Nahen Osten. Großbritannien hatte sich nach der Besetzung von 1882 als Schutzmacht etabliert und bestimmte maßgeblich die innenpolitische Entwicklung des Landes. Gleichzeitig war Kairo ein Scharnier zwischen Mittelmeer und Rotem Meer, zwischen kolonialer Ordnung und islamischer Selbstbehauptung. Hier verdichteten sich globale Interessen, politische Spannungen und kulturelle Grenzziehungen.

Oppenheim nutzte seinen Aufenthalt, um ein breites Netzwerk aufzubauen. Er pflegte Kontakte zu osmanischen Beamten, islamischen Gelehrten, einflussreichen Scheichs und Angehörigen der europäischen Kolonialverwaltungen. Seine Berichte an das Auswärtige Amt zeugen von einem ausgeprägten Gespür für politische Dynamiken, religiöse Bewegungen und gesellschaftliche Konflikte. Zugleich begann er systematisch ethnografisches Material zu sammeln und entwarf ein eigenes Orientbild, das stark von seinem persönlichen Erleben geprägt war.
Kairo wurde für Oppenheim zu einem Labor für seine Vorstellungen vom Orient. Hier verbanden sich politisches Kalkül, kulturelles Interesse und persönliche Faszination zu einem Ansatz, der später seine gesamte Laufbahn prägen sollte. Seine Rolle blieb jedoch ambivalent. Einerseits fungierte er als Beobachter im Dienste des Deutschen Reiches, andererseits entwarf er eigene Visionen, die nicht immer mit der offiziellen Politik übereinstimmten.
Zum Weiterlesen
- Marc Hanisch: Der Orient der Deutschen. Max von Oppenheim und die Erfindung eines außenpolitischen Raumes (1896–1909), Frankfurt am Main 2021.
- Lionel Gossman: The Passion of Max von Oppenheim. Archaeology and Intrigue in the Middle East from Wilhelm II to Hitler, Cambridge 2013.
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- Ein Dragoman war im 19. und frühen 20. Jahrhundert ein Dolmetscher und Vermittler in diplomatischen Diensten, der häufig auch politische Beobachtungsaufgaben übernahm. Besonders im Orient galt der Dragoman als Bindeglied zwischen europäischer Verwaltung und der lokalen Bevölkerung, wobei seine Funktion oft informeller und machtpolitisch relevanter war als es der Titel vermuten ließ. ↩︎
Bildnachweis
Titel: Wikimedia Commons, RomanDeckert.
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