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Liberalismus und Nationalismus im Kaiserreich

Erwartungen nach 1871

Als am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal von Versailles das Deutsche Reich proklamiert wurde, erfüllte sich für viele Liberale ein jahrzehntelanger Traum. Seit der gescheiterten Revolution von 1848 hatten Männer wie der Historiker Heinrich von Treitschke oder der Politiker Rudolf von Bennigsen für einen einheitlichen deutschen Nationalstaat gekämpft. Doch die politische Realität des neuen Reiches entsprach nur teilweise ihren Vorstellungen von Freiheit und Bürgerbeteiligung.

Liberale Hoffnungen treffen auf politische Realität

Eduard Lasker (1829-1884)

Die liberale Bewegung hatte sich einen Staat erhofft, in dem Bürgerrechte, parlamentarische Mitwirkung und Rechtsstaatlichkeit verankert waren. Immerhin wurde der Reichstag in allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlen gewählt – ein demokratischer Fortschritt für die Zeit.

Doch die Macht lag woanders: Die Regierung blieb ausschließlich vom Vertrauen des Kaisers abhängig, nicht vom Parlament. Reichskanzler Otto von Bismarck machte dies deutlich, als er 1862 vor dem preußischen Abgeordnetenhaus erklärte, die großen Fragen der Zeit würden durch „Blut und Eisen“ entschieden, nicht durch Parlamentsreden.

Viele Liberale arrangierten sich mit diesem System. Die Nationalliberale Partei unter Eduard Lasker unterstützte Bismarcks Politik, weil sie den neu gewonnenen Nationalstaat nicht gefährden wollte. Politische Teilhabe wurde dem nationalen Zusammenhalt untergeordnet.

Nationalismus in verschiedenen Gesichtern

Heinrich Claß (1868-1953)

Der Sieg über Frankreich 1870/71 hatte ein starkes Nationalbewusstsein geschaffen. In den Schulen lernten Kinder die „Wacht am Rhein“, Denkmäler für Kaiser Wilhelm I. prägten die Stadtbilder, und Geschichtsvereine pflegten die Erinnerung an die „Einigungskriege“.

Dieser Nationalismus zeigte sich in unterschiedlichen Formen. Für Bildungsbürger war er oft ein kulturelles Zugehörigkeitsgefühl. Sie feierten Goethe und Schiller als deutsche Dichter und sahen sich als Erben einer großen geistigen Tradition.

Andere verstanden Nationalismus politischer: Der 1891 gegründete Alldeutsche Verband unter Heinrich Claß forderte Kolonien, Flottenrüstung und deutschen Einfluss in der Welt. Diese Gruppen drängten das Reich zu einer aggressiveren Außenpolitik.

Wenn nationale Begeisterung die Freiheit überdeckt

Friedrich Naumann (1860-1919)

Die Kombination aus Nationalismus und Liberalismus erwies sich als problematisch. Liberale Politiker wie Friedrich Naumann wollten den Staat rechtsstaatlich gestalten, identifizierten sich aber so stark mit dem Reich, dass sie autoritäre Strukturen tolerierten.

Der Nationalgedanke wurde zunehmend mit militärischer Stärke verknüpft. Wenn die Flottenpolitik von Admiral Tirpitz oder neue Heeresvorlagen debattiert wurden, traten liberale Forderungen nach mehr parlamentarischer Kontrolle in den Hintergrund. Die Begeisterung für die nationale Größe überwog die Kritik an undemokratischen Strukturen.

Vereine als Träger von Kultur und Politik

Turn- und Gesangsvereine, Studentenverbindungen wie die Burschenschaften und lokale Geschichtsvereine wurden zu wichtigen Trägern des Nationalbewussteins. Der Deutsche Turnerbund zählte um 1900 über 600.000 Mitglieder – sie turnten nicht nur, sondern pflegten auch nationale Symbole und Rituale.

Die aufblühende Presse schuf eine neue politische Öffentlichkeit. Zeitungen wie die „Kölnische Zeitung“ oder die „Vossische Zeitung“ führten Debatten über Verfassung, Wirtschaft und Weltpolitik. Universitäten wie Berlin oder Heidelberg wurden zu Zentren des Bildungsbürgertums, das Wissenschaft und Vaterlandsliebe zu verbinden suchte.

Nationalismus mit Schattenseiten

Die Idee der deutschen Nation war auf die Mehrheitsgesellschaft zugeschnitten. Polen in Posen und Westpreußen erlebten die „Germanisierungspolitik“ – deutsche Beamte sollten polnische ersetzen, Deutsch wurde als Schulsprache durchgesetzt.

Ähnlich erging es den Dänen in Nordschleswig nach 1864 oder den Elsässern nach 1871, die zunächst als „Reichsländer“ ohne volle Rechte behandelt wurden. Der Historiker Theodor Mommsen rechtfertigte solche Maßnahmen als notwendig für die nationale Einheit. Dies war ein Beispiel dafür, wie auch liberale Gelehrte autoritäre Politik unterstützten, wenn sie dem nationalen Ziel zu dienen schien.

Ein widersprüchliches Bündnis

Liberalismus und Nationalismus prägten das Kaiserreich auf paradoxe Weise. Die Liberalen akzeptierten undemokratische Strukturen, um den Nationalstaat zu bewahren. Der Nationalismus wurde zur verbindenden Idee, die soziale und politische Gegensätze überdeckte, aber auch neue Konflikte mit Minderheiten erzeugte.

Das Ergebnis war ein Reich, das wirtschaftlich und kulturell aufblühte, politisch jedoch in einem dauerhaften Spannungsverhältnis zwischen Bürgerwünschen und monarchischer Macht verharrte. Diese ungelöste Spannung sollte das Deutsche Reich bis zu seinem Ende 1918 prägen.


Die Freiheit, Gemälde von Arnold Böcklin, 1891.

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Bildnachweis

Titel: Reichstag, um 1900.

Alles gemeinfrei.

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