Ein Reich im Spiegelsaal von Versailles

Am 18. Januar 1871, mitten im Krieg gegen Frankreich, wurde Wilhelm I. im Spiegelsaal von Versailles zum Deutschen Kaiser ausgerufen. Dass dieser symbolische Akt nicht in Frankfurt oder Berlin, sondern in einem eroberten französischen Schloss stattfand, zeigt die besonderen Umstände der Reichsgründung. Sie beruhte auf militärischen Erfolgen und politischen Entscheidungen der Fürsten, nicht auf einer Volksbewegung.
Offene deutsche Frage seit 1806
Seit der Auflösung des Heiligen Römischen Reiches 1806 blieb unklar, wie eine deutsche Einheit gestaltet werden könnte. Der Deutsche Bund von 1815 war ein lockerer Zusammenschluss von mehr als dreißig souveränen Staaten. Liberale und nationale Strömungen forderten einen einheitlichen Staat, die Revolution von 1848/49 brachte jedoch keine Lösung. Sie scheiterte an der Uneinigkeit der politischen Lager und am Widerstand der Fürsten.
Zwei Modelle standen im Raum: eine großdeutsche Einheit mit Österreich oder eine kleindeutsche Lösung unter preußischer Führung. Diese Grundsatzfrage prägte die Politik bis in die 1860er Jahre.
Der Sieg Preußens über Österreich

Die Entscheidung fiel 1866. Im Deutschen Krieg setzte sich Preußen gegen Österreich und dessen Verbündete durch. Der Deutsche Bund wurde aufgelöst, Österreich zog sich aus den deutschen Angelegenheiten zurück. An seine Stelle trat der Norddeutsche Bund unter preußischer Vorherrschaft. Damit war die großdeutsche Lösung praktisch ausgeschlossen.
Dieser Bund besaß bereits eine Verfassung, einen Reichstag und eine gemeinsame Außenpolitik. Er umfasste jedoch nur die Staaten nördlich des Mains. Die süddeutschen Monarchien hielten an ihrer Eigenständigkeit fest. Erst die nächste Auseinandersetzung führte zur gesamtdeutschen Einigung.
Krieg gegen Frankreich und nationale Einigung
1870 kam es zur Eskalation mit Frankreich. Nach der Emser Depesche und diplomatischen Spannungen erklärte Paris den Krieg. Preußen erhielt Unterstützung von Bayern, Württemberg, Baden und Hessen-Darmstadt. Der gemeinsame Kampf gegen Frankreich verstärkte das nationale Zusammengehörigkeitsgefühl.
Mit dem Sieg im Herbst 1870 entstand die Möglichkeit, die süddeutschen Staaten enger an den Norden zu binden. Am 18. Januar 1871 versammelten sich die deutschen Fürsten in Versailles und riefen Wilhelm I. zum Kaiser aus. Viele Zeitgenossen betrachteten dies als Vollendung der nationalen Bewegung. Ein genauer Blick zeigt jedoch: Es handelte sich vor allem um die Krönung preußischer Machtpolitik.
Ein Bundesstaat mit preußischem Übergewicht
Das neue Reich war formal ein Bundesstaat. Die Länder behielten ihre Regierungen und Teile ihrer Verwaltung. Doch die Macht lag ungleich verteilt. Preußen stellte zwei Drittel des Reichsgebiets und der Bevölkerung, kontrollierte das Heer und stellte mit Wilhelm I. den Kaiser.

Das politische System verband moderne Elemente mit monarchischen Strukturen. Der Reichstag wurde in allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlen gewählt. Für die damalige Zeit war das ungewöhnlich. Allerdings konnte das Parlament die Regierung nicht bestimmen. Der Reichskanzler, ernannt vom Kaiser, bestimmte die Richtlinien.
Liberale Hoffnungen und autoritäre Realität
Die Reichsgründung erfüllte den Traum vom Nationalstaat. Für viele Liberale war das ein Erfolg. Ihre Erwartungen an eine freiheitliche Verfassung blieben jedoch ungestillt. Die Paulskirchenverfassung von 1849 hatte eine stärkere parlamentarische Mitbestimmung vorgesehen. 1871 entstanden Strukturen, in denen Monarchie, Militär und Bürokratie den Vorrang behielten.
Mit dem neuen Reich begann eine Epoche, in der Deutschland zur europäischen Großmacht wurde. Wirtschaftliche Dynamik und nationales Selbstbewusstsein prägten die Entwicklung. Zugleich blieb die autoritäre Struktur bestehen und bildete ein Spannungsfeld, das die kommenden Jahrzehnte bestimmen sollte.
Zum Weiterlesen
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Christoph Nonn (2025): Das deutsche Kaiserreich: Von der Gründung bis zum Untergang.*
Bildnachweis
Titel: Kaiserkrönung in Versailles. Gemälde von Anton Werner.
Kaiser Wilhelm I.: Wikimedia Commons, George Grantham Bain Collection.
Karte: Wikimedia Commons, ziegelbrenner.

