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Alfred Nobel und die Entstehung des Nobelpreises

Der 10. Dezember 1896 markierte das Ende des Lebens von Alfred Nobel und zugleich den Beginn eines institutionellen Projekts mit weltweiter Wirkung. Nobel starb im italienischen San Remo und hinterließ ein Vermögen von rund 31 Millionen schwedischen Kronen. Entscheidender als die Summe war die Verfügung, die er wenige Monate zuvor getroffen hatte. In seinem letzten Testament bestimmte Nobel, dass der größte Teil seines Besitzes in einen Fonds übergehen sollte. Aus dessen Erträgen sollten jährlich Preise an Personen vergeben werden, die der Menschheit den größten Nutzen erbracht hatten.

Zwischen dieser Verfügung und der ersten Preisverleihung im Jahr 1901 lagen fünf Jahre juristischer Auseinandersetzungen, administrativer Mühen und politischer Vorbehalte. Die heute etablierte Institution entwickelte sich schrittweise und unter wechselnden Rahmenbedingungen.

Ein Testament sorgt für Aufsehen

Alfred Nobel (1833-1896)

Am 27. November 1895 unterzeichnete Nobel sein Testament im Schwedisch Norwegischen Club in Paris. Rund 94 Prozent seines Vermögens waren für eine Stiftung vorgesehen. Die jährlichen Zinserträge sollten zu gleichen Teilen auf fünf Gebiete verteilt werden: Physik, Chemie, Physiologie oder Medizin, Literatur sowie Friedensbemühungen.

Die Veröffentlichung des Testaments am 2. Januar 1897 rief kontroverse Reaktionen hervor. Teile der Familie stellten die Verfügung in Frage. Auch aus der Politik kam Widerstand. König Oskar II. äußerte Bedenken, da Nobel ausdrücklich festgelegt hatte, dass bei der Preisvergabe keine nationale Bevorzugung erfolgen dürfe.

In der schwedischen Öffentlichkeit fanden sich früh Stimmen, die die Tragweite des Projekts erkannten. Die Tageszeitung Svenska Dagbladet sprach wenige Tage nach der Bekanntgabe von einem internationalen Wettstreit des Geistes, dessen Wirkung weit über Schweden hinausreichen werde.

Das Rätsel um Nobels Motivation

Über die Beweggründe für Nobels Stiftung gibt das Testament selbst kaum Auskunft. Berichte aus der Zeit der Unterzeichnung deuten darauf hin, dass Nobel gezielt Wissenschaftler fördern wollte, deren Arbeit häufig unter wirtschaftlich unsicheren Bedingungen stattfand.

Eine später populär gewordene Erklärung führte die Stiftung auf ein angebliches schlechtes Gewissen zurück. Anlass war ein Zeitungsartikel aus dem Jahr 1888, der irrtümlich vom Tod Alfred Nobels berichtete und ihn als „Kaufmann des Todes“ bezeichnete. Tatsächlich war zu diesem Zeitpunkt sein Bruder Ludvig gestorben. Die Verwechslung wurde erst im Nachhinein mit der Stiftung in Verbindung gebracht.

Mehrere Quellen sprechen gegen diese Deutung. Viele von Nobels Erfindungen fanden zu seinen Lebzeiten keine militärische Verwendung. In Briefen äußerte Nobel eine nüchterne Sicht auf Krieg und Technik. Gegenüber seiner langjährigen Briefpartnerin Bertha von Suttner formulierte er die Überzeugung, technische Abschreckung könne Konflikte begrenzen. Diese Haltung schloss ein Engagement für Friedenspreise ein.

Der mühsame Weg zur Nobelstiftung

Unabhängig von den Beweggründen stellte die praktische Umsetzung des Testaments die Testamentsvollstrecker vor erhebliche Aufgaben. Der Text enthielt juristische Unschärfen, die zunächst geklärt werden mussten. Hinzu kam Nobels weit verstreutes Vermögen. Er besaß Anteile an etwa 100 Fabriken in rund 20 Ländern und hielt zum Zeitpunkt seines Todes 355 Patente.

Vor allem Ragnar Sohlman, Nobels letzter Assistent, koordinierte den Verkauf von Unternehmensbeteiligungen und die Zusammenführung des Kapitals. Am 5. Juni 1898 erkannten die Erben das Testament offiziell an. Am 29. Juni 1900 folgte die formelle Gründung der Nobelstiftung per königlichem Dekret.

Die Wahl der Kategorien

Harald C. Urey, Chemie-Nobelpreisträger 1934

Nobel legte sich auf fünf Preisgebiete fest. Mathematik gehörte nicht dazu. Anekdotische Erklärungen über persönliche Motive lassen sich nicht belegen. Wahrscheinlicher ist eine pragmatische Einschätzung. Nobel verstand sich als Praktiker und ordnete der Mathematik eine unterstützende Rolle zu.

Wirtschaftswissenschaften fehlen im Testament ebenfalls. In Briefen äußerte Nobel eine klare Distanz zu diesem Fachgebiet. Die Aufnahme von Literatur und Friedensarbeit zeigt, dass sein Blick über die Naturwissenschaften hinausging. Die Korrespondenz mit Bertha von Suttner dürfte hierbei eine Rolle gespielt haben. Sie wurde 1905 selbst mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Die norwegische Besonderheit

Eine Auffälligkeit des Testaments betrifft den Friedenspreis. Nobel bestimmte, dass dessen Vergabe einem Komitee des norwegischen Parlaments übertragen werden sollte. Anders als die übrigen Nobelpreise, die in Stockholm verliehen werden, findet die Vergabe des Friedenspreises in Oslo statt.

Arafat, Rabin und Perez erhalten den Friedensnobelpreis, 1994

Zur Zeit der Stiftung standen Schweden und Norwegen noch in einer Staatenunion unter gemeinsamer Krone, die politisch zunehmend unter Spannung stand. Außenpolitische Fragen lagen beim schwedischen Parlament. Nobel selbst erläuterte seine Entscheidung nicht. Vermutlich ging er davon aus, dass das norwegische Parlament weniger unmittelbarem politischen Einfluss ausgesetzt sei. Auch seine Wertschätzung für den norwegischen Autor Bjørnstjerne Bjørnson könnte hierbei eine Rolle gespielt haben.

Nach der Auflösung der Union im Jahr 1905 blieb diese Regelung bestehen und prägt die Preisvergabe bis heute.

Die erste Preisverleihung

Nobelpreis-Konferenz, 2024

Die erste Nobelpreisverleihung fand am 10. Dezember 1901 statt, dem fünften Todestag Nobels. Der Veranstaltungsort war der Spiegelsaal des Stockholmer Grand Hotels. Anwesend waren 113 Männer aus Wissenschaft, Politik und Gesellschaft. König Oskar II. blieb der ersten Zeremonie fern und übernahm die Preisübergabe erst im folgenden Jahr.

Das Preisgeld betrug 150.782 schwedische Kronen pro Kategorie. Nach heutiger Kaufkraft entsprach dies einem erheblichen Betrag. Gegenwärtig liegt das Preisgeld bei 11 Millionen Kronen. Die Stiftung investiert ihr Kapital breit gestreut, um langfristig stabile Ausschüttungen zu sichern.

Ein Vermächtnis mit Wirkung

Aus dem ursprünglichen Stiftungsvermögen von 31 Millionen Kronen entwickelte sich im Laufe des 20. und 21. Jahrhunderts ein Milliardenfonds. Bis zum Jahr 2025 wurden 927 Nobelpreise an 896 Personen und 31 Organisationen vergeben.

Was mit einem umstrittenen Testament begann, etablierte sich als internationale Referenz für wissenschaftliche, literarische und friedenspolitische Leistungen. Die Einschätzung der Svenska Dagbladet aus dem Jahr 1897 erwies sich als zutreffend. Die Reihe der Ausgezeichneten reicht weit über nationale und fachliche Grenzen hinaus.


Nobelpreisträger-Museum in Stockholm, 2024

Zum Weiterlesen

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Carlberg, I.. (2023): Alfred Nobel. Eine Biografie. *

Bildnachweis

Titel: Nobelpreis von Jimmy Carter, 2002.

Nobelpreis-Konferenz: Wikimedia Commons, Jennifer 8. Lee.

Friedensnobelpreis: Wikimedia Commons, Saar Yaacov.

Alle weiteren Abbildungen eigene Bilder oder gemeinfrei.

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