Die Szene am Hafen von Amsterdam im Jahr 1630 gleicht einem Ameisenhaufen. Überall wiegen sich die Masten der Fluiten im Wind – jener neuartigen, bauchigen Frachtschiffe, die dank windbetriebener Sägemühlen in Serie gefertigt werden. Männer in dunklen, festen Jacken aus Tuch und Seide begutachten Ballen aus Asien, Säcke voller Pfeffer und riesige Stapel von Eichenholz aus dem Baltikum. Während im restlichen Europa der Dreißigjährige Krieg tobt, entscheidet sich hier, in den Handelshäusern der Amsterdamer Börse, die wirtschaftliche Zukunft des Kontinents.
Flucht in die Freiheit
Der Aufstieg der Vereinigten Provinzen begann mit einem Akt des Widerstands und einer massiven Wanderungsbewegung. Als Antwerpen – einst der wichtigste Hafen der Welt – 1585 in die Hände der spanischen Habsburger fiel, standen die protestantischen Kaufleute und Handwerker vor einer existenziellen Wahl: Konversion oder Exil.
Zehntausende entschieden sich für die Flucht nach Norden. Diese Menschen brachten nicht nur ihr Gold, sondern vor allem ihr Wissen über den Schiffbau und ihre internationalen Kontakte nach Amsterdam, Middelburg und Leiden mit. In der Republik konnten Protestanten, Juden und Freidenker Seite an Seite handeln und publizieren, was andernorts verboten war. So wurde das Land zu einem Zentrum des Wissens, in dem Denker wie René Descartes oder Baruch Spinoza ihre Bücher drucken ließen, während im restlichen Europa die Zensur herrschte.
Die Macht der Aktie

Im Jahr 1602 legten die Niederländer den Grundstein für den modernen Kapitalismus. Mit der Gründung der Vereinigten Ostindischen Kompanie, kurz VOC, entstand die erste Aktiengesellschaft der Welt. Anstatt dass ein einzelner Kaufmann das Risiko einer jahrelangen Expedition nach Südostasien allein trug, konnten sich nun Bürger aller Schichten an den Schiffsladungen beteiligen. Die VOC wurde zum mächtigsten Handelsunternehmen der Welt – mit eigener Armee, eigenen Münzen und dem Recht, Verträge zu schließen und Kriege zu führen.
Jan Pieterszoon Coen, einer der einflussreichsten Verwalter der VOC, setzte diese Handelsinteressen mit brutaler Härte durch. Um das alleinige Zugriffsrecht auf Muskatnuss und Nelken zu sichern, ließ er 1621 fast die gesamte Bevölkerung der Banda-Inseln ermorden. Der Reichtum, der die prächtigen Häuser an den Grachten finanzierte, war untrennbar mit kolonialer Gewalt und Menschenhandel verbunden. Historische Belege zeigen, dass niederländische Schiffe mehr als 550.000 Menschen in die Sklaverei nach Amerika verschleppten.
Ein Spiegelbild des Wohlstands

Das viele Geld der Kaufleute schuf einen riesigen Markt für die Kunst. Da die strengen Kirchen keine Heiligenbilder erlaubten, hängten sich die Bürger Alltagsszenen in ihre Wohnzimmer. Johannes Vermeer fing das stille Licht in bürgerlichen Stuben ein, während Frans Hals das Selbstbewusstsein der Stadtgarden in großen Porträts verewigte.
Rembrandt van Rijn schuf im Jahr 1642 mit der „Nachtwache“ ein Werk, das den Drang dieser Zeit nach Bewegung und Geltung perfekt verkörperte: Es zeigt keine steife Gruppe, sondern Männer, die entschlossen zum Einsatz aufbrechen. In den Häusern hingen zudem Stillleben, die den Überfluss feierten – exotische Früchte, kostbare Gläser und chinesisches Porzellan zeigten jedem Gast, wie weit die Schiffe des Hausherrn segelten.
Der Preis der Energie

Ein oft unterschätzter Grund für den Erfolg der Niederländer war die geschickte Nutzung natürlicher Kräfte. Während andere Nationen teures Holz verfeuerten, nutzten die Niederländer den ständigen Wind und den billigen Torf aus ihren Mooren. Dank dieser konsequenten Nutzung der Windkraft baute die Republik die größte Reederei Europas auf. Windmühlen pumpten nicht nur Wasser aus dem Marschland, um neues Ackerland – die sogenannten Polder – zu gewinnen, sondern trieben auch Sägemühlen und Manufakturen an.
Wie wichtig dieser Transport war, zeigen die dänischen Sundzollregister: In diesen Listen wurde jedes Schiff vermerkt, das die Meerenge zwischen Dänemark und Schweden passierte. In Spitzenjahren fuhren oft mehr als 2.000 niederländische Schiffe durch den Öresund, um Getreide und Holz aus dem Baltikum zu holen. Dieser massive Getreidehandel bildete das eigentliche Rückgrat der Wirtschaft und verhinderte Hungersnöte, wenn die Ernten im eigenen Land einmal schlecht ausfielen.
Eine Epoche auf dem Prüfstand
Die Macht der Republik weckte Neid und Widerstand bei den europäischen Nachbarn. Vor allem England blickte voller Missgunst auf den Erfolg der Händler, was zu mehreren Seekriegen führte. Das Jahr 1672 ging schließlich als das „Rampjaar“, das Katastrophenjahr, in die Geschichte ein. Die Republik wurde gleichzeitig von Frankreich, England und deutschen Fürsten angegriffen. Zwar blieb das Land unabhängig, doch die Zeit als unangefochtene Weltmacht neigte sich dem Ende zu.
Heute wird die Bezeichnung Goldenes Zeitalter aufgrund der Gewalt in den Kolonien und der Sklaverei zunehmend kritisch hinterfragt. Große Museen wie das Rijksmuseum betonen in ihrer Vermittlung inzwischen verstärkt den neutraleren Begriff siebzehntes Jahrhundert. Es bleibt die offene historische Frage, wie wir gegenwärtig an diese Ära erinnern und sie bewerten, ohne die Fundamente aus Leid und Ausbeutung zu verschleiern, auf denen dieser Wohlstand einst errichtet wurde.
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North, M. (2020): Das Goldene Zeitalter global: Die Niederlande im 17. und 18. Jahrhundert.*
Bildnachweis
Titel: Karte, 1650.
Alle Bilder gemeinfrei.

