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Ruhm durch Zerstörung – Herostratos und der Artemistempel in Ephesos

In der Nacht zum 21. Juli 356 vor Christus loderten die Flammen durch den größten Marmortempel der antiken Welt. Ein Werk, das in etwa 120 Jahren des Aufbaus entstanden war, vernichtete ein einziger Mann in wenigen Stunden. Herostratos aus Ephesos hatte die hölzerne Dachkonstruktion und die kostbare Innenausstattung des Artemistempels in Brand gesteckt. Sein Motiv machte die Zeitgenossen fassungslos: Er handelte weder aus Wahnsinn noch aus religiösem Eifer, sondern allein für den Wunsch, unsterblich zu werden. Und er hatte Erfolg.

Die Geschichte des Herostratos wirft eine verstörende Frage auf: Warum kennen wir seinen Namen, während die Architekten des Weltwunders wie Chersiphron von Knossos und Metagenes nur Spezialisten geläufig sind? Seine Tat enthüllt ein Paradox, das bis heute aktuell ist, denn manchmal führt Zerstörung direkter zum Ruhm als jahrzehntelange Aufbauarbeit.

Der Tempel als Bühne

Der Artemistempel, Maarten van Heemskerck, 16. Jhdt.

Das Artemision war weit mehr als ein Heiligtum, weil es das kulturelle Gedächtnis von Ephesos verkörperte. Die Wände trugen die Namen von Stiftern, während berühmte Künstler den Bau mit ihren Werken geschmückt hatten. Pilger aus der ganzen griechischen Welt versammelten sich hier; zugleich wurden wichtige Verträge geschlossen und große Feste gefeiert. Wer an diesem Ort einen bleibenden Eindruck hinterließ, konnte durchaus auf Unsterblichkeit hoffen.

Ruhm funktionierte im 4. Jahrhundert vor Christus anders als heute. Es gab keine Massenmedien und keine schnelle Verbreitung von Nachrichten über weite Distanzen. Wer berühmt werden wollte, musste etwas Außergewöhnliches vollbringen, das die Menschen zum Erzählen brachte. Heldentaten in der Schlacht oder kunstvolle Werke öffneten den Weg in die Erinnerung. Doch diese Wege waren mühsam und standen nur wenigen offen.

Herostratos durchschaute diese Mechanik und kehrte sie um. Anstatt jahrzehntelang für den Aufbau seines Rufes zu arbeiten, wählte er die Abkürzung durch Zerstörung. Das Artemision bot sich als perfektes Ziel an, weil es bereits ein Magnet für Aufmerksamkeit war. Jeder Brand dort würde weithin bemerkt werden, und die Suche nach dem Schuldigen war unvermeidlich.

Die Nacht des Brandes

Die antiken Quellen berichten übereinstimmend, dass Herostratos den Tempel in der Nacht anzündete. Später entstand die Legende, Artemis habe in dieser Nacht die Geburt Alexanders des Großen überwacht und so ihr eigenes Heiligtum schutzlos den Flammen überlassen. Diese Gleichzeitigkeit ist vermutlich eine spätere Erfindung, aber sie zeigt, wie sehr die Tat das Gedächtnis der Zeitgenossen beschäftigte.

Nach seiner Festnahme gestand Herostratos die Tat sofort. Unter Folter bekannte er sich zu seinem Motiv: Er wollte berühmt werden. Diese Ehrlichkeit verstörte seine Zeitgenossen mehr als das Verbrechen selbst. Religiöse Verbrechen kannten sie, politische Motive verstanden sie, aber diese kalte Berechnung war neu. Hier handelte jemand, der die Regeln des Ruhmes durchschaut und sie zu seinem Vorteil genutzt hatte.

Das gescheiterte Vergessen

Portrait des Herostratos, 17./18. Jhdt.

Die Ephesier reagierten mit einer Strafe, die das Verbrechen spiegeln sollte. Sie beschlossen Herostratos‘ Hinrichtung sowie die Tilgung seines Namens aus allen Aufzeichnungen. Niemand sollte ihn erwähnen, niemand seine Tat tradieren. Diese damnatio memoriae sollte ihm das nehmen, was er gesucht hatte: die Unsterblichkeit.

Doch das Vergessen ließ sich nicht verordnen. Bereits der Geschichtsschreiber Theopompos notierte den Namen. Sein Werk ist heute verloren, doch später griffen andere Autoren die Geschichte auf, weil sie zu lehrreich war. Strabo erwähnte sie in seiner Geographie, Valerius Maximus in seinen moralischen Beispielgeschichten. Jeder warnte vor der Nachahmung, aber jeder trug zugleich zur Erfüllung von Herostratos‘ Wunsch bei.

Die Psychologie der Zerstörung

Was trieb Herostratos an? Die antiken Autoren sahen in ihm einen Einzelfall, einen Auswuchs menschlicher Eitelkeit. Aus heutiger Sicht offenbart seine Tat jedoch ein tieferliegendes psychologisches Muster. Menschen, die sich durch konstruktive Leistungen nicht beachtet fühlen, können zu destruktiven Mitteln greifen, um Aufmerksamkeit zu erzwingen.

Herostratos wusste, dass negative Aufmerksamkeit oft stärker und dauerhafter ist als positive. Ein niedergebrannter Tempel wird öfter erwähnt als ein erfolgreich errichteter, weil sinnlose Vernichtung seltener und schockierender ist als Aufbau. Seine Kalkulation ging auf, obwohl er dafür mit dem Leben bezahlte.

Das Phänomen beschränkt sich nicht auf die Antike. In der modernen Psychologie spricht man vom Herostratos-Syndrom, wenn jemand durch spektakuläre Zerstörung Berühmtheit sucht. Die Mechanismen haben sich gewandelt, aber der Antrieb blieb erhalten: Wer nicht durch Leistung auffällt, kann es durch Skandal versuchen.

Das Vermächtnis des Brandstifters

Die Ephesier bauten den Tempel wieder auf, größer und prächtiger als zuvor. Alexander der Große soll sogar angeboten haben, die Kosten zu übernehmen, wenn sein Name als Stifter verewigt würde. Die Ephesier lehnten höflich ab mit der Begründung, es sei nicht angemessen, dass ein Gott für einen anderen einen Tempel errichte.

Der rekonstruierte Tempel überdauerte weitere sechshundert Jahre, bevor ihn christliche Eiferer und Erdbeben endgültig zerstörten. Von ihm sind heute nur noch Fundamentreste erhalten. Herostratos aber lebt fort in einer Fußnote der Geschichte, die größer ist als das Bauwerk, das er vernichtete. Manchmal gewinnt die Zerstörung gegen die Schöpfung, zumindest in der Erinnerung.


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Angela Ganter (2024): Griechische Geschichte: Von der Bronzezeit bis zum Hellenismus.*

Bildnachweis

Titel: Herostratus brennt den Tempel der Artemis nieder, Sebastián de Covarrubias, 1610.

Alle Bilder gemeinfrei.

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