Startseite » Patrice Lumumba – Aufstieg und Ende eines politischen Hoffnungsträgers

Patrice Lumumba – Aufstieg und Ende eines politischen Hoffnungsträgers

An einem warmen Abend im Juni 1960 versammelten sich Delegierte, Beamte, Offiziere und geladene Gäste im großen Saal von Léopoldville. Die Unabhängigkeitsfeier der neuen Republik Kongo sollte einen festlichen Höhepunkt bilden. Als Patrice Lumumba ans Mikrofon trat, lösten seine Worte Spannung aus. Er sprach klar über Erfahrungen kolonialer Herrschaft, über Ungleichheit im Alltag und über die Hoffnung auf politische Selbstbestimmung. Seine Rede irritierte in Europa. Im Saal reagierten Zuhörer unterschiedlich. Anhänger fühlten sich bestätigt, andere schauten skeptisch. In dieser Szene lassen sich viele Erwartungen und Befürchtungen erkennen, die seine kurze Regierungszeit begleiteten.

Wege eines jungen Funktionärs

Lumumba, 1960

Patrice Émery Lumumba wurde 1925 in Katakokombe geboren. Die Region gehörte zur Kolonie Belgisch-Kongo. Er wuchs in einer ländlichen Umgebung auf, besuchte Missionsschulen und erhielt eine Ausbildung für Funktionen im kolonialen Verwaltungsdienst. In den 1940er Jahren arbeitete er als Postbeamter. Zeitgenössische Berichte beschreiben ihn als sprachgewandt und ehrgeizig. Aus dieser Phase stammen Hinweise auf seine Vorliebe für politische Texte und für Debatten über gesellschaftliche Fragen. Er begann, kleinere Artikel zu veröffentlichen und beschäftigte sich intensiver mit internationalen Entwicklungen.

Gleichzeitig entstanden in Städten wie Léopoldville, Stanleyville und Élisabethville neue soziale Räume. Zeitungen verbreiteten Meldungen aus Afrika und Europa. Gewerkschaften und Vereine gewannen an Bedeutung. Lumumba bewegte sich in dieser städtischen Öffentlichkeit und formte seine politischen Vorstellungen. Seine frühen Aktivitäten führten zu einer kurzen Haft. 1956 reiste er nach Belgien und erhielt Einblicke in Parteien, Medien und Verwaltung. Diese Reise verstärkte seine Überzeugung, dass die koloniale Ordnung im Kongo grundlegend reformiert werden musste.

Gründung einer Partei und politischer Aufstieg

1958 gründete Lumumba mit Mitstreitern den Mouvement National Congolais. Die Partei formulierte das Ziel einer einheitlichen, unabhängigen Republik. Viele Gruppen konzentrierten sich damals auf regionale oder ethnische Anliegen. Lumumba sprach dagegen über eine gemeinsame politische Struktur, die das gesamte Territorium umfassen sollte. Sein Auftreten, seine Reden und seine Mehrsprachigkeit machten ihn rasch bekannt. Delegationen aus anderen afrikanischen Ländern nahmen seine Position wahr. Auf internationalen Treffen erläuterte er Vorstellungen einer zentralafrikanischen Zukunft.

1959 entschied Belgien, den Übergang zur Selbstständigkeit zu beschleunigen, und setzte Wahlen für das Frühjahr 1960 an. Der MNC wurde stärkste Partei. Unter Zeitdruck folgte die Vorbereitung der Unabhängigkeit. Die Verwaltung blieb schwach ausgestattet, viele Beamte planten die Rückkehr nach Europa. Auch die Armee befand sich in einem Zustand, der nur begrenzt auf eine neue politische Realität vorbereitet war.

Regierungsbildung und erste Konflikte

Am 24. Juni 1960 wurde Lumumba als erster Premierminister vereidigt. Joseph Kasa-Vubu übernahm das Präsidentenamt. Die Regierung vereinte unterschiedliche politische Strömungen. Bereits wenige Tage nach der Unabhängigkeit meuterte die Force Publique. Soldaten forderten höhere Beteiligung und bessere Bedingungen. Viele europäische Bewohner verließen ihre Stadtviertel.

In dieser angespannten Lage erklärte die rohstoffreiche Provinz Katanga unter Moïse Tshombe ihre Abspaltung. Belgische Berater unterstützten die Führung vor Ort. Unternehmen sicherten ihre wirtschaftlichen Interessen.

Léopoldville, 1960

Die Regierung in Léopoldville wandte sich an die Vereinten Nationen. Die UN entsandten eine Mission, die jedoch keine militärische Rückführung Katangas plante. Lumumba versuchte, weitere Unterstützung zu erhalten. Gleichzeitig verschlechterten sich die Beziehungen zwischen Premierminister und Präsident. Beide gaben widersprüchliche Anordnungen aus, Ministerien gerieten unter Druck.

Entlassung und interne Machtverschiebungen

Mobutu, 1960

Im September 1960 entließ Präsident Kasa-Vubu den Premierminister. Das Parlament erklärte die Entscheidung für unzulässig. Die Wochen danach waren vom Eingreifen des Armeechefs Joseph-Désiré Mobutu geprägt, der mit Unterstützung einiger Offiziere zentrale Regierungsstellen übernahm. Lumumba stand unter Hausarrest. Er trat weiterhin öffentlich auf und betonte seinen Anspruch, gesetzmäßig gewählt worden zu sein. Diplomaten und Beobachter versuchten die Lage einzuordnen.

Im November 1960 verließ Lumumba die Hauptstadt. Er wollte nach Stanleyville reisen, wo seine Unterstützer eine eigene Verwaltung errichtet hatten. Die Fahrt endete in seiner Festnahme durch Einheiten, die Mobutu loyal waren. Lumumba wurde an verschiedene Orte gebracht, darunter ein Lager bei Thysville. Kontakte nach außen waren begrenzt. Besucher berichteten über die Belastungssituation. Fotos aus dieser Zeit zeigen ihn deutlich gezeichnet.

Transport nach Katanga und letzte Stunden

Im Januar 1961 wurde Lumumba nach Élisabethville überstellt. Die Behörden der abtrünnigen Provinz hatten jeden Dialog abgelehnt. Zeitzeugen berichteten von Misshandlungen unmittelbar nach seiner Ankunft. Belgische Offiziere und örtliche Sicherheitskräfte waren beteiligt. Am Abend des 17. Januar 1961 wurde er mit zwei Mitstreitern erschossen. Die Leichen wurden beseitigt. Erst Jahrzehnte später wurde bekannt, dass ein belgischer Polizeibeamter einen Zahn aufbewahrt hatte. Dieses Detail wurde zu einem Symbol der späteren Aufarbeitung.

Proteste in Maribor (Slowenien), 1961

Internationale Reaktionen folgten umgehend. Zeitungen in vielen Ländern berichteten ausführlich. Einige Regierungen forderten Untersuchungen. Dokumente, die in den folgenden Jahrzehnten veröffentlicht wurden, belegen, dass belgische Stellen und einzelne Offiziere die politische Entwicklung im Kongo genau beobachtet hatten. Der Umfang der Abstimmung untereinander bleibt in Teilen unklar, weil Akten lange Zeit eingeschränkt verfügbar waren.

Späte Aufarbeitung und historische Einordnung

Zu Beginn der 2000er Jahre setzte Belgien eine parlamentarische Kommission ein. Der Bericht bestätigte eine Mitverantwortung staatlicher Stellen. 2002 entschuldigte sich die Regierung öffentlich. 2022 wurde Lumumbas Zahn seiner Familie übergeben. Die Zeremonie bot Raum für Gespräche über koloniale Gewalt und über Formen des Erinnerns.

Lumumba gilt in vielen afrikanischen Staaten als Symbol für den Anspruch auf politische Selbstbestimmung. Seine Reden werden bis heute zitiert. Historische Arbeiten über die Zeit nach 1945 beschreiben ihn als Vertreter eines zentralafrikanischen Nationalismus. Seine kurze Amtszeit verdeutlicht die Herausforderungen eines Landes, das in begrenzter Zeit den Übergang von kolonialer Kontrolle zu einem funktionierenden Staatswesen vollziehen sollte. Die Ereignisse von 1960 und 1961 zeigen zugleich, wie stark internationale Interessen auf innerafrikanische Entwicklungen einwirkten.

Die Vielzahl der Stimmen aus jener Zeit, von Anhängern über Gegner bis zu Diplomaten und Offizieren, eröffnet ein facettenreiches Bild. Diese Stimmen erzählen von Hoffnungen, Ängsten und Machtfragen. Vielleicht erklärt diese Vielfalt, warum Lumumba bis heute ein fester Bezugspunkt in Debatten über Verantwortung und über die politische Geschichte Afrikas ist.


Lumumba-Mausoleum in Kinshasa

Zum Weiterlesen

Links, die mit Sternchen () gekennzeichnet sind, führen auf die Seite von Amazon.de. Wenn Sie über diese Links bestellen, unterstützen Sie unsere Arbeit, ohne dass Ihnen Mehrkosten entstehen.*

Young, Crawford (1965). Politics in the Congo . Standardwerk zur frühen Republik Kongo.
Gibbs, David N. (1991). The Political Economy of Third World Intervention . Analyse internationaler Eingriffe in die Kongo-Krise.
De Witte, Ludo (2001). The Assassination of Lumumba . Untersuchung basierend auf Archivmaterial und Zeitzeugen.

Bildnachweis

Titel: Unabhängigkeitsfeier im Kongress, 1960.

Karte: Wikimedia Commons, Don-kun, Uwe Dedering.

Lumumba 1960: Wikimedia Commons, Anefo.

Mausoleum: Wikimedia Commons, Henri van der Noot.

Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert