Wann beginnt das Mittelalter? Eine scheinbar einfache Frage, die Historiker seit Jahrhunderten beschäftigt. Die Antwort hängt davon ab, wen man fragt und worauf man blickt. Politische Umbrüche, wirtschaftliche Veränderungen, religiöse Entwicklungen und kulturelle Wandlungen folgen selten denselben Zeitplänen. Das Mittelalter entsteht nicht an einem bestimmten Tag, sondern formt sich über Jahrhunderte hinweg.
Der Begriff selbst stammt aus der Renaissance. Humanisten wie Francesco Petrarca sahen ihre Zeit als Wiedergeburt der Antike. Zwischen dem goldenen Rom und ihrer eigenen Epoche lag für sie ein dunkles Zwischenzeitalter, das „medium aevum“. Diese Sichtweise wirkt bis heute nach, obwohl sie der komplexen Realität kaum gerecht wird.
Frühmittelalter – Neue Ordnungen entstehen

Die Zeit zwischen 500 und 1000 bringt grundlegende Veränderungen mit sich. Im Westen lösen germanische Königreiche das weströmische Kaisertum ab. Die Franken unter Karl dem Großen schaffen um 800 ein neues Kaisertum, das sich als Nachfolger Roms versteht. Gleichzeitig formt sich eine neue Gesellschaftsordnung: Große Herren gewähren Schutz gegen Treue und Dienst, aus freien Bauern werden abhängige Hörige.
Doch diese Entwicklungen verlaufen ungleichmäßig. In Italien bleiben römische Strukturen länger erhalten als nördlich der Alpen. Das oströmische Reich, das spätere Byzanz, besteht ungebrochen fort. Im 7. Jahrhundert entsteht mit dem Islam eine neue Macht, die weite Teile des Mittelmeerraums erobert. Aus der einstigen römischen Mittelmeerwelt sind nun drei konkurrierende Großmächte entstanden.
Das Christentum wandelt sich ebenfalls. Aus der verfolgten Minderheit der Antike wird die bestimmende Kraft des Mittelalters. Klöster entstehen als neue Zentren der Bildung und Wirtschaft. Missionare bringen den Glauben zu den Völkern jenseits der alten Reichsgrenzen. Doch auch hier zeigen sich regionale Unterschiede: Während Irland bereits im 5. Jahrhundert christianisiert ist, dauert die Bekehrung der Sachsen bis ins 9. Jahrhundert.

Hochmittelalter – Aufbruch und Expansion

Um 1000 beginnt eine Phase des Wachstums, die bis etwa 1300 anhält. Die Bevölkerung nimmt zu, neue Dörfer entstehen, Wälder werden gerodet. Handel und Handwerk blühen auf. Städte wachsen und erkämpfen sich Selbstverwaltungsrechte. Die Hanse verbindet Nord- und Ostsee zu einem gemeinsamen Wirtschaftsraum.
Politisch stabilisieren sich die Königreiche. In Deutschland entsteht das Heilige Römische Reich, Frankreich wird zur Großmacht, England entwickelt früh eine zentrale Verwaltung. Gleichzeitig kommt es zu Spannungen zwischen weltlicher und geistlicher Macht. Kaiser und Päpste ringen um die Vorherrschaft, ein Konflikt, der das ganze Mittelalter überdauert.
Die Kreuzzüge ab 1095 zeigen die neue Dynamik Europas. Erstmals seit der Antike greift der Westen militärisch nach Osten aus. Handelsrouten nach Asien entstehen, orientalische Güter und Ideen gelangen nach Europa. Venedig und Genua werden zu Handelsmächten.
In der Geistesgeschichte entsteht die Scholastik. Gelehrte wie Thomas von Aquin verbinden christliche Lehre mit antiker Philosophie. Universitäten entstehen als neue Zentren der Bildung. Gotische Kathedralen zeugen von technischem Können und religiöser Inbrunst. Doch auch hier verlaufen die Entwicklungen ungleichzeitig: Während Paris bereits 1150 eine Universität besitzt, entsteht die erste deutsche Hochschule erst 1348 in Prag.

Spätmittelalter – Krise und Wandel

Das 14. Jahrhundert bringt tiefe Einschnitte. Die Kleine Eiszeit verschlechtert die Ernten, Hungersnöte breiten sich aus. Der Schwarze Tod kostet zwischen 1347 und 1353 etwa einem Drittel der europäischen Bevölkerung das Leben. Gesellschaftliche Spannungen entladen sich in Bauernaufständen und Stadtrevolten.
Gleichzeitig verändern sich die politischen Strukturen. In Frankreich und England führt der Hundertjährige Krieg zur Stärkung königlicher Macht. Neue Waffentechniken machen Ritterheere obsolet. Söldnerverbände ersetzen das feudale Aufgebot. Geld wird wichtiger als persönliche Bindungen.
Die Kirche erlebt ihre schwerste Krise. Das Große Schisma zwischen 1378 und 1417 spaltet die Christenheit. Konziliaristen stellen die Papstautorität infrage. Reformbewegungen entstehen, die in der Reformation des 16. Jahrhunderts münden werden.
Doch die Krise bringt auch Innovation hervor. Die Erfindung des Buchdrucks um 1450 revolutioniert die Wissensvermittlung. Humanisten entdecken antike Texte neu. Künstler wie Giotto entwickeln neue Darstellungsformen. In Italien entsteht die Renaissance – zunächst als regionale Bewegung, die erst später ganz Europa erfasst.

Die Entdeckung der Welt
Das 15. Jahrhundert weitet den europäischen Horizont dramatisch. Portugiesische Seefahrer umrunden Afrika, Kolumbus erreicht 1492 Amerika, Vasco da Gama gelangt nach Indien. Diese Entdeckungen verschieben das Zentrum der Weltwirtschaft vom Mittelmeer zum Atlantik.
Doch bedeuten sie auch das Ende des Mittelalters? Für Spanien und Portugal sicher, für andere Regionen weniger. In Deutschland bleiben mittelalterliche Strukturen bis ins 18. Jahrhundert bestehen. Die Reformation ab 1517 zersplittert die religiöse Einheit Europas endgültig. Doch sie ist selbst noch ein mittelalterliches Phänomen: ein Streit um die richtige Auslegung christlicher Lehre.
Grenzen als Hilfsmittel
Diese grobe Übersicht zeigt: Das Mittelalter hat weder einen klaren Anfang noch ein eindeutiges Ende. Verschiedene Bereiche entwickeln sich unterschiedlich schnell. Was in einer Region bereits Neuzeit ist, kann anderswo noch tiefes Mittelalter sein. Die Periodisierung hilft uns, komplexe Prozesse zu verstehen, sie sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Geschichte fließend verläuft.
Die Grenzen zwischen den Epochen sind menschliche Konstruktionen. Sie erleichtern Orientierung und Verständnis, spiegeln aber nicht die Wahrnehmung der Zeitgenossen wider. Ein Bauer des 12. Jahrhunderts wusste nichts davon, im Hochmittelalter zu leben. Für ihn zählten Erntezeiten, Festtage und die Herrschaft seines Grundherrn.
Dennoch bleibt die Periodisierung nützlich. Sie macht deutlich, wie sich Gesellschaften wandeln und welche Kräfte dabei wirken. Das Mittelalter zeigt exemplarisch, wie aus dem Zerfall alter Ordnungen neue entstehen, ein Prozess, der nie abrupt geschieht, sondern sich über Generationen hinzieht.

Zum Weiterlesen
Jacques Le Goff: Die Geburt Europas im Mittelalter (2015).*
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