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Argentinien – Der Aufstieg einer Exportnation (1850–1930)

Als 1910 die Dampfer aus Genua, Barcelona oder Havanna am Kai von Buenos Aires anlegten, strömten Menschen über die Gangways, die ein neues Leben erwartete. Die Stadt wirkte wie eine offene Bühne der Moderne. Elektrische Straßenbahnen durchquerten die Avenidas, Kaffeehäuser waren randvoll, und die Baustellen der neuen Avenidas zeigten den Anspruch einer Metropole, die sich mit europäischen Hauptstädten vergleichen wollte. Der wirtschaftliche Aufstieg, der diese Welt entstehen ließ, war das Ergebnis eines halben Jahrhunderts tiefgreifender Veränderungen: der Erschließung der Pampa, massiver Migration, ausländischer Kapitalströme und der Konsolidierung eines Staates, den Zeitgenossen als Werk der Generation von ’80 bezeichneten.

Ackerland, Expansion und neue Verbindungen zum Atlantik

Rinder in der Pampa, Eduardo Sivori, 1899

Bevor Getreideschiffe den Río de la Plata verließen, musste das Land selbst erst „gewonnen“ werden. In den Jahren 1878/79 führte der Staat die sogenannten Wüstenfeldzüge – die Conquista del Desierto – durch, militärische Operationen, die die Kontrolle über Patagonien und die südliche Pampa erweiterten und die indigene Bevölkerung dramatisch zurückdrängten. Dadurch standen enorme Flächen für Viehzucht und Ackerbau zur Verfügung.

Mit der territorialen Expansion begannen Straßen und später Eisenbahnen das Binnenland mit Buenos Aires, Rosario und Bahía Blanca zu verbinden. Britisches Kapital finanzierte den Großteil dieser Infrastruktur. Die Schienenstränge ermöglichten, dass Getreide und Wolle nicht mehr Wochen zu den Häfen unterwegs waren, sondern in wenigen Tagen bereitstanden.

Die Exporte ruhten auf drei Säulen, die die gesamte Epoche bestimmten:
Wolle, Getreide und später gekühltes Fleisch.
Diese Struktur steht bei Díaz Alejandro wie ein Leitfaden für das Wirtschaftsmodell des Landes.

Migration und das Entstehen einer neuen Gesellschaft

Europäische Immigranten erreichen Argentinien, 19. Jhdt.

Zwischen 1870 und dem Ersten Weltkrieg erlebte Argentinien eine der größten Einwanderungswellen der Welt. Millionen Europäer – vor allem Italiener und Spanier – erreichten die Häfen des Río de la Plata. Cortés Conde beschreibt diesen Zustrom als grundlegenden Motor des Wachstums.

Die Neuankömmlinge veränderten die Bevölkerungsstruktur tiefgreifend. Buenos Aires wuchs zu einer Stadt, deren Alltag, Architektur und kulturelles Leben viele Besucher als auffallend „europäisch“ beschrieben. Schulen, Zeitungen, Arbeitervereine, Genossenschaften und Handwerksbetriebe entstanden im Rhythmus dieser Migration.

Innerhalb dieser breiten Bewegung gab es einzelne Unternehmer, deren Unternehmen Teil der neuen Exportwirtschaft wurden – etwa Hermann Weil, der im Getreidehandel zu einem der wichtigsten Makler der Pampa wurde, oder Wilhelm Staudt, der technische und elektrotechnische Firmen aufbaute. Solche Beispiele zeigen, wie Migration und Modernisierung ineinandergriffen, ohne dass sie den allgemeinen Trend stellvertretend erklären.

Kapital, Technik und der Staat der „Generation von ’80“

Der wirtschaftliche Aufstieg war ebenso ein Projekt der politischen Elite. Die Generación del Ochenta etablierte ein System, das fiskalische Stabilität, offene Märkte und die Einbindung in internationale Kapitalströme betonte.

Britische Investitionen erreichten außergewöhnliche Dimensionen. Sie flossen in Eisenbahnen, Hafenanlagen, Banken und Versicherungen. Die staatliche Entscheidung für den Goldstandard signalisierte, dass Argentinien seine Finanz- und Geldpolitik eng an die Erwartungen der globalen Kapitalmärkte koppeln wollte.

Gleichzeitig trat im späten 19. Jahrhundert eine technische Neuerung in den Vordergrund: Kühlschiffe. Durch diese Innovation konnten Rind- und Schaffleisch nun exportiert werden. Neben britischen Firmen drangen US-Unternehmen wie Swift und Armour in den Markt ein. Sie bauten Schlachthöfe und Kühlhäuser, die die gesamte Logistik der Fleischwirtschaft veränderten und den Sektor international tief verzweigten.

Die Estancia als Wirtschafts- und Machtzentrum

Hinter dem Exportboom stand eine soziale Struktur, die das Land dauerhaft prägte. Die Estancias waren nicht nur landwirtschaftliche Betriebe, sondern politische Einflussräume. Die großen Familien der Pampa besetzten Schlüsselpositionen in Verwaltung, Parlament und Diplomatie.

Diese Oligarchie begünstigte eine stabile Exportökonomie, sicherte aber auch Besitzverhältnisse, die für viele Landarbeiter wenig Spielraum ließen. Pachtverträge und saisonale Beschäftigung prägten das Landleben, während in den Städten eine wachsende Arbeiter- und Mittelschicht neue Formen gesellschaftlicher Teilhabe forderte.

Die Weltmärkte als Rhythmusgeber

Buenos Aires, 19. Jhdt.

Um 1913 erreichte Argentiniens Pro-Kopf-Einkommen Werte, die Cortés Conde in die Nähe mehrerer europäischer Staaten rückt. Der Reichtum beruhte auf einer engen Verbindung zu globalen Märkten. Schiffe aus Liverpool, Hamburg oder New York holten Getreide und Fleisch ab, und die Preise an der Londoner Börse bestimmten Einkommen und Staatsfinanzen am Río de la Plata.

Doch diese Einbindung hatte eine Kehrseite. Schon geringe Schwankungen der Nachfrage wirkten sich stark aus. Die Abhängigkeit von wenigen Produktgruppen machte die Wirtschaft verwundbar, eine frühe Form struktureller Fragilität, die Díaz Alejandro besonders hervorhebt.

Ein zögerlicher Übergang

Der Erste Weltkrieg stellte die Exportordnung infrage. Transportwege wurden knapp, Kapitalströme unregelmäßig, und staatliche Maßnahmen in Europa behinderten den Handel. Argentinien reagierte mit neuen Instrumenten, etwa staatlichen Unterstützungen und Maßnahmen zur Förderung des Binnenmarkts.

In den 1920er-Jahren wurde deutlich, dass das Land sich zwischen zwei Wegen bewegen musste:
dem alten Exportmodell auf Basis landwirtschaftlicher Güter und einem neuen Ansatz, der auf Binnenproduktion und breitere Industrialisierung setzte.

Paolera und Taylor beschreiben diese Phase als strukturelle Unsicherheit. Die politischen Institutionen öffneten sich, Gewerkschaften gewannen Einfluss, und eine neue Mittelschicht verlangte stärkere Beteiligung. Doch der Versuch, beides gleichzeitig zu verfolgen – Exportorientierung und Binnenmarktstärkung – führte eher zu Spannungen als zu einer klaren Strategie.

Offener Gedanke

Wer die Hafenanlagen von Buenos Aires um 1910 betrachtet, sieht ein Land, das in kurzer Zeit von einer dünn besiedelten Region zu einer exportstarken Volkswirtschaft geworden war. Die Modernisierung war real, und sie beruhte auf einer breiten Verbindung aus Land, Arbeit, Kapital und Technik. Doch schon der Aufstieg führte Strukturen ein, die später schwer zu verändern waren. In dieser frühen Spannung liegt der Ausgangspunkt für das argentinische Ringen um ein stabiles Wirtschaftsmodell im 20. Jahrhundert.

Cordoba, 20. Jhdt.

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Bildnachweis

Titel: Calle Colon, 19. Jhdt.

Alle Bilder gemeinfrei.

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