
Graf Justinien Clary blickt am Nachmittag des 24. Januar 1924 über das weite Eisstadion von Chamonix. Neben ihm stehen die einflussreichen Funktionäre des Internationalen Olympischen Komitees, während die Fanfaren des 6. Bataillons der Gebirgsjäger durch das Tal der Arve schallen. Als Unterstaatssekretär Gaston Vidal die „Wintersportwoche von Chamonix“ offiziell eröffnet, startet er ein Wagnis, dessen olympische Zukunft zu diesem Zeitpunkt völlig ungewiss ist.
Die Idee, sportliche Wettkämpfe auf Eis und Schnee in den olympischen Kanon aufzunehmen, stößt in den frühen 1920er Jahren auf erheblichen Widerstand. Vor allem die skandinavischen Länder verteidigen die Hoheit über ihre eigenen „Nordischen Spiele“. Schweden und Norweger blicken skeptisch auf den französischen Vorstoß, den Graf Clary und der Marquis de Polignac vorantreiben.

Ein Kompromiss ebnet schließlich den Weg: Die Wettbewerbe in Chamonix laufen zunächst lediglich unter dem Etikett „Internationale Wintersportwoche“. Rechtlich gesehen ist die Veranstaltung nur ein Vorspiel zu den Sommerspielen in Paris. Chamonix setzt sich gegen Konkurrenten wie Gérardmer oder Luchon durch, weil die Stadt am Fuße des Mont-Blanc eine Schneegarantie und moderne Unterkünfte verspricht.
Der Kampf gegen die Naturgewalten

Die Vorbereitungen gleichen einem Wettlauf gegen die Zeit. Erst acht Monate vor dem ersten Startschuss beginnen die Bauarbeiten am Stadion und der Bobbahn. Das Projekt verschlingt über 3,5 Millionen Francs – die Gemeinde muss allein zwei Millionen davon stemmen.
Kurz vor der Eröffnung droht der Kraftakt im Chaos zu versinken. Ende Dezember 1923 begraben Schneefälle die Stadt unter einer 1,70 Meter hohen Schicht. Kaum hat die Armee die Wege geräumt, verwandelt ein plötzlicher Warmlufteinbruch die Eislauffläche in einen See. Ein erneuter Temperatursturz rettet die Wettkampfstätten buchstäblich in letzter Minute.
Dominanz aus dem Norden

Auf dem Eis zeigen die Skandinavier sofort ihre technische Überlegenheit. Der Finne Clas Thunberg gewinnt insgesamt fünf Medaillen und wird mit drei Goldtiteln zum Gesicht dieser Spiele. Thunberg triumphiert dabei in der Gesamtwertung, die sich aus den Ergebnissen über 500, 1500, 5000 und 10.000 Meter zusammensetzt. Lediglich über die Kurzstrecke von 500 Metern kann der Amerikaner Charles Jewtraw den Nordeuropäern den Sieg entreißen – er geht damit als erster Winter-Olympiasieger in die Geschichte ein.
Auch in den Loipen führt kein Weg an Norwegen vorbei. Thorleif Haug, der „König des Skisports“, gewinnt den 18-Kilometer-Lauf und den Marathon über 50 Kilometer. Seine Zeit von 3 Stunden 44 Minuten und 32 Sekunden setzt Maßstäbe. Die norwegische Delegation erkämpft insgesamt 17 Medaillen und besetzt damit unangefochten die Spitzenposition im Medaillenspiegel.
Ein Rechenfehler mit 50 Jahren Verspätung

Die sportliche Chronik von Chamonix hielt eine späte Gerechtigkeit bereit. Beim Skispringen auf der Schanze „Le Mont“ landete der Amerikaner Anders Haugen wegen niedriger Haltungsnoten zunächst auf dem vierten Platz – knapp hinter dem Norweger Thorleif Haug, der Bronze erhielt.
Erst 1974 entdeckte ein Historiker einen Rechenfehler in den alten Listen: Haugen war eigentlich besser bewertet worden als sein norwegischer Konkurrent. In einem bewegenden Akt sportlicher Fairness überreichte Anna Maria Magnussen, die Tochter des bereits verstorbenen Thorleif Haug, die Bronzemedaille in Oslo an den mittlerweile 86-jährigen Anders Haugen. Damit gab sie das Edelmetall zurück, das ihr Vater ein halbes Jahrhundert lang zu Unrecht besessen hatte.
Die Übermacht aus Übersee

Während die Skandinavier den Schnee dominierten, offenbarte das Eishockeyturnier die enorme Kluft zwischen der alten und der neuen Welt. Die kanadische Mannschaft, die „Toronto Granites“, demütigte ihre europäischen Gegner regelrecht. In ihren drei Vorrundenspielen erzielten sie unfassbare 85 Tore, ohne einen einzigen Gegentreffer zu kassieren. Im entscheidenden Finalspiel bezwangen sie schließlich die USA mit 6:1 und sicherten sich den Titel in einer sportlichen Dominanz, die bis heute als legendär gilt.
Das Erbe von Chamonix
Am Morgen des 5. Februar 1924 endet die Sportwoche mit der Siegerehrung im Eisstadion. Baron Pierre de Coubertin lobt in seiner Abschlussrede die Qualität der Wettkämpfe und das enorme Publikumsinteresse. Dieser Erfolg führt zu einem Sinneswandel bei den skandinavischen Skeptikern: Da sie ihre Vormachtstellung im Wintersport nun eindrucksvoll unter Beweis gestellt hatten, gaben sie ihren Widerstand gegen ein eigenständiges olympisches Format auf.
Auf dem Olympischen Kongress in Prag 1925 erklärte das IOC die Woche von Chamonix deshalb rückwirkend zu den „I. Olympischen Winterspielen“. Damit war ein eigenständiger Zyklus geschaffen, der den Wintersport endgültig aus dem Schatten des Sommers hob.

Zum Weiterlesen
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Kluge, V. (1998): Olympische Winterspiele. Die Chronik: Chamonix 1924 – Nagano 1998.*
Sorez, J. (2023): Chamonix 1924 les premiers Jeux olympiques d’hiver.*
Bildnachweis
Titel: Eid der Athleten. Chamonix, 1924.
Alle Bilder gemeinfrei.

