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Guerra Estúpida – Protokoll eines sinnlosen Sterbens

Am 15. Juni 1932 erreichte eine bolivianische Expedition unter Major Oscar Moscoso das schimmernde Ufer des Pitiantuta-Sees. In der flirrenden Hitze des Gran Chaco war Wasser das kostbarste Gut. Doch der See war nicht unbesetzt. Der paraguayische Außenposten Carlos Antonio Lopez sicherte die Quelle. Da Moscosos Befehle lauteten, lebenswichtige Wasserstellen im Chaco unter bolivianische Kontrolle zu bringen, zögerte er nicht: Er befahl den Angriff. Ein paraguayischer Gefreiter starb im Kugelhagel, die restlichen Verteidiger flohen in den dichten Busch. Was als lokales Scharmützel um ein Wasserloch begann, entfachte einen Flächenbrand, der als „Guerra estúpida“ – der dumme Krieg – in die Geschichte eingehen sollte.

Die Illusion der Überlegenheit

Buschland des Chaco Boreal, 1902

Der Konflikt schwelte seit Jahrzehnten. Sowohl Bolivien als auch Paraguay beanspruchten das riesige, dornige Buschland des Chaco Boreal für sich. Bolivien, das seit dem Salpeterkrieg keinen eigenen Zugang zum Meer mehr besaß, suchte verzweifelt einen Weg zum Atlantik über die Flüsse des Chaco. In La Paz glaubte man an einen schnellen Sieg. Präsident Daniel Salamanca Urey stand massiv unter Druck; Proteste der Arbeiter und die sinkenden Zinnpreise bedrohten seine Macht.

Befeuert wurde die Aggression durch die Hoffnung auf schwarzes Gold. Gerüchte über gewaltige Ölvorkommen lockten internationale Konzerne wie Standard Oil und Royal Dutch Shell an. Während Bolivien hoffte, mit neuen Quellen im Chaco seine marode Wirtschaft zu stützen, setzte Paraguay auf argentinisches Kapital, um das Gebiet mit Straßen und Eisenbahnen zu erschließen. Bolivien tritt mit einer Armee an, die nach deutschem Vorbild geschult war. Unter dem Kommando des deutschen Generals Hans Kundt vertrauten die bolivianischen Offiziere auf moderne Bewaffnung, Panzer und eine beachtliche Luftwaffe. Doch sie unterschätzten den Gegner und vor allem das Terrain.

Logistik gegen Masse: Der paraguayische Widerstand

Paraguay hatte auf die bolivianische Aufrüstung mit einer stillen, aber effektiven Vorbereitung reagiert. Während die bolivianischen Truppen über tausend Kilometer unbefestigte Straßen aus den Anden herangeführt werden mussten, nutzte Paraguay die Nähe zu seinen Versorgungsbasen und eine Eisenbahnlinie, die tief in den Chaco reichte. Unter dem Strategen José Félix Estigarribia setzten die Paraguayer auf Mobilität. Die Soldaten kannten den „grünen Höllenbusch“.

Paraguayische Soldaten, 1932

In der Schlacht um Boquerón im September 1932 zeigte sich erstmals, dass bolivianische Disziplin allein nicht ausreichte. Obwohl die Bolivianer das Fort zuvor im Handstreich genommen hatten, gelang es den paraguayischen Truppen, die Stellung vollständig einzuschließen. Nach einer verlustreichen Belagerung mussten die bolivianischen Verteidiger schließlich vor der paraguayischen Übermacht kapitulieren. Der Mythos der bolivianischen Unbesiegbarkeit bekam erste Risse und der Krieg weitete sich aus.

Der Grabenkrieg und die Katastrophe von Campo Via

Ab 1933 wandelte sich der Krieg zu einer Materialschlacht. In Orten wie Nanawa verbissen sich die Armeen in Grabenkämpfen. General Kundt ließ seine Männer in verlustreichen Frontalangriffen gegen befestigte paraguayische Stellungen anrennen. Die Hitze, der Staub und vor allem der quälende Durst forderten oft mehr Opfer als die feindlichen Kugeln.

Der Wendepunkt dieser Phase erfolgte im Dezember 1933 bei Campo Via. Durch Umfassungsmanöver kesselte Estigarribia fast die gesamte bolivianische Nordfront ein. Zehntausend bolivianische Soldaten gerieten in Gefangenschaft, riesige Mengen an Ausrüstung fielen in paraguayische Hände. In La Paz führte die Niederlage zum Sturz von General Kundt. Sein Nachfolger Enrique Peñaranda konnte den Verfall der Moral kaum stoppen.

Das bittere Ende am Parapetí

Bolvianische Soldaten im Chaco-Gebiet, zwischen 1932 und 1935

Nach diesen militärischen Erfolgen drängte Paraguay die Bolivianer bis an den Fuß der Anden zurück, doch dort stießen die Truppen an ihre Grenzen. Die jahrelange Kriegsführung hatte das Land wirtschaftlich ausgeblutet. 1934 und 1935 verlagerte sich das Geschehen nach Westen, in die unmittelbare Nähe der tatsächlich existierenden bolivianischen Ölfelder am Gebirgsrand. Hier leisteten die Bolivianer, nun näher an ihren Versorgungszentren, erbitterten Widerstand. Besonders die Schlacht von Villamontes im Februar 1935 zeigte, dass die paraguayische Offensive erschöpft war.

Am 12. Juni 1935 unterzeichneten die Vertreter unter Vermittlung Argentiniens in der Casa Rosada, dem Regierungssitz in Buenos Aires, ein Protokoll, das die Demobilisierung der Armeen einleitete. Als schließlich am 14. Juni 1935 um 12 Uhr mittags die Waffen schwiegen, hinterließen drei Jahre Krieg ein Trümmerfeld. Über 90.000 Menschen hatten ihr Leben verloren – die meisten von ihnen verhungert, verdurstet oder an Krankheiten erlegen.

Ein Erbe aus Staub und Misstrauen

Auf den Waffenstillstand folgten drei Jahre zäher diplomatischer Verhandlungen. Während Bolivien auf seinem historischen Gebietsanspruch beharrte, wollte Paraguay seine militärischen Eroberungen sichern. Erst am 21. Juli 1938 wurde der endgültige Friedensvertrag von Buenos Aires unterzeichnet. Er sprach Paraguay etwa drei Viertel des umstrittenen Gebiets zu. Bolivien erhielt einen schmalen Korridor zum Rio Paraguay und das Recht auf einen Freihafen. Die Hoffnung auf reiche Ölvorkommen im nun paraguayischen zentralen Chaco erfüllte sich nicht; das schwarze Gold fand sich nur in den bolivianischen Gebieten am Rand der Anden.

Für Bolivien markierte die Niederlage eine historische Wende. Das Versagen der Eliten führte zu Aufständen der indigenen Bevölkerung und der Bergarbeiter, was schließlich 1952 in eine Revolution mündete. Die bis dahin herrschende Zinn-Oligarchie wurde entmachtet, Minen verstaatlicht und eine umfassende Landreform eingeleitet. Der Chaco blieb eine karge Region, in der Denkmäler gefallener Soldaten die Erinnerung an einen verheerenden Konflikt wachhalten. Ob die tiefen Gräben zwischen den Nachbarn durch die endgültige Grenzziehung von 2009 wirklich zugeschüttet sind, bleibt eine offene historische Frage.


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Bildnachweis

Titel: Germán Busch mit Paraguayischen Soldaten, 1935.

Alle Bilder gemeinfrei.

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