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Kolonialpolitik und Imperialismus – Deutschlands „Platz an der Sonne“

Im Vergleich zu Großbritannien oder Frankreich trat das Deutsche Reich spät als Kolonialmacht auf. Reichskanzler Bismarck lehnte Kolonien lange ab, da er Konflikte mit London fürchtete und überseeische Besitzungen als wirtschaftliches Risiko betrachtete. Erst auf Druck von Interessengruppen gab er Mitte der 1880er Jahre nach.

1884/85 wurden die ersten „Schutzgebiete“ proklamiert. Dieser Begriff sollte verschleiern, dass es sich um gewaltsame Landnahmen handelte; offiziell gab das Reich vor, lediglich deutschen Handel vor Ort zu „schützen“. Auf der Berliner Kongo-Konferenz spielte Bismarck eine zentrale Rolle: Er moderierte die Aufteilung Afrikas unter den europäischen Mächten. Für Deutschland war dies ein diplomatischer Triumph, da das junge Reich damit als gleichberechtigte Weltmacht am Verhandlungstisch anerkannt wurde.

Wirtschaftliche Erwartungen und ernüchternde Realität

Die Befürworter versprachen sich neue Absatzmärkte und billige Rohstoffe. Zeitgenössische Broschüren zeichneten ein Bild blühender Plantagen, um Auswanderer anzulocken. Die Wirklichkeit sah anders aus. Mit Ausnahme von Togo waren die Gebiete ein finanzielles Fiasko. Hohe Ausgaben für Militär und Verwaltung zehrten die Gewinne auf. Auch der Siedlungsdruck blieb gering: In Deutsch-Südwestafrika lebten um 1900 lediglich 5.000 Siedler einer überwältigenden afrikanischen Mehrheit gegenüber.

Mission und Gewalt

Lothar von Trotha (1848-1920)

Offiziell rechtfertigte das Reich sein Handeln mit einer „zivilisatorischen Mission“. Hinter Schlagworten wie „Ordnung und Fortschritt“ verbarg sich eine rücksichtslose Umgestaltung der Kolonien nach deutschem Vorbild. Die Praxis war brutal: Wer sich der Zwangsarbeit oder den Enteignungen widersetzte, wurde mit der „Nashornpeitsche“ bestraft oder hingerichtet.

Besonders einschneidend war der Krieg gegen die Herero und Nama (1904–1908). Nach einem Aufstand erließ General Lothar von Trotha den Vernichtungsbefehl. Zehntausende starben in der wasserlosen Omaheke-Wüste. Heute gilt dies als der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts. In Deutsch-Ostafrika führte die gewaltsame Einführung von Baumwoll-Plantagen 1905 zum Maji-Maji-Aufstand. Durch die deutsche Strategie der „verbrannten Erde“ verhungerten dort schätzungsweise bis zu 300.000 Menschen.

Kolonialbegeisterung im Reich

Während in den Überseegebieten massive Gewalt herrschte, wuchs in der Heimat eine euphorische Stimmung. Vereine wie die Deutsche Kolonialgesellschaft warben mit Ausstellungen für den Imperialismus. In sogenannten „Völkerschauen“ wurden Menschen aus den Kolonien wie Museumsstücke zur Schau gestellt, um das Überlegenheitsgefühl der Deutschen zu füttern. 1897 forderte Staatssekretär Bernhard von Bülow im Reichstag einen „Platz an der Sonne“. Diese Metapher traf den Nerv einer Gesellschaft, die nach nationaler Größe dürstete und Kolonien als Statussymbol einer Weltmacht betrachtete.

Widerstand und die „Hottentottenwahlen“

Doch es gab Kritik. Die SPD unter August Bebel brandmarkte die Kolonialpolitik als staatlich finanzierten Mord. Die Reichstagswahl von 1907 ging als „Hottentottenwahl“ in die Geschichte ein – benannt nach einer damals üblichen, rassistischen Bezeichnung für die Nama. Die Regierung nutzte die Wahl als nationalistisches Plebiszit: Wer gegen die Kolonien stimmte, wurde als „vaterlandsloser Geselle“ beschimpft. Die Kolonialbefürworter siegten deutlich.

Das Ende des Kolonialreichs

Deutschlands Herrschaft blieb eine verspätete Expansion. Im Vergleich zum britischen Empire war es ein Imperium zweiter Klasse, das jedoch die Rivalitäten in Europa gefährlich anheizte. Letztlich blieb die koloniale Ära eine kurze Episode: Mit der Niederlage im Ersten Weltkrieg endete die deutsche Herrschaft jäh. Im Versailler Vertrag von 1919 musste das Reich alle Kolonien abtreten; sie wurden als Mandatsgebiete unter die Verwaltung der Siegermächte gestellt.

Fazit: Expansion mit hohem Preis

Die deutsche Kolonialpolitik brachte Prestige, blieb aber wirtschaftlich ein Verlustgeschäft. Der wahre Preis war das unermessliche Leid in den besetzten Gebieten. In der deutschen Gesellschaft wirkte die Epoche dennoch lange nach – zunächst als Quelle kolonialer Mythen und heute als schmerzhafter Teil der Aufarbeitung unserer Geschichte.


Baumwoll-Transport, Togo, 1885

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Bildnachweis

Titel: SMS Olga bei der Beschießung von Hickorytown (heute Douala, Kamerun), 1884.

Karte: Wikimedia Commons, Jmabel. CC BY-SA 3.0.

Baumwolltransport: Deutsches Ausland-Institut (Bild 137), Bild 137-003030.CC BY-SA 3.0.

Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

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