
Am 17. März 2026 wird Italien den 165. Jahrestag seines Bestehens feiern. Doch in der Bevölkerung ist umstritten, ob dies ein Tag zur Freude ist. Nicht nur im Norden, wo beispielsweise die separatistische Lega Nord für eine Abspaltung der reichen nördlichen Gebiete von Italien eintrat, sondern auch im Süden wird die Vereinigung kritisiert. Häufig werden Verarmung und Ausbreitung krimineller Strukturen auf diesen Einschnitt zurückgeführt.
Das Thema dieses Beitrags ist die Einigung Italiens und die Auswirkungen auf Sizilien. Im Mittelpunkt steht die Frage, inwieweit die politischen Entscheidungen bei der Zusammenführung der einzelnen Regionen zu einem Zentralstaat die heutigen Probleme hervorgerufen haben.
Zunächst wird die historische Situation vor der Vereinigung skizziert – vom Wiener Kongress bis zur Revolution von 1860. Anschließend werden die politischen und wirtschaftlichen Maßnahmen der neuen Regierung untersucht und ihre Folgen für Sizilien dargestellt.
Historische Situation Italiens vor der Vereinigung
Neuordnung nach dem Wiener Kongress (1815)
Nach der Niederlage Napoleons wurde auf dem Wiener Kongress die europäische Landkarte neu gestaltet. Italien wurde in viele Staaten aufgeteilt. Im Norden standen die Toskana, die Lombardei und Venetien unter österreichischem Einfluss. Rom und die angrenzende Region gehörten zum Kirchenstaat. Im Süden herrschten die Bourbonen über das Königreich beider Sizilien, das große Teile des südlichen Festlands einschloss. Einziger freier Staat unter einer italienischen Herrscherdynastie war das Königreich Sardinien-Piemont.
1848 erfasste eine Welle von Revolutionen Europa. Auch in Italien drängten die Bürger nach mehr Freiheit. In Sizilien nahmen die Aufstände ihren Anfang. Doch die Revolutionäre vertraten nicht die Interessen der einfachen Bevölkerung, weshalb die Massen nicht mobilisiert werden konnten.
Situation Siziliens vor der Vereinigung
Der Umsturz missglückte, doch die politische Landschaft veränderte sich. Im Königreich beider Sizilien und in Piemont-Sardinien wurden Verfassungen eingeführt.
Der Handel auf Sizilien war schwach. Mangelnde Rechtssicherheit und fehlendes Vertrauen zwischen den Bürgern erschwerten Kredite und Versicherungen. Die Industrie litt unter dem geringen Handelsvolumen. Im Landesinneren fehlten ausgebaute Verkehrswege, und Rohstoffe wie Eisenerz und Kohle standen nicht zur Verfügung.
Die Landwirtschaft dominierte die Wirtschaft, doch auch sie war von Problemen geprägt:

- Heiße Küstenebenen waren zwar fruchtbar, aber schlechte Erntemethoden, fehlende Infrastruktur und Kriminalität schmälerten die Gewinne.
- Der Weizenanbau litt unter Besitzstrukturen und extensiver Bewirtschaftung mit primitiven Werkzeugen.
- Raubbau senkte die Erträge zusätzlich.
Während der napoleonischen Kriege hatte die britische Präsenz Investitionen gebracht. Nach 1815 fielen jedoch Getreidepreise und Landwerte, die Arbeitslosigkeit stieg. Die Ökonomie blieb instabil, Armut weit verbreitet.
Das Brigantentum hatte im Süden eine lange Tradition. Lucy Riall beschreibt, wie Banditen von mächtigen Familien beschäftigt wurden – um Rache zu üben, Vieh zu stehlen oder politische Gegner zu schwächen. Hinter jedem Banditen habe „immer ein Adeliger, Richter, Bürgermeister oder Polizeichef“ gestanden.
Aufstand und Vereinigung Italiens 1860/61
1860 brachen in Sizilien Unruhen aus. Garibaldi wurde gedrängt, mit seinen Truppen auf die Insel zu ziehen. Seine Freiwilligen eroberten Sizilien, setzten auf das Festland über und nahmen Neapel ein. Damit endete die Bourbonen-Herrschaft.

Doch die Ziele der süditalienischen Bauern unterschieden sich von denen der Einheitskämpfer. Es kam zu Unruhen, die Garibaldi teilweise blutig niederschlagen ließ. Für manche Sizilianer wurden die Befreier zu Besatzern.
Cavour, Ministerpräsident Piemonts, drängte auf schnellen Anschluss, nicht zuletzt, um Garibaldis Vormarsch auf den Kirchenstaat zu stoppen. In Sizilien fand ein Plebiszit statt: Über 99 Prozent stimmten offiziell für die Vereinigung. Viele betrachteten es jedoch als bloße Meinungsabfrage – ohne zu wissen, dass das Ergebnis als verbindliches Anschlussgesuch gewertet werden würde.
1861 wurde der italienische Staat ausgerufen. Erst 1870 waren die heutigen Grenzen erreicht.
Die Zentralstaatslösung

Die Vereinigung kam schnell und überraschend. Cavour hatte ursprünglich nicht vor, ganz Italien zu einigen, sondern vor allem Österreichs Einfluss zu brechen.
Nach Garibaldis Erfolgen 1860 entschied er sich für eine Zentralstaatslösung. Die Verfassung Piemonts wurde auf das gesamte Land übertragen – ebenso König, Hauptstadt und politische Elite.
Diese „Piemontisierung“ (Lucy Riall) ließ in manchen Regionen den Eindruck einer Annexion entstehen. Die Unterschiede zwischen Nord und Süd waren groß: Sprache, Wirtschaft, Ziele der lokalen Eliten. Cavour kannte Sizilien nicht aus eigener Anschauung und überschätzte dessen wirtschaftliches Potenzial.
Die Finanzen: Schulden und Steuern
Piemont brachte hohe Staatsschulden in den neuen Staat ein. Etwa die Hälfte der Verbindlichkeiten des neuen Königreichs Italien entfiel auf Piemont.
Um die Last zu tragen, wurde das strenge piemontesische Steuersystem landesweit eingeführt. Steuern wurden erhöht, neue Abgaben geschaffen. Besonders hart traf die Wiedereinführung der Mahlsteuer 1869 die bäuerliche Bevölkerung Siziliens.
Auch die Landwirtschaft wurde steuerlich verzerrt: Die Grundsteuer wurde teilweise nach Produktivität berechnet. Extensive Großgrundbesitzer zahlten weniger, kleinbäuerliche Betriebe mit intensiver Bewirtschaftung mehr.
Zusätzlich wurde kirchlicher Grundbesitz verkauft. In Sizilien erwarben vor allem Großgrundbesitzer die Flächen. Bauern blieben ausgeschlossen, und eine wichtige kirchliche Kreditquelle brach weg.
Die Wirtschaft
Italien war wirtschaftlich zweigeteilt: ein industrialisierter Norden und ein landwirtschaftlicher Süden. Die Regierung setzte auf Freihandel und orientierte sich am norditalienischen Modell.
Für Sizilien war dies fatal: Gewerbe und Landwirtschaft konnten sich nicht auf dem offenen Markt behaupten. Der Wettbewerb mit amerikanischem Weizen drückte Preise und Löhne, während Lebenshaltungskosten stiegen.
Ein Schutz bestimmter Branchen hätte helfen können. In Neapel etwa gab es vor 1860 eine moderne Metallindustrie, die mit Schutzzöllen hätte wachsen können.
Wahlen und politische Strukturen

Das piemontesische Zensuswahlrecht wurde landesweit eingeführt. Nur etwa zwei Prozent der Bevölkerung durften wählen, vor allem wohlhabende Männer im Norden. Im Süden förderte dies Korruption und Vetternwirtschaft. In Wahlkreisen genügten oft wenige hundert Stimmen für ein Mandat.
Der sizilianische Adel zog sich teilweise zurück, neue bürgerliche Eliten nutzten die Wirren der Revolutionsjahre, um Einfluss zu gewinnen.
Kriminalität und gesellschaftliche Änderungen
Wirtschaftliche Not und neue Gesetze verstärkten Spannungen. Die Wehrpflicht entzog Bauern wichtige Arbeitskräfte. Brigantentum nahm zu, gemischt aus politischen Kämpfern, Deserteuren und Kriminellen.
Die Verwaltung wurde in kleinere Regionen zerschnitten, um den Patriotismus einzudämmen. Schlechte Kommunikation erleichterte es Verbrechern, sich der Justiz zu entziehen. Gewalt, Erpressung und Schutzgelderpressung wurden verbreitet.
Zeitgenössische Beobachter sprachen von einer „Mafia“, doch vermutlich gab es eher lokale Gruppen als eine zentrale Organisation. In Sizilien hatte der Begriff zu dieser Zeit eine positive Konnotation: Schönheit und Unabhängigkeit.
Zum Weiterlesen
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- Finley/Mack Smith/Duggan: Geschichte Siziliens und der Sizilianer – Standardwerk mit umfassendem Überblick.*
- Friederike Hausmann: Garibaldi – Die Geschichte eines Abenteurers, der Italien zur Einheit verhalf – biografische Perspektive.*
Bildnachweis
Titelbild: Victor Emmanuel II trifft Giuseppe Garibaldi, Ölgemälde von Gerolamo Induno, zwischen 1875 und 1879
Alle Bilder public domain.

