Im Süden der Peloponnes liegt das Eurotastal, flankiert vom mächtigen Taygetos im Westen und vom Parnon im Osten. Wer heute auf die Ebene von Mistra oder Amyklai blickt, sieht fruchtbares Land, das sich über Kilometer erstreckt. In dieser Landschaft entstand Sparta. Vor den dorischen Siedlern war Lakonien Teil der mykenischen Welt.
Frühmykenische Spuren

Schon im 15. Jahrhundert v. Chr. gab es in Lakonien kleinere Machtzentren. Das Tholosgrab von Vapheio, südlich von Amyklai, ist bis heute ein eindrucksvolles Zeugnis dieser Zeit. Bei seiner Öffnung fanden sich Goldringe, kunstvoll gestaltete Stierbecher und ein fast einen Meter langes Bronzeschwert. Solche Beigaben zeigen den Rang des hier bestatteten Mannes, vermutlich ein lokaler Herrscher mit Gefolgsleuten und Handelskontakten.
Auch bei Pellana, nördlich von Sparta, kamen mächtige Kammergräber ans Licht. Funde von Keramik im sogenannten Palaststil deuten auf eine einflussreiche Familie hin. Ob diese Dynasten über eine Machtbasis verfügten, die mit den Herrschern in Mykene, Tiryns oder Pylos vergleichbar war, ist unklar. Fest steht, dass Lakonien eng mit den übrigen mykenischen Herrschaftsgebieten verbunden war.
Das Menelaion bei Sparta

Etwa drei Kilometer östlich der späteren Stadt Sparta erhob sich das Menelaion. Dort fanden Archäologen die Reste mehrerer Herrenhäuser aus der Spätbronzezeit. Sie zeigen Bauphasen, Zerstörungen und Neubauten, ein Hinweis auf wechselnde Machtverhältnisse. Um 1200 v. Chr. brannte das letzte Gebäude nieder, und die Siedlung verfiel. Für die homerischen Dichter blieb das Menelaion dennoch ein fester Bezugspunkt. Sie verlegten hierher den Palast des Menelaos, des Königs von Sparta und Gemahls der schönen Helena. Archäologisch ist dafür kein Nachweis erhalten, doch die Dichtung verankerte Lakonien dauerhaft in der griechischen Sagenwelt.
Verbindungen zur mykenischen Welt
Möglicherweise taucht der Name „Lakedaimon“ schon in mykenischen Texten auf, eindeutig belegt ist dies aber nicht. Sicher ist, dass Lakonien in die politischen und wirtschaftlichen Netzwerke der Palastzeit eingebunden war. Importfunde aus Kreta, den Kykladen und der Argolis zeigen, dass die Region am Fernhandel teilnahm. Lokale Eliten konnten dadurch ihre Stellung festigen und Gefolgschaften unterhalten.
Trotz dieser Einbindung blieb Lakonien dezentral. Während Pylos in Messenien einen ausgeprägten Palaststaat entwickelte, herrschten hier offenbar mehrere kleinere Familien, die in lockerer Konkurrenz standen. Die Macht reichte meist nur über ein lokales Tal hinaus.
Der Umbruch um 1200
Wie überall im mykenischen Griechenland brachte das frühe 12. Jahrhundert einen tiefen Einschnitt. In Pylos, Tiryns und Mykene gingen die Paläste in Flammen auf. In Lakonien gibt es keine vergleichbaren Großkatastrophen, doch die Zahl der Siedlungen nahm deutlich ab. Archäologische Spuren deuten auf einen starken Bevölkerungsrückgang.
Die Ursachen dieser Entwicklung sind nicht eindeutig. Diskutiert werden Versorgungsprobleme, Angriffe von außen, innere Konflikte und vielleicht auch Naturereignisse. Sicher ist, dass die politische Ordnung der Paläste zerfiel. Auch in Lakonien endeten lokale Herrschaften. Manche Siedlungen wurden aufgegeben, andere überlebten in bescheidener Form.
Dunkle Jahrhunderte
Nach 1200 blieb Lakonien nicht völlig entvölkert. In Amyklai, Pellana und an der Küste bei Epidauros Limera hielten sich Reste der Bevölkerung. Die dort gefundene Keramik des Übergangsstils Späthelladisch III C zeugt von kultureller Kontinuität inmitten des Wandels. Auffällig ist auch die sogenannte handgemachte „Barbarian Ware“, die in mehreren Regionen Griechenlands erscheint. Ob sie auf zugewanderte Gruppen verweist oder lokale Anpassungen an veränderte Umstände darstellt, ist in der Forschung umstritten.
Im 11. Jahrhundert verstärkte sich der Niedergang fort. Nur noch wenige Siedlungen sind archäologisch nachweisbar. Besonders das zentrale Eurotastal war kaum noch bewohnt. Erst im 10. Jahrhundert zeigt sich wieder ein Aufschwung. Neue Keramikstile, die sogenannte „Amyklaionware“, markieren den Beginn einer neuen Epoche.
Vorboten der Dorier
Sprachliche Indizien weisen darauf hin, dass in dieser Zeit neue Bevölkerungselemente nach Lakonien kamen. Das Idiom der späteren Spartaner gehörte zum dorischen Dialekt, enthielt aber ältere, vordorische Substrate. Der Name „Lakedaimon“ selbst ist mykenischen Ursprungs. Die Vorstellung einer „dorischen Wanderung“ als geschlossener Bewegung ist eine Konstruktion späterer Zeit; wahrscheinlicher handelt es sich um einen allmählichen Prozess kleinerer Zuwanderungen und Anpassungen.

Übergang zur frühen Polis
Im 10. Jahrhundert begannen sich im Eurotastal neue Siedlungen zu formieren. An den Stellen, die später die vier Dörfer Spartas bildeten, taucht erstmals lakonische protogeometrische Keramik auf. Diese Siedlungen lagen günstig: fruchtbare Böden, Zugang zum Eurotas und Schutz durch die umliegenden Hügel.
Aus diesen Anfängen entstand die Gemeinschaft, die bald den Namen „Sparta“ tragen sollte. Noch war sie keine Polis im eigentlichen Sinn, sondern ein lockerer Verband von Dorfsiedlungen. Doch die Grundlagen waren gelegt.
Fazit
Lakonien in mykenischer Zeit war eine Randregion mit kleineren Herrschaften und wechselnden Eliten. Der Zusammenbruch um 1200 traf die Region hart, führte aber auch zu einem Neubeginn. Als im 10. Jahrhundert neue Gruppen ins Eurotastal kamen, stießen sie nicht auf feste Machtstrukturen. Aus dieser besonderen Ausgangslage erwuchs die Möglichkeit, dass hier eine Gemeinschaft entstand, die später zu einer Großmacht Griechenlands wurde.
Zum Weiterlesen
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Karl-Wilhelm Welwei (2013): Sparta: Aufstieg und Niedergang einer antiken Großmacht.*
Bildnachweis
Titel: Menelaion. Wikimedia Commons, Heinz Schmitz.
Tholos-Grab: Wikimedia Commons, Mark Landon, 1990.
Menelaion (im Text): Wikimedia Commons, Heinz Schmitz.
Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

