Ein stiller Morgen in Konstantinopel

Am Morgen nach Justinians Tod liegt Konstantinopel stiller als gewöhnlich. Der Kaiser, der das Reich fast vier Jahrzehnte geführt hat, ist tot. Seine Feldzüge, Gesetze und Bauten bestimmen den politischen Alltag der Zeitgenossen. Doch nun zählt nicht mehr, was er hinterlassen hat, sondern wer handelt. Im Palast beginnt ein Tag, an dem Entscheidungen fallen, die niemand mehr rückgängig machen kann.
Die Nachfolge fällt Justinians Neffen Justin zu, einem Mann aus dem inneren Kreis, vertraut mit Hofritualen und Machtspielen. Noch bevor die Nachricht in der Stadt ganz angekommen ist, lassen ihn die Höflinge zum Kaiser ausrufen. Geschwindigkeit zählt. Wer zögert, riskiert Unruhe.
Justin II. übernimmt ein Reich, das äußerlich geschlossen wirkt. Die Grenzen reichen von Spanien bis nach Mesopotamien. In Italien und Nordafrika stehen kaiserliche Truppen, in Konstantinopel arbeiten Verwaltung und Kirche eng zusammen. Diese Stabilität beruht jedoch auf laufenden Ausgaben. Sold, Geschenke und Tributzahlungen halten Bündnisse aufrecht. Für den Frieden mit dem Perserreich fließen jährlich etwa 30.000 Goldmünzen, an die Awaren weitere 80.000.

Entscheidungen an den Grenzen
Schon in den ersten Monaten zeigt sich, dass Justin anders regiert als sein Onkel. Er stoppt die Zahlungen an die Awaren. Der Kaiser will Stärke zeigen und zugleich die Schatzkammer entlasten. Die Entscheidung wirkt konsequent, doch sie setzt eine Kette von Reaktionen in Gang. Die Awaren greifen die Balkanprovinzen an und zwingen den Kaiser bald wieder an den Verhandlungstisch.
Auch im Osten verschärft Justin den Ton. Der Frieden mit dem Perserreich ruht auf einem empfindlichen Gleichgewicht. Im Jahr 572 verweigert Justin die vereinbarten Zahlungen, unterstützt Aufstände in Grenzregionen und setzt auf Konfrontation. Was als Demonstration kaiserlicher Entschlossenheit beginnt, mündet rasch in einen neuen Krieg. Die Kämpfe ziehen sich hin, Erfolge bleiben aus, die Kosten steigen.
Eingriffe im Inneren
Währenddessen wächst die Spannung im Reich. Justin greift stärker in religiöse Fragen ein und verschärft den Kurs gegenüber Gruppen, die vom offiziellen Bekenntnis abweichen. Er sucht Durchsetzung, keine Debatte. Einheit im Glauben soll das Reich zusammenhalten. In vielen Provinzen wirken die kaiserlichen Anordnungen jedoch fern und hart. Widerstand regt sich, offen und verdeckt.
Der Kaiser zieht sich zurück

Die Belastung bleibt nicht ohne Folgen. Zeitgenössische Berichte schildern, wie sich Justins Zustand verschlechtert. Er verliert die Kontrolle, reagiert unberechenbar und zieht sich schließlich aus der aktiven Regierung zurück. Die Macht liegt nun bei seiner Frau Sophia und beim General Tiberios. Entscheidungen fallen in kleiner Runde, oft unter erheblichem Zeitdruck.
Im Dezember 574 wird Tiberios zum Mitkaiser erhoben. Vier Jahre später stirbt Justin.
Ein veränderter Ton
Was sich in diesen Jahren abspielt, erklärt sich nicht allein aus persönlichem Scheitern. Justin handelt innerhalb eines Systems, das wenig Spielraum für Fehler lässt. Jeder Schritt an den Grenzen, jede Entscheidung über Geld, jeder Eingriff in religiöse Fragen wirkt sofort auf mehrere Ebenen zugleich. Wer das Reich führt, muss ständig präsent sein und schnell reagieren.
Als Tiberios die Alleinherrschaft übernimmt, verändert sich der Ton. Er verteilt Geld, sucht Ausgleich und versucht, Vertrauen zurückzugewinnen. Das Reich erweitert sich nicht mehr, sondern sichert, was es besitzt.
Zum Weiterlesen
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Peter Schreiner (2011): Byzanz. 565–1453 – Standardwerk zur politischen Geschichte des Byzantinischen Reiches von Justinian bis zum Fall Konstantinopels, mit klarer Chronologie und nüchterner Einordnung*.
Bildnachweis
Titel: Miniatur aus der Chronik des Konstantin Manasses.
Justinian: Wikimedia Commons, Petar Milošević.
Karte: Wikimedia Commons, IvanBondarev.
Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

