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Die Monroe-Doktrin und Europa 1823

James Monroe (1758-1831), 5. US-Präsident

Am 2. Dezember 1823 richtet James Monroe seine siebte Jahresbotschaft an den Kongress der Vereinigten Staaten. Erst im letzten Teil der Rede wendet er sich der internationalen Lage zu. In wenigen Absätzen formuliert er eine Haltung zur Rolle Europas auf dem amerikanischen Kontinent. Weitere Kolonialgründungen durch Staaten der Alten Welt bezeichnet er als unerwünscht. Politische Einflussnahme in den Angelegenheiten der amerikanischen Republiken erklärt er zu einer Frage der Sicherheit der Vereinigten Staaten. Zugleich kündigt er an, dass sich die Vereinigten Staaten aus inneren Angelegenheiten Europas heraushalten wollen.

Die Rede bleibt bewusst allgemein. Sie enthält weder Forderungen noch Fristen und verweist auf keine konkreten Schritte. Monroe zieht eine politische Grenze, ohne einen Handlungsplan zu formulieren.

Die konkreten Anlässe des Jahres 1823

Die Erklärung reagiert auf mehrere Entwicklungen, die sich Anfang der 1820er Jahre überlagern. In Lateinamerika haben sich große Teile der ehemaligen spanischen Kolonien von der Krone gelöst. Spanien bemüht sich um diplomatische Unterstützung, um verlorenen Einfluss zurückzugewinnen. In Europa beraten Russland, Preußen und Österreich im Rahmen der Heiligen Allianz über ein gemeinsames Vorgehen gegen revolutionäre Bewegungen. Auch das monarchistische Frankreich signalisiert Bereitschaft, diese Politik außerhalb Europas zu unterstützen.

Parallel dazu erhebt Russland Ansprüche an der nordamerikanischen Pazifikküste und beansprucht Einflussgebiete weit südlich von Alaska. Diese Vorstöße berühren amerikanische Interessen unmittelbar. Hinzu kommt ein britischer Vorschlag, gemeinsam eine Erklärung gegen mögliche europäische Rückeroberungsversuche in Amerika abzugeben. Diese Konstellation bildet den unmittelbaren Hintergrund der Rede.

Die Rolle von John Quincy Adams

John Quincy Adams (1767-1848)

Die inhaltliche Ausarbeitung der Erklärung geht maßgeblich auf John Quincy Adams zurück. Als Außenminister berät er den Präsidenten in den Monaten vor der Rede intensiv. Einen gemeinsamen Vorstoß mit Großbritannien lehnt er ab. Adams hält eine eigenständige amerikanische Erklärung für politisch klarer und langfristig tragfähiger. Er befürchtet, dass ein abgestimmtes Vorgehen die Vereinigten Staaten in eine abhängige Rolle bringen würde.

Stattdessen setzt er auf eine einseitige Feststellung amerikanischer Interessen. Bestehende europäische Besitzungen werden anerkannt. Neue politische Einflussnahmen in Amerika sollen künftig als unerwünscht gelten. Die Erklärung richtet sich nicht an einen einzelnen Staat, sondern an die europäischen Monarchien insgesamt.

Warum die Erklärung zunächst folgenlos bleibt

Diese Form erklärt, warum die Erklärung in den folgenden Jahren kaum unmittelbare Wirkung entfaltet. Sie bleibt eine einseitige Absichtserklärung ohne völkerrechtliche Bindung.

Europäische Regierungen nehmen sie zur Kenntnis, sehen jedoch keinen Anlass, ihre Politik anzupassen. Vor allem Großbritannien verfolgt ohnehin eigene wirtschaftliche Interessen an offenen lateinamerikanischen Märkten und nutzt seine Seemacht, um spanische Rückeroberungsversuche zu begrenzen. Die Interessen Londons und Washingtons überschneiden sich, ohne dass daraus eine formelle Zusammenarbeit entsteht. Die Erklärung bleibt präsent, fungiert jedoch zunächst als politisches Signal, nicht als Instrument des Handelns.

Mexiko als erste große Bewährungsprobe

Eine deutliche Zuspitzung folgt in den 1860er Jahren. Frankreich entsendet Truppen nach Mexiko und errichtet ein Kaiserreich unter Maximilian von Habsburg. Die Vereinigten Staaten sind zu diesem Zeitpunkt durch den eigenen Bürgerkrieg gebunden und reagieren zurückhaltend. Erst nach Kriegsende erhöhen sie den diplomatischen Druck und verlegen Truppen an die Grenze, was den französischen Rückzug zusätzlich beschleunigt.

Der Abzug Frankreichs und der Zusammenbruch des Kaiserreichs werden in Washington als Bestätigung der eigenen Haltung interpretiert. Die Erklärung von 1823 dient nun rückblickend als Bezugspunkt für ein Handeln, das erstmals auf veränderten Machtverhältnissen beruht.

Ausweitung im frühen 20. Jahrhundert

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verfügen die Vereinigten Staaten über neue Handlungsspielräume. Unter Präsident Theodore Roosevelt wird die Erklärung mit dem Anspruch verbunden, selbst in lateinamerikanische Angelegenheiten einzugreifen, wenn politische Instabilität oder finanzielle Krisen auftreten.

Diese Praxis prägt die amerikanische Politik in der Karibik und in Mittelamerika. Die Erklärung dient nun als historischer Bezugspunkt für eine aktive Einflussnahme, die über ihren ursprünglichen Rahmen hinausgeht.

Eine Verschiebung in den 1930er Jahren

In den 1930er Jahren ändert sich der Kurs erneut. Unter Präsident Franklin D. Roosevelt rückt die Zusammenarbeit der amerikanischen Staaten in den Vordergrund. Direkte Interventionen treten zurück. Verträge, Konferenzen und gemeinsame Institutionen gewinnen an Bedeutung.

In diesem Zusammenhang verliert die Erklärung von 1823 an praktischer Relevanz. Sie wird seltener zitiert und spielt im politischen Alltag kaum eine Rolle. Ihre Präsenz bleibt im Hintergrund erhalten, als bekannte Referenz für eine Haltung, die bei Bedarf erneut aufgegriffen werden kann.


Zum Weiterlesen

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Perkins, D. (1963): A History of the Monroe Doctrine.*
Sexton, J. (2012): The Monroe Doctrine. Empire and Nation in Nineteenth-Century America.*

Bildnachweis

Titel: Victor Gillams politische Karikatur zeigt Onkel Sam mit einem Gewehr zwischen Europäern und Lateinamerikanern, 1896.

Alles gemeinfrei.

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