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Unberechenbarkeit als Machtinstrument – Nixons Madman-Strategie

Am 27. Oktober 1969 hoben von der Luftwaffenbasis Beale in Kalifornien B-52-Bomber ab, beladen mit scharfen Atomwaffen. Sie flogen nordwärts, in Richtung der sowjetischen Grenze, verweilten stundenlang im Luftraum und kehrten schließlich zurück. Offiziell blieb die Mission geheim. Doch im Weißen Haus war man überzeugt, dass die Radare der Sowjets jedes Detail registrierten.

Kalkül des Unberechenbaren

Richard Nixon (1913-1994)

Richard Nixon war erst wenige Monate Präsident, als er seine Außenpolitik mit einem ungewöhnlichen Gedanken unterfütterte. Er wollte, dass die Gegenseite glaubte, er könne in Krisenlagen nicht vollständig berechenbar handeln. Ein Staatschef, so seine Überzeugung, müsse mitunter so wirken, als sei er zum Äußersten bereit. Dann könne er Gegnern den Eindruck vermitteln, ein unkalkulierbares Risiko einzugehen, wenn sie nicht nachgäben.

Diese Idee, später „Madman Strategy“ genannt, knüpfte an ältere Konzepte der nuklearen Abschreckung an. Schon Dwight D. Eisenhower hatte Drohungen mit massiver Vergeltung in den Raum gestellt. Nixon und sein Sicherheitsberater Henry Kissinger wandelten dies ab: Nicht die offene Drohung, sondern die Andeutung, nicht die Rede, sondern die Inszenierung sollte Wirkung entfalten.

Signale an Moskau und Hanoi

Die Operation Giant Lance im Oktober 1969 war der sichtbarste Ausdruck dieser Politik. Die Bomberflüge sollten der sowjetischen Führung verdeutlichen, dass Nixon im Zweifel eine Eskalation in Kauf nahm. Zeitgleich ließen Vertraute des Präsidenten durchsickern, Nixon sei zu spontanen, schwer kontrollierbaren Entscheidungen fähig. Diplomaten, Journalisten und ausländische Beobachter hörten, was sie hören sollten: dass die Vereinigten Staaten unter diesem Präsidenten nicht planbar reagierten.

Die Botschaft richtete sich letztlich nach Hanoi. Nordvietnam sollte zu dem Schluss gelangen, dass weitere Verzögerungen bei den Pariser Friedensverhandlungen gefährlich werden könnten.

Wirkung und Risiken

Nixon und Kissinger, 1973

Ob die Botschaft ankam, bleibt fraglich. Zeitgenössische Quellen aus Nordvietnam lassen eher Zweifel erkennen. Man nahm Nixon als zögerlich wahr, nicht als gefährlich. Auch in Moskau überwog die Einschätzung, die Flüge seien eine kalkulierte Demonstration ohne unmittelbare Konsequenz. Die Verhandlungen zogen sich noch Jahre hin, der Krieg endete nicht.

Damit wurde auch die andere Seite der Madman-Strategie sichtbar: Sie war riskant. Ein Missverständnis hätte zu Eskalationen führen können, die niemand mehr kontrollieren konnte. Nixon nutzte die Logik der Abschreckung, doch er schob sie zugleich gefährlich weit an den Rand.

Nachhall

Spätere Präsidenten griffen gelegentlich auf ähnliche Überlegungen zurück, ohne sie so offen zu verfolgen. Die bewusste Inszenierung des Unberechenbaren blieb umstritten. Sie legte offen, wie eng im Kalten Krieg Psychologie und militärische Macht verbunden waren.

Vielleicht lag die eigentliche Wirkung der Madman-Strategie weniger in Moskau oder Hanoi als in Washington selbst: Sie spiegelte das Selbstverständnis einer Präsidentschaft, die im eigenen Zweifel an Stärke das Bild des Unkontrollierbaren suchte.


Zum Weiterlesen

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William Burr, Jeffrey P. Kimball (2015): Nixon’s Nuclear Specter *

Bildnachweis

Titel: B52-Bomber.

Alle Bilder gemeinfrei.

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