Am 1. Juli 1944 herrscht im Mount Washington Hotel eine geschäftige Unruhe, die so gar nicht zur idyllischen Stille der umliegenden Wälder passen will. Während in Europa und im Pazifik noch der Zweite Weltkrieg tobt, versammeln sich Delegierte aus 44 Nationen in Bretton Woods, einem abgelegenen Ortsteil der Gemeinde Carroll im US-Bundesstaat New Hampshire. In der kühlen Bergluft der White Mountains soll die finanzielle Geburtsstunde einer neuen Ära schlagen. Die Gesandten sind gekommen, um eine Katastrophe zu verhindern: nicht den Krieg selbst, sondern das wirtschaftliche Chaos, das ihm folgen könnte. Die Männer in den schweren Anzügen erinnern sich nur zu gut an die 1930er Jahre, an entfesselte Inflation, Schutzzölle und den verzweifelten Versuch jedes Landes, die eigene Währung auf Kosten der Nachbarn abzuwerten.

In der weitläufigen Lobby des Luxushotels treffen zwei Welten und zwei Männer aufeinander, die das künftige Gerüst der Weltwirtschaft zimmern sollten. Auf der einen Seite steht der britische Starkökonom John Maynard Keynes, ein brillanter Geist, der eine Weltwährung namens Bancor vorschlägt. Auf der anderen Seite agiert Harry Dexter White, der Chefunterhändler des US-Schatzamtes. White hat den Vorteil der harten Realität auf seiner Seite: Die USA halten zu diesem Zeitpunkt zwei Drittel der weltweiten Goldreserven. Das Ziel der Konferenz in der Abgeschiedenheit New Hampshires ist klar: Ein Modell zu schaffen, das den Welthandel stabilisiert und den Wiederaufbau ermöglicht, ohne in die protektionistischen Fehler der Zwischenkriegszeit zu verfallen.
Gold als Anker
Das Ergebnis der dreiwöchigen Verhandlungen ist eine Ordnung fester Wechselkurse, die eine radikale Neuerung darstellt. Es ist die erste verhandelte Währungsordnung der Geschichte. Das Prinzip ist bestechend einfach: Der US-Dollar wird fest an das Gold gebunden, exakt 35 Dollar entsprechen einer Unze Feingold. Gold dient dabei als ultimativer Anker, da es als wertbeständig gilt und nicht beliebig vermehrbar ist – anders als Papiergeld, das Regierungen nach Belieben drucken können. Alle anderen Währungen wiederum koppeln ihren Wert fest an den Dollar. Damit wird der Dollar zum Stellvertreter des Goldes und zur globalen Reservewährung.
Um dieses wacklige Gleichgewicht zu stützen, rufen die Delegierten zwei Institutionen ins Leben, die bis heute das Weltfinanzsystem dominieren: den Internationalen Währungsfonds (IWF) und die Weltbank. Der IWF soll als eine Art Feuerwehr fungieren. Gerät ein Land in Zahlungsnot, leiht ihm der Fonds Reserven, um den Wechselkurs stabil zu halten, anstatt eine ruinöse Abwertung zu erzwingen. Die Weltbank hingegen erhält das Mandat, den physischen Wiederaufbau des zerstörten Europas und später die Entwicklung ärmerer Regionen zu finanzieren. Doch bevor diese Mechanismen greifen können, muss die völlig am Boden liegende europäische Wirtschaft erst wiederbelebt werden.
Der Aufstieg der Pax Americana
Diese Starthilfe leistet ab 1947 der Marshallplan, der Milliardenbeträge in den Wiederaufbau pumpt und damit das Fundament für die goldenen Nachkriegsjahre legt. Die Weltwirtschaft erlebt einen beispiellosen Boom. Da die USA massiv in Europa und Japan investieren, fließen Dollars über den gesamten Globus. Dieser Abfluss ist gewollt: Er versorgt die Welt mit der notwendigen Liquidität, um amerikanische Waren zu kaufen und den Handel anzukurbeln. Der Dollar ist in dieser Ära buchstäblich so gut wie Gold.
Doch unter der glänzenden Oberfläche des wirtschaftlichen Aufstiegs lauert ein Geburtsfehler der Konstruktion, den der belgische Ökonom Robert Triffin früh benennt. Damit die Weltwirtschaft wachsen kann, müssen die USA ständig mehr Dollars ausgeben, als sie einnehmen, sie müssen also ein Defizit in der Leistungsbilanz fahren. Je mehr Dollars jedoch im Ausland zirkulieren, desto stärker schwindet das Vertrauen, dass die USA diese jemals alle wieder in Gold eintauschen könnten. In den 1960er Jahren wird dieses Triffin-Dilemma zur Realität. Die Kosten für den Vietnamkrieg und die ehrgeizigen Sozialprogramme von Präsident Lyndon B. Johnson heizen die Inflation an und schwächen den Dollar.
Der Nixon-Schock und das Ende einer Ära
Anfang der 1970er Jahre steht das mühsam errichtete Gefüge vor dem Abgrund. Die Goldreserven in Fort Knox schmelzen dahin, während Länder wie Frankreich unter Charles de Gaulle dazu übergehen, ihre Dollarbestände aggressiv in physisches Gold umzutauschen. Der Druck auf die US-Währung wird unerträglich.

Am Sonntagabend des 15. August 1971 tritt US-Präsident Richard Nixon vor die Fernsehkameras. In einer überraschenden Rede verkündet er den Nixon-Schock: Die USA setzen die Möglichkeit, Dollars in Gold einzutauschen, einseitig aus. Das Fenster zum Gold ist geschlossen. Was als vorübergehende Maßnahme gedacht war, besiegelt das Ende der in Bretton Woods geschmiedeten Ordnung. Ohne die Bindung an das Gold beginnen die Währungen der Welt frei zu schwanken, ihr Wert wird nun allein durch Angebot und Nachfrage am Markt bestimmt. Es folgen Jahre wirtschaftlicher Turbulenzen und die großen Ölkrisen der 1970er Jahre, die die Weltwirtschaft erschüttern.
Ein Erbe voller Spannungen
Dass der Dollar trotz des Zusammenbruchs der Goldbindung seine Dominanz behielt, lag an einem neuen Machtspiel. In den Jahren nach 1971 setzten die USA bei wichtigen Ölproduzenten wie Saudi-Arabien durch, dass Rohöl ausschließlich gegen Dollar verkauft wird. Durch diese Petrodollar-Regelung wurde jedes Land der Welt dazu gezwungen, weiterhin Dollarreserven zu halten, um die eigene Energieversorgung zu sichern.
So leben wir auch über 50 Jahre nach dem Ende der festen Wechselkurse in der durch das Treffen in New Hampshire geschaffenen Welt. Der IWF und die Weltbank sind weiterhin zentrale Akteure, auch wenn sie oft in der Kritik stehen. Kritiker werfen ihnen vor, Entwicklungsländern harte Sparmaßnahmen aufzuzwingen, die soziale Instabilität fördern. Zudem bleibt die Vormachtstellung des Dollars ein politischer Zündstoff. Da die USA weiterhin die Weltwährung stellen, können sie sich in einem Maße verschulden, das anderen Nationen verwehrt bleibt.
In Krisenzeiten fordern Politiker regelmäßig einen neuen Bretton-Woods-Moment. Die Sehnsucht nach einer stabilen, geordneten Finanzarchitektur bleibt bestehen, doch eine Rückkehr zur Goldbindung scheint in einer Welt des digitalen Geldes und der Kryptowährungen heute ferner denn je.

Zum Weiterlesen
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- Steil, B. (2014): Battle of Bretton Woods: John Maynard Keynes, Harry Dexter White, and the Making of a New World Order. Eine fesselnde Analyse der persönlichen und politischen Kämpfe hinter den Kulissen.*
- Eichengreen, B. (2000): Vom Goldstandard zum Euro: Die Geschichte des internationalen Währungssystems. Ein Standardwerk zur Entwicklung der globalen Finanzordnung.*
Bildnachweis
Titel: Mount Washington Hotel, auf einer Postkarte von 1910.
Alle Bilder gemeinfrei.

