Im Frühjahr 1974 wurde die Bundesrepublik von einer Nachricht erschüttert, deren Tragweite erst allmählich erkennbar wurde. Günter Guillaume, ein Mann aus dem innersten Kreis um Bundeskanzler Willy Brandt, war als Agent des Ministeriums für Staatssicherheit enttarnt worden. Dass ein Offizier der DDR so nah an den Mittelpunkt westdeutscher Macht gelangte, war das Ergebnis einer jahrelangen, präzise angelegten Operation der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), der Auslandsabteilung der Stasi.
Der lange Weg in den Westen
Guillaume kam 1956 mit seiner Frau Christel nach Frankfurt am Main. Sie gaben sich als Flüchtlinge aus, die dem Sozialismus den Rücken gekehrt hatten. In Wahrheit hatten beide einen Auftrag. Die HVA unter Markus Wolf plante, Agenten langfristig in die Bundesrepublik einzuschleusen. Es sollten Personen sein, die sich über Jahre bürgerliche Existenzen aufbauten und so Zugang zu nützlichen Informationen erhielten. Guillaume gehörte zu diesen „Offizieren im besonderen Einsatz“.

Er begann in der SPD-Ortsgruppe, übernahm kleine organisatorische Aufgaben, führte Protokolle, sortierte Listen. Seine Gewissenhaftigkeit fiel auf, seine Ehe erschien solide, seine Haltung loyal. Die frühen 1960er Jahre boten ihm ein günstiges Umfeld. Vertrauen wurde im politischen Alltag häufig über persönliche Zuverlässigkeit hergestellt. Guillaume verstand es, sich einzufügen, und er war geduldig.
Seine Berichte an die HVA, die über verschlüsselte Funkverbindungen und tote Briefkästen liefen, behandelten zunächst Routine. Personalfragen, Stimmungen in den Ortsverbänden, Namen von Funktionären. Nichts, was militärisch bedeutend war, doch im Nachrichtendienst zählt der stetige Fluss von Informationen. Guillaume wurde zu einer Quelle, die selten auffiel, aber regelmäßig lieferte.
Aufstieg ins Kanzleramt
Als Willy Brandt 1969 Bundeskanzler wurde, öffneten sich in der SPD neue Strukturen. Der Regierungswechsel brachte viele Parteiarbeiter aus den Ländern in Bundespositionen. Guillaume, inzwischen Mitglied der Organisationsabteilung, hatte den Ruf eines loyalen Fachmanns für Verwaltungsabläufe. 1970 wurde er ins Bundeskanzleramt versetzt – eine Personalentscheidung unter vielen, die im Rückblick an Gewicht gewann.
Brandt war von einem großen Mitarbeiterkreis umgeben, viele kamen aus der Parteiarbeit. Guillaume führte Termine, bereitete Reisen vor, war diskret und stets verfügbar. Als er 1972 persönlicher Referent des Kanzlers wurde, erreichte er den Höhepunkt seiner Laufbahn. Er begleitete Brandt auf Dienstreisen, nahm an Sitzungen teil, sah vertrauliche Unterlagen.
Für die Stasi war dies ein Erfolg. In Ost-Berlin wurden Guillaumes Berichte nun mit größerem Interesse gelesen, auch wenn sie selten geheime Dokumente enthielten. Die Einschätzungen über die westdeutsche Innenpolitik, über die Stimmung im Kabinett, über Brandts persönliche Befindlichkeit galten als wertvoll. In den internen Analysen der HVA wurden seine Informationen als „hilfreich für politische Einschätzungen“ vermerkt. Das genügte, um ihn weiterzuführen.
Das stille Misstrauen

Schon 1973 kamen erste Zweifel auf. Das Bundesamt für Verfassungsschutz hatte verdächtige Funksprüche abgefangen, in denen sich Codierungen fanden, die zu einem Ehepaar im Umfeld der SPD passen konnten. Die Spur führte schließlich zu Guillaume. Eine kleine Gruppe von Ermittlern begann, ihn zu beobachten, seine Post zu öffnen, seine Kontakte zu prüfen.
Die Situation war heikel. Ein direkter Zugriff hätte einen politischen Skandal ausgelöst, und Brandt befand sich mitten in den Verhandlungen über den Grundlagenvertrag mit der DDR. Also wurde abgewartet. Guillaume arbeitete weiter im Kanzleramt, ohne zu ahnen, dass sein Verhalten längst protokolliert wurde. Er telefonierte häufig mit seiner Frau, schrieb Briefe in kodierten Wendungen, blieb äußerlich korrekt.
Als die Beweise sich verdichteten, informierte der Verfassungsschutz schließlich den Kanzler. Brandt reagierte überrascht, dann bestürzt. Guillaume, der in seinem Büro saß, wusste zu diesem Zeitpunkt noch nichts von den Vorgängen. Am Morgen des 24. April 1974 erschienen Ermittler in seiner Wohnung. Guillaume stellte sich ohne Widerstand. Er nannte seinen Dienstgrad und bat, seine Offiziersehre zu respektieren.
Die Logik der Geheimdienste

Die Stasi hatte Guillaume nicht für eine spektakuläre Mission vorgesehen. Sein Auftrag bestand darin, verlässliche Hintergrundinformationen zu liefern. Dass er in die Nähe des Kanzlers gelangte, ergab sich aus seiner sorgfältig aufgebauten Laufbahn. In Ost-Berlin wurde die Bedeutung seiner Position zwar erkannt, doch die Leitung der HVA hielt seine Berichte für nützlich, nicht für kriegsentscheidend.
Die Akten zeigen, dass Markus Wolf selbst von der Enttarnung erschrocken war. Der Schaden war politisch. Die DDR hatte damit die wichtigste Figur der westdeutschen Ostpolitik in eine Lage gebracht, die seine Regierung lähmte. Brandts Rücktritt wenige Tage später wurde in Ost-Berlin mit Befremden aufgenommen. In Wolfs späteren Erinnerungen erscheint der Fall als Fehlentwicklung, die niemand beabsichtigt hatte.
In der Perspektive der Nachrichtendienste wurde der Fall zu einem Lehrbeispiel. Der eigentliche Zweck der Spionage, das langfristige Sammeln von Informationen, wurde gestoppt, da der Agent zu sehr im Fokus stand. Guillaume selbst blieb bis zuletzt überzeugt, er habe „die Sache des Friedens“ vertreten. Er war ein Sozialist und zugleich ein Mensch, der im Westen seinen Platz gefunden hatte. Später sagte er, er habe den Menschen Brandt geschätzt.
Nachspiel und Wirkung
Guillaume und seine Frau wurden 1975 zu langen Haftstrafen verurteilt. 1981 kam es zu einem Agentenaustausch, der sie in die DDR zurückführte. Dort empfingen sie Offiziere der HVA mit Auszeichnungen, doch die Jahre im Westen hatten Spuren hinterlassen. Guillaume lebte zurückgezogen, seine Frau starb früh.
In der Bundesrepublik führte der Fall zu einer Neuordnung der Sicherheitsprüfungen für Regierungsmitarbeiter. Die Erkenntnis, dass Spionage über persönliche Nähe wirken konnte, veränderte das Denken in den Behörden. Die Affäre blieb ungewöhnlich. Kein weiterer Agent gelangte später in eine vergleichbar unmittelbare Nähe zur politischen Führung der Bundesrepublik.
Zum Weiterlesen
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Michels, E. (2013): Guillaume, der Spion. Eine deutsch-deutsche Karriere. Biographische Studie auf Grundlage der MfS-Akten.
Schreiber, H. (2003): Kanzlersturz – Warum Willy Brandt zurücktrat. Analytischer Blick auf den politischen Kontext.
Bildnachweis
Titel: Brand und Guillaume, 8. April 1974. Wikimedia Commons, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung – Bildbestand (B 145 Bild).
Artikelbild: Brand und Guillaume, zwischen 1972 und 1974. Wikimedia Commons, Pelz.
Markus Wolf: Wikimedia Commons, Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst – Zentralbild (Bild 183).

