Was bringt eine Nationalheldin dazu, ihre Heimat im Schutz der Dunkelheit zu verlassen? Am 27. November 1989 überquerte Nadia Comaneci die rumänisch-ungarische Grenze zu Fuß – 13 Jahre nach ihrem legendären Olympiasieg, der sie zur berühmtesten Rumänin ihrer Zeit gemacht hatte.
Die erste perfekte Zehn der Geschichte

Der 18. Juli 1976 markierte einen Wendepunkt im Turnsport. Die 14-jährige Comaneci vollführte am Stufenbarren eine Übung, die das Kampfgericht mit der ersten „Perfect 10″ der olympischen Turngeschichte bewertete. Die Anzeigetafel in Montreal zeigte zunächst nur „1,0″, weil sie nicht für die Höchstnote programmiert war.
Comaneci stammte aus Onesti, einer Kleinstadt in den Ostkarpaten. Mit sechs Jahren entdeckten sie Bela und Marta Karolyi bei einer Schulsichtung. Das ungarischstämmige Trainerpaar hatte ein System entwickelt, das auf zentralisierter Frühförderung und militärischem Drill basierte. „Wenn ich gesagt habe ‚Zehn Liegestütze!‘, hat sie zwanzig gemacht“, erinnerte sich Bela Karolyi später an seine Schülerin.
In Montreal sammelte die Teenagerin insgesamt sieben perfekte Wertungen und drei Goldmedaillen. Ihre Leistungen am Stufenbarren und Schwebebalken fesselten ein Millionenpublikum. Für die Rumänen, die unter der kommunistischen Diktatur Nicolae Ceaușescus lebten, bedeutete Comanecis Erfolg einen seltenen Moment des Stolzes.
Leben im goldenen Käfig

Nach ihrer Rückkehr aus Montreal erwartete Comaneci jedoch kein privilegiertes Leben. Ceaușescu schmückte sich zwar gern mit seiner Volksheldin, doch ihr Alltag unterschied sich kaum von dem ihrer Zeitgenossen in dem wirtschaftlich schwer angeschlagenen Land. Die Securitate, der rumänische Geheimdienst, überwachte jeden ihrer Schritte.
Die Jahre nach 1976 verliefen turbulent. Interne Querelen führten zur zeitweisen Entlassung ihres Mentors Karolyi. Die Scheidung ihrer Eltern, körperliche Veränderungen während der Pubertät und das wachsende Bewusstsein für ihre Unfreiheit belasteten die junge Sportlerin. 1978 schien ihre Karriere bereits beendet.
Bei den Olympischen Spielen 1980 in Moskau gelang Comaneci jedoch ein beeindruckendes Comeback. Sie erturnte erneut zwei perfekte Wertungen und gewann Gold am Stufenbarren sowie am Boden. Doch dieser Erfolg sollte neue Probleme mit sich bringen.
Konflikt mit dem Regime

Nach Moskau geriet Trainer Karolyi ins Visier der Staatsmacht. Er hatte offen kritisiert, dass sowjetische Turnerinnen bevorzugt bewertet würden. Diese Anschuldigung tolerierte das kommunistische Regime nicht. 1981 nutzte Karolyi eine Promotion-Tour in die USA zur Flucht. Die Überwachung Comanecis verschärfte sich daraufhin erheblich.
Besonders kompliziert gestaltete sich ihr Verhältnis zu Nicu Ceaușescu, dem Sohn des Diktators. Die Beziehung zwischen beiden wurde kontrovers diskutiert. Während einige von einer Affäre sprachen, bezeichneten andere sie als missbräuchliches Abhängigkeitsverhältnis. Comaneci selbst schwieg meist zu diesem Thema.
Der Weg in die Freiheit
Nach dem Ende ihrer aktiven Laufbahn verlor Comaneci ihren Wert als Propagandainstrument. Ihr Leben blieb dennoch stark eingeschränkt: Reiseverbot, ständige Überwachung und finanzielle Schwierigkeiten bestimmten ihren Alltag. „Ich hatte keinen Sonderstatus mehr. Ich hatte Reiseverbot, keine Liebesbeziehung und musste jeden Monat darum kämpfen, etwas zu essen“, schrieb sie später in ihrer Autobiografie.
Als 1989 die kommunistischen Regime in Osteuropa zu wanken begannen, Ceaușescu aber weiter an der Macht festhielt, fasste auch Comaneci einen Entschluss. Am 27. November 1989 machte sie sich in der Dunkelheit auf den Weg zur ungarischen Grenze. Nach einem stundenlangen Fußmarsch durch frostiges Gelände erreichte sie ungarisches Territorium.
Von Budapest flog sie nach Wien und beantragte in der amerikanischen Botschaft Asyl. „Ich habe mich für die Freiheit entschieden“, erklärte sie wenige Tage später vor Reportern am New Yorker Kennedy-Flughafen. Nur drei Wochen nach ihrer Flucht brach das Ceaușescu-Regime zusammen. Der Diktator und seine Frau wurden hingerichtet.
Neubeginn in Amerika

In den USA baute sich Comaneci ein neues Leben auf. Sie wurde erfolgreiche Geschäftsfrau, heiratete den amerikanischen Olympiasieger Bart Conner und bekam 2006 einen Sohn.
Ihre Geschichte zeigt, wie sportlicher Ruhm und politische Unterdrückung miteinander verflochten sein können. Comaneci gelang es, sich aus dieser Verstrickung zu befreien, allerdings erst 13 Jahre nach ihrem größten Triumph. Die perfekte Zehn von Montreal war nur der Anfang einer Geschichte, die weit über den Sport hinausreichte.
Zum Weiterlesen:
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Nadia Comaneci: Letters to a Young Gymnast (2011).* Anekdoten und Gedanken von Comaneci.
Dvora Meyers: „The End of the Perfect 10: The Making and Breaking of Gymnastics‘ Top Score – from Nadia to Now“ (2016). Detaillierte Darstellung der Entwicklung des Turnens seit Comanecis Durchbruch.
Bildnachweis
Titel: Siegerehrung des rumänischen Teams, Montreal 1976. Wikimedia Commons, Mariana Constantin K.
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