Startseite » Der versiegelte Wagen: Lenins riskante Rückkehr

Der versiegelte Wagen: Lenins riskante Rückkehr

Russland 1917 – Folge 2

Am 9. April 1917 rollte ein unscheinbarer grüner Eisenbahnwaggon aus dem Bahnhof von Zürich. An Bord befand sich eine Gruppe von rund 30 russischen Emigranten, angeführt von Wladimir Iljitsch Uljanow, besser bekannt als Lenin.

Die Reise war ein diplomatisches Wagnis. Da Russland sich im Krieg mit dem Deutschen Kaiserreich befand, galt die Durchreise der Revolutionäre als Hochverrat. Doch die deutsche Heeresleitung kalkulierte kalt: Wenn der Agitator in der Hauptstadt eintraf, würde er das Land weiter destabilisieren. Für ihn wiederum war der deutsche Zug das einzige Mittel, um sein Ziel zu erreichen. Er ließ den Waggon als „extraterritorial“ deklarieren – er galt damit faktisch als abgeschirmter Sonderraum. Eine Kreidelinie auf dem Boden trennte die russischen Passagiere symbolisch von den deutschen Begleitoffizieren.

Ein Bahnhof als Bühne

Die Lokomotive M-293, die Lenin im August 1917 nach Finnland brachte

Als der Zug am späten Abend des 16. April 1917 am Finnischen Bahnhof eintraf, erwartete den Rückkehrer eine triumphale Szene. Scheinwerfer zerschnitten die Dunkelheit, eine Ehrenwache aus Matrosen präsentierte die Gewehre, und eine riesige Menschenmenge schwenkte rote Fahnen.

Doch die politische Lage in der Stadt war kompliziert. Die Führer des örtlichen Sowjets – eines Rates aus Arbeitern und Soldaten – empfingen den Exilanten und hofften auf eine Zusammenarbeit aller sozialistischen Kräfte, um die junge Republik zu stützen. Uljanow jedoch suchte die Konfrontation. Noch auf dem Bahnhof kletterte er auf einen Panzerwagen und rief der Menge zu, dass die Februarrevolution nur der erste Schritt gewesen sei. Er forderte den sofortigen Sturz der amtierenden Verwaltung.

Der Kampf um die Aprilthesen

Am nächsten Tag präsentierte der Bolschewiki-Führer im Nobelpalais der Ballerina Kschessinskaja sein Programm: die „Aprilthesen“. Er verlangte die sofortige Enteignung allen Grundbesitzes, die Verstaatlichung der Banken und rief: „Alle Macht den Sowjets!“ Seine Forderungen wirkten selbst auf engste Mitstreiter wie politischer Wahnsinn. Die Parteizeitung Prawda begegnete seinen Plänen zunächst mit deutlicher Skepsis.

Diesen internen Machtkampf gewann er durch Hartnäckigkeit und direkten Druck. Während die Parteispitze zögerte, sprach er in Fabrikhallen und Kasernen direkt zu den Menschen. Er merkte, dass seine radikale Parole von „Brot, Land und Frieden“ bei den hungernden Arbeitern und den kriegsmüden Soldaten sofort zündete. Auf einer Parteikonferenz Ende April nutzte er die Begeisterung dieser einfachen Mitglieder, um die Zweifler in die Enge zu treiben. Wer nicht für den sofortigen Bruch mit der Provisorischen Regierung stimmte, galt fortan als Verräter. Innerhalb weniger Wochen zwang er seine Gefolgschaft auf diesen radikalen Kurs.

Ein neuer Verbündeter

Leo Trotzki (1879-1940)

In dieser aufgeheizten Stimmung kehrte im Mai 1917 Leo Trotzki aus dem Exil in New York zurück. Er war ein brillanter Redner, der Lenin jahrelang kritisch gegenübergestanden hatte. Doch die Realität der Revolution führte sie zusammen.

Trotzki erkannte, dass nur die Bolschewiki die Entschlossenheit besaßen, die Staatsgewalt zu übernehmen. Während Lenin die Strategie im Hinterzimmer entwarf, organisierte Trotzki den praktischen Widerstand in den Betrieben. Letzterer verstand es meisterhaft, den Zorn der Massen in geplante Streiks und bewaffnete Demonstrationen zu lenken.

Das Ende der Doppelherrschaft

Die Provisorische Regierung unter Alexander Kerenski verlor derweil rapide an Rückhalt. Sie hielt am Bündnis mit den westlichen Alliierten fest und befahl eine neue Offensive an der Front, die kläglich scheiterte. In den Arbeitervierteln bildeten sich nun die „Roten Garden“ – bewaffnete Verbände, die nur noch auf einen Befehl warteten.

In Petrograd herrschte eine instabile „Doppelherrschaft“: Auf der einen Seite die offizielle Führung im Winterpalais ohne Rückhalt im Volk, auf der anderen Seite die Sowjets, welche die tatsächliche Kontrolle über Fabriken und Regimenter ausübten. Lenin beobachtete genau, wie die Minister zunehmend die Autorität über die Hauptstadt verloren. Er wartete nur noch auf den richtigen Moment, um diese Pattsituation gewaltsam zu beenden.


Zum Weiterlesen

Links, die mit Sternchen (*) gekennzeichnet sind, führen auf die Seite von Amazon.de. Wenn Sie über diese Links bestellen, unterstützen Sie unsere Arbeit, ohne dass Ihnen Mehrkosten entstehen.

Bildnachweis

Titel: Lenin, 1914.

Lokomotive: Wikimedia Commons, MHlopov. CC SA-BY 4.0.

Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert