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Athen 1896 – Die Geburt der modernen Spiele

König Georg I. von Griechenland tritt am Nachmittag des 6. April 1896 auf die Loge des Panathinaiko-Stadions. Vor ihm drängen sich 50.000 Menschen auf den steilen Rängen, während im Innenraum Athleten aus vierzehn Nationen in Gruppen aufgestellt sind. Mit dem Ausruf „Lang lebe die Nation! Lang lebe das griechische Volk!“ eröffnet der Monarch die ersten internationalen Olympischen Spiele der Neuzeit. In diesem Moment erklingt erstmals die olympische Hymne, gesungen von einem gewaltigen Chor – ein musikalischer Auftakt für ein Projekt, das den Sport weltweit verändern wird.

Der steinige Weg nach Athen

Pierre de Coubertins (1863-1937)

Die Wiederbelebung der antiken Tradition ist eng mit der Person Pierre de Coubertins verbunden. Der französische Baron präsentiert seine Vision eines internationalen Sportfestes erstmals 1894 in Paris. Während Coubertin das Jahr 1900 favorisiert, drängen die Delegierten auf einen früheren Termin, um das internationale Interesse sofort in Taten umzusetzen. Die Wahl fällt auf Athen, um die historischen Wurzeln der Spiele zu ehren.

Griechenland selbst steht zu diesem Zeitpunkt vor dem Staatsbankrott. Häufige Regierungswechsel erschweren die Planung, und die leeren Kassen drohen die Spiele zu stoppen. Dass das Fest dennoch stattfindet, verdankt das Land vor allem dem Kronprinzen Konstantin. Er übernimmt den Vorsitz des Organisationskomitees und überzeugt wohlhabende Privatleute, die Kosten zu tragen. Der Geschäftsmann Georgios Averoff spendet allein fast eine Million Drachmen, womit Arbeiter den Wiederaufbau des antiken Marmorstadions finanzieren.

Streit um die Amateure

Die Organisatoren legen fest, dass nur Amateure teilnehmen dürfen – Sportler also, die kein Geld mit ihrem Sport verdienen. Diese Regel führt zu hitzigen Debatten, da die Definitionen international weit auseinandergehen. Profisportler bleiben konsequent ausgeschlossen; eine Ausnahme gilt lediglich für Fechtmeister im Offiziersrang, für die ein eigener Wettbewerb stattfindet.

In Deutschland und Frankreich formiert sich Widerstand gegen die Reise nach Griechenland. Vor allem die Deutsche Turnerschaft kritisiert das Streben nach Einzelleistungen und Rekorden als unästhetisch. Dennoch reist eine elfköpfige deutsche Turnerriege nach Athen – gegen den ausdrücklichen Befehl ihres Verbandes, der daraufhin mit einem Verweis reagiert.

Von Soldaten und Diskus-Laien

Athen 1896

Die sportlichen Wettkämpfe liefern Szenen, die heute kurios anmuten. In der Bucht von Zea springen die Schwimmer direkt vom Boot in das offene, eiskalte Meer. Das Wasser misst lediglich 13 Grad Celsius. Der Ungar Alfréd Hajós gewinnt die 1200-Meter-Distanz mit gewaltigem Vorsprung, während viele Konkurrenten mit der Kälte kämpfen und das Rennen abbrechen.

In der Arena sorgt der Amerikaner Robert Garrett für eine Überraschung. Er gewinnt den Diskuswurf, eine Disziplin, die in den USA völlig unbekannt ist. Garrett hatte sich zur Vorbereitung einen Diskus nach antiken Zeichnungen schmieden lassen, der jedoch fünf Kilogramm wog und kaum zu führen war. Erst vor Ort bemerkt er, dass das offizielle Wettkampfgerät nur zwei Kilogramm wiegt, und besiegt die griechischen Favoriten mit einem gezielten Wurf.

Den Höhepunkt der Spiele markiert der Marathonlauf. Diese Disziplin wird 1896 neu eingeführt, inspiriert durch die Legende des Boten Pheidippides. Als der Grieche Spyridon Louis – ein Soldat, der während seines Dienstes Wasser transportierte – nach knapp drei Stunden das Ziel erreicht, bricht grenzenloser Jubel aus. Die griechischen Prinzen laufen die letzten Meter an seiner Seite über die Ziellinie. Louis wird zum Nationalhelden; Privatleute schenken ihm Äcker, Kleidung und lebenslang kostenlose Mahlzeiten.

Eine Hymne für die Ewigkeit

100m Lauf, Athen 1896, coloriert

Das Musikstück, das bereits die Eröffnung prägte, entwickelt sich während der Tage von Athen zum Symbol der Spiele. Die olympische Hymne, komponiert von Spyros Samaras nach einem Text von Kostis Palamas, begeistert die Zuschauer bei jeder Darbietung so sehr, dass König Georg I. mehrfach um Wiederholungen bittet.

Die Hymne besingt den unsterblichen Geist des Altertums. Obwohl spätere Austragungsorte oft eigene Stücke in Auftrag geben, kehrt die olympische Welt immer wieder zu diesem Ursprung zurück. Erst 1958 erklärt das Internationale Olympische Komitee (IOC) das Werk von Samaras zur offiziellen Hymne, die seither bei jeder Eröffnung weltweit erklingt.

Abschied unter Wolkenbrüchen

Athen 1896

Heftige Regenfälle erzwingen eine Verschiebung der Schlussfeier von Dienstag auf Mittwoch. Als sich die Athleten schließlich zur Verabschiedung versammeln, trägt der britische Leichtathlet George Stuart Robertson eine selbst verfasste Ode in altgriechischer Sprache vor. König Georg I. zeichnet den Briten für diesen Vortrag spontan mit einem Lorbeerzweig aus.

Anschließend überreicht der Monarch die Preise, wobei das heute übliche Gold noch keine Rolle spielt: Die Sieger erhalten Silbermedaillen und Olivenzweige, die Zweitplatzierten bekommen Bronzemedaillen und Lorbeerzweige. Drittplatzierte gehen bei dieser ersten Austragung noch leer aus. Spyridon Louis führt die Ehrenrunde der Medaillengewinner an, während die Zuschauer ein letztes Mal jubeln. Als der König die Spiele schließlich formell beendet, geht ein Ereignis zu Ende, das trotz aller Improvisation den Grundstein für die heutige globale Sportwelt gelegt hat.


Panathinaiko-Stadion, 2025

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Zeyringer, K. (2018): Olympische Spiele. Eine Kulturgeschichte von 1896 bis heute: Band 1: Sommer.*

Bildnachweis

Titel: Panathinaiko-Stadion, 1896.

Alle Bilder gemeinfrei.

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