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1607 – Die Gründung von Jamestown

Drei kleine Schiffe liegen im Mai 1607 im seichten Wasser des James River. Männer waten an Land, tragen Kisten, Waffen und Werkzeuge über schlammigen Boden. Sie schlagen Pfähle in die Erde und ziehen eine hölzerne Palisade hoch. Der Ort erhält den Namen Jamestown, zu Ehren von König James I. von England. Die Entscheidung für diesen Platz fällt rasch. Das Ufer liegt etwas erhöht und die Schiffe können dicht heranfahren.

104 Männer bilden die erste dauerhafte englische Siedlung in Nordamerika. Unter ihnen befinden sich Adlige, Handwerker, Soldaten. Frauen und Familien fehlen. Die Virginia Company in London hat die Expedition finanziert. Ihr Ziel ist Gewinn. Gold, Handelswege, nutzbare Rohstoffe sollen die Investition rechtfertigen.

Ratssitzung unter freiem Himmel

Jamestown, Karte von 1888

Wenige Tage nach der Landung öffnet sich eine versiegelte Kiste. Darin liegen die Namen des Siedlungsrates, den die Geldgeber bestimmt haben. Edward Maria Wingfield übernimmt den Vorsitz. John Smith, ein erfahrener Soldat mit Stationen in Ungarn und im Mittelmeerraum, gehört ebenfalls dazu. Bereits in den ersten Wochen treten Spannungen auf. Wingfield achtet auf Rang und Stand. Smith fordert verbindliche Arbeitsregeln.

Die Männer errichten Unterkünfte und lagern Vorräte. Trinkwasser stammt aus dem Fluss, der im Sommer brackig wird. Fieber und Durchfallerkrankungen breiten sich aus. Innerhalb weniger Monate sinkt die Zahl der Siedler deutlich. Der Rat setzt Wingfield ab. Smith gewinnt Einfluss, weil er auf Arbeitsteilung drängt. Wer Nahrung will, muss arbeiten.

Begegnung mit Powhatan

Jamestown liegt im Herrschaftsgebiet eines indigenen Machtverbunds unter Führung von Wahunsenacawh, den die Engländer Powhatan nennen. Er kontrolliert ein Netzwerk von etwa dreißig Algonkin sprechenden Gemeinschaften. Seine Dörfer versorgen sich durch Ackerbau und Jagd. Der Fluss dient als Verkehrsweg.

Beide Seiten prüfen einander. Englische Siedler suchen Mais und Kontakte. Powhatans Gesandte beobachten die Neuankömmlinge. Es kommt zu Tauschgeschäften. Kupfer, Glasperlen und Metallwerkzeuge wechseln gegen Mais und Wildfleisch den Besitzer. Gleichzeitig entstehen Konflikte. Einige Engländer plündern Vorräte in umliegenden Dörfern. Bewaffnete Auseinandersetzungen folgen.

Rettung des John Smith durch Pocahontas, Alonzo Chappel, 1865

Im Dezember 1607 gerät John Smith bei einer Erkundung in Gefangenschaft. Powhatans Krieger führen ihn in mehrere Dörfer, schließlich in das Hauptzentrum Werowocomoco. Smith berichtet später von einer Szene, in der Powhatans Tochter Pocahontas sein Leben gerettet habe. Die Quellenlage erlaubt unterschiedliche Deutungen. Pocahontas war zu diesem Zeitpunkt etwa zehn bis zwölf Jahre alt. In der Forschung gilt die geschilderte Situation häufig als mögliches Element eines rituellen Adoptionsprozesses innerhalb von Powhatans politischem System, falls sich die Szene in dieser Form zugetragen hat. Sicher ist, dass Smith Wochen in Gefangenschaft verbringt und danach nach Jamestown zurückkehrt. Für mehrere Monate gelingt es ihm, über regelmäßigen Handel Maislieferungen zu sichern. Diese Kontakte verschaffen der Siedlung eine Atempause.

Arbeit, Hunger und Führung

Im Herbst 1608 übernimmt Smith faktisch die Leitung der Kolonie. Er organisiert Arbeitsgruppen, lässt Häuser instand setzen und verlangt, dass die Siedler selbst Getreide und Gemüse anbauen. Viele Männer verfügen über geringe landwirtschaftliche Erfahrung unter den klimatischen Bedingungen Virginias.

Der Winter 1609 und 1610 geht als „Starving Time“ in die Überlieferung ein. Die Bevölkerung schrumpft drastisch. Zeitgenössische Berichte schildern Hunger und Gewalt. Archäologische Funde aus Jamestown zeigen Tierknochen mit Schnittspuren sowie menschliche Überreste mit Bearbeitungsspuren. Diese Befunde gelten in der Forschung als Hinweise auf Kannibalismus während der Hungerphase.

Smith verlässt Jamestown im Herbst 1609 nach einer Explosion, bei der er schwere Verbrennungen erleidet. Mit ihm verliert die Kolonie eine Führungsperson, die Handel organisiert und Arbeitsregeln durchgesetzt hatte. In den folgenden Monaten wechseln die Verantwortlichen mehrfach. Die Versorgung bricht ein.

Militärische Disziplin und wirtschaftliche Grundlage

Im Juni 1610 erreicht Thomas West, Lord De La Warr, mit frischen Truppen und Nachschub die Kolonie. Kurz zuvor hatten die verbliebenen Siedler Jamestown bereits aufgegeben und den Fluss hinab gesegelt. De La Warr zwingt sie zur Umkehr. Er setzt militärische Disziplin durch, verhängt harte Strafen und ordnet Befehlsketten sowie Arbeitsdienste neu. Seine Amtszeit bleibt kurz. Bereits 1611 verlässt er Virginia aus gesundheitlichen Gründen. Seine Eingriffe wirkten aber langfristig.

In den folgenden Jahren eskaliert der Konflikt mit Powhatans Verbund. Englische Truppen greifen Dörfer an und sichern Anbauflächen. Powhatans Nachfolger Opechancanough organisiert koordinierte Angriffe auf englische Außenposten. Über die Jahre hinweg kommt es immer wieder zu Gewaltausbrüchen.

John Rolfe kultiviert Tabak, Bild von 1874

1612 verbessert sich die wirtschaftliche Lage der Siedlung. John Rolfe beginnt mit dem Anbau einer Tabaksorte, die sich in England gut verkaufen lässt. Tabak verlangt Land und Arbeitskräfte. Entlang des Flusses entstehen Plantagen. Die Virginia Company vergibt Landrechte an Siedler, die ihre Überfahrt selbst finanzieren oder zusätzliche Arbeiter mitbringen. Aus einem Außenposten entwickelt sich ein expandierender Siedlungsraum.

1619 tritt in Jamestown erstmals ein gewähltes Gremium zusammen, das House of Burgesses. Vertreter der Siedlungen beraten über lokale Fragen. Im selben Jahr erreichen die ersten Afrikaner Virginia. Einige von ihnen arbeiten zunächst als zeitlich gebundene Vertragsarbeiter, ähnlich den englischen indentured servants. In den folgenden Jahrzehnten entsteht ein System erblich gebundener Sklaverei.

Warum Jamestown blieb

Frühere englische Siedlungsversuche hatten keinen Bestand. Roanoke verschwand am Ende des 16. Jahrhunderts aus den Quellen. Auch Jamestown stand mehrfach vor dem Ende. Im Frühjahr 1610 wollten die verbliebenen Siedler den Ort aufgeben.

Das Fortbestehen der Kolonie beruhte auf mehreren Faktoren. Versorgungsschiffe erreichten Virginia trotz hoher Verluste. Die militärisch durchgesetzte Disziplin sicherte klare Verantwortlichkeiten und regelmäßige Arbeitsdienste. Der Tabakanbau schuf eine marktfähige Ware, die Investitionen anzog und Siedler band. Landbesitz und Exportwirtschaft bildeten eine stabile wirtschaftliche Grundlage.

1699 verlegte die Kolonialverwaltung ihren Sitz nach Williamsburg. Jamestown verlor seine politische Funktion.


Ruinen Jamestowns, Bild aus dem 19. Jhdt.

Zum Weiterlesen

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Hugh Brogan (2001): The Penguin History of the United States of America.*

Hermann Wellenreuther, Hans R. Guggisberg (2002): Geschichte der USA.*

Bildnachweis

Titel: Nachbauten der Schiffe, die Jamestown 1607 erreichten. Sie liegen heute im historischen Hafen von Jamestown.

Alle Bilder gemeinfrei.

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